Die Führungsetage von Borussia Dortmund sagt weiter geschlossen ​'Nein' zu einer definitiven Stürmer-Verpflichtung im Winter. Unbestritten ist, dass ein Hochkaräter genügen könnte - aber die ständigen Ausfälle von Paco Alcácer sorgen dafür, dass Schwarz-Gelb den Ansprüchen auch in Zukunft hinterherlaufen wird.


Aus unterschiedlichen Gründen ist man sich beim BVB einig, dass die seit Monaten geführte Debatte über einen weiteren Mittelstürmer zu nichts führt. ​Sebastian Kehl bemühte sich Anfang November im 'Aktuellen Sportstudio' darum, die Last auf mehreren Schultern zu verteilen, Hans-Joachim Watzke sieht aufgrund der Anzahl der erzielten Tore keine Notwendigkeit: "Wir haben in der Bundesliga viele Tore geschossen und wir haben auch in der Champions League ordentlich getroffen", sagt er, ​"wir haben also ehrlicherweise kein Problem, Tore zu schießen."


In gewisser Weise hat Watzke recht, denn mit 23 erzielten Toren stellt der BVB in der Bundesliga den viertbesten Angriff nach Borussia Mönchengladbach (24), Bayern München und RB Leipzig (beide 29). Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Schwarz-Gelb schon deutlich treffsicherer war.


BVB: 14 Tore weniger als vor einem Jahr


17 Pflichtspiele haben die Dortmunder vor ihrem Bundesliga-Heimspiel gegen den SC Paderborn am Freitagabend (20:30 Uhr) absolviert, in diesem Zeitraum fielen 32 Tore - vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 46. Dramatisch wird es beim Blick auf die Bilanz in der Bundesliga: Den oben bereits erwähnten 23 Toren stehen 33 aus der Vorsaison gegenüber. Zum jetzigen Zeitpunkt hat der BVB in der Liga 10, in allen Wettbewerben sogar 14 Tore weniger erzielt. 


Im Mittelpunkt steht die Besetzung der Sturmspitze. Vor einem Jahr kam Paco Alcácer vom FC Barcelona. Der Spanier brillierte mit 18 Toren in 26 Bundesligaspielen, insgesamt war er 19 Mal in 32 Pflichtspielen zur Stelle. An den ersten elf Spieltagen der Saison 2018/19 bejubelte Alcácer 8 Tore in 6 Spielen, in dieser Saison war er aber in 8 Einsätzen nur 5 Mal zur Stelle. In allen Wettbewerben traf er 9 Mal in 9 Spielen, aktuell steht er bei 7 Treffern in 12 Partien.


Der nominelle Abfall ist auch bei Marco Reus zu erkennen: Erzielte er in der Vorsaison 8 Tore an den ersten 11 Spieltagen, so steht er nun bei 5 Treffern. Jadon Sancho konnte sich wiederum minimal steigern, genau wie Achraf Hakimi; der Marokkaner erzielte in den bisherigen Champions-League-Spielen 4 der 5 Dortmunder Tore. 


Alcácers Verletzungsanfälligkeit ist das größte Problem

 

Trotz alledem sollte es nicht die größte Sorge der Führungsetage sein, dass das vorhandene Spielermaterial das Toreschießen einstellt. Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, wie lange die Verletzungsanfälligkeit von Alcácer noch ohne Folgen bleibt. Im Vergleich mit dem FC Bayern München, wo mit Robert Lewandowski ebenfalls nur ein nomineller Mittelstürmer im Kader verzeichnet ist, erklärte Watzke: "Wenn der zweite Neuner nicht spielt, ist er sauer, macht Theater. Spielen beide nur eine Halbzeit, verlieren beide ihr Selbstbewusstsein."


Der Haken daran: Lewandowski ist so gut wie nie verletzt. Seit der Saison 2018/19 verpasste der Pole gerade einmal zwei Pflichtspiele. Ein weiteres nennenswertes Beispiel ist Karim Benzema, der im Trikot von Real Madrid im selben Zeitraum nur fünf Spiele verpasste. Alcácer dagegen war bereits 17 Mal zum Zusehen verdammt. Ein ähnliches Problem besitzt der FC Barcelona, der nach dem Abgang von Alcácer voll auf Luis Suarez vertraut - ​der kürzlich einen neuen Konkurrenten forderte und ​vermutlich auch erhalten wird. Ohne den Uruguayer konnte Barça nur 6 von 14 Spielen gewinnen - Dortmund feierte ohne Alcácer nur 9 Siege. 


Gewiss hat Kehl mit seiner Aussage recht, dass die vielen Dortmunder Offensivkräfte ebenfalls Tore erzielen können. Die Position des Mittelstürmers existiert aber nicht ohne Grund, er ist und bleibt der Hauptverantwortliche für das Verzeichnen von Torchancen. Keine Mannschaft der Welt kann es sich leisten, so häufig auf einen Stürmer zu verzichten wie Dortmund auf Alcácer.


Dortmund braucht ein Ass im Ärmel

Auch hier der Vergleich mit Benzema und Lewandowski: Benzema stand seit Beginn der Saison 2018/19 in 68 Pflichtspielen auf dem Platz, traf in diesem Zeitraum 41 Mal. Lewandowski war in 65 Spielen 63 Mal zur Stelle - Alcácer absolvierte derweil nur 44 Spiele und machte 26 Tore. Wenn Borussia Dortmund also die Lücke zu solchen Vereinen schließen will, dann ist es unabdingbar, einen konstanten Angreifer in den eigenen Reihen zu besitzen - oder einen Backup, falls die etatmäßige Neun ausfallen sollte.


Spiele wie das 0:5 beim FC Bayern im April dieses Jahres oder die 0:2-Schlappe bei Inter Mailand vor einem Monat haben aufgezeigt, an welche Grenzen die Mannschaft stoßen kann. An guten Tagen braucht es zwar nicht unbedingt einen reinen Stürmer - das zeigte das Rückspiel gegen Inter -, aber um konstant an der Spitze zu spielen, ist so jemand eben doch gefragt. Und wenn Lucien Favre in Mario Götze nicht die Idealbesetzung sieht, wenn der Posten im Sturmzentrum frei ist, dann sollte der Markt im Winter sondiert werden. Denn nachdem erst Robert Lewandowski und dann Pierre-Emerick Aubameyang konstant für Tore sorgten, hat Alcácer eher mit seinem Körper als mit seinen Qualitäten zu kämpfen.