Marco Reus ist derzeit keine große Hilfe für Borussia Dortmund. Nicht nur, weil der offensive Mittelfeldspieler seit Wochen außer Form ist - sondern auch und viel mehr, weil er in den vergangenen Wochen immer wieder passen musste. Doch anstatt seinen Kapitän vollständig gesund werden zu lassen, vermag es Lucien Favre nicht immer, auf Reus zu verzichten. Demzufolge droht Reus auch das nächste Bundesligaspiel gegen den SC Paderborn (22.11) zu verpassen. Es mangelt an Feingefühl.


In den vergangenen sieben Jahren hat Marco Reus 255 Pflichtspiele für Borussia Dortmund absolviert - aber auch schon 115 Partien verpasst. Der Hauptgrund dafür ist seine hohe Verletzungsanfälligkeit. Ob Muskelfaserrisse, mehrere Außenbandanrisse im Sprunggelenk, Adduktorenprobleme, eine Schambeinentzündung, ein Muskelbündelriss, ein Kreuzbandriss oder zahlreiche weitere muskuläre Beschwerden​. Oft, womöglich zu oft, musste der BVB auf die Qualitäten des 30-Jährigen verzichten.


Vor fast genau einem Jahr veröffentlichte die ​Süddeutsche Zeitung ein Interview mit dem Nationalspieler, in dem auch über die zahlreichen Verletzungen gesprochen wurde. Neben den zahlreichen Ausfällen beim BVB verpasste Reus die Weltmeisterschaft 2014 aufgrund eines Syndesmosebandrisses im finalen Test gegen Armenien, eine Schambeinentzündung verhinderte eine Nominierung für die Europameisterschaft 2016. Er habe "gelernt zu akzeptieren, dass mein Körper vielleicht nicht für 60 Spiele über die volle Distanz in einer Saison gebaut ist. Mein Körper braucht ab und zu mal Pausen, gerade wegen dieser sprintintensiven Position, die ich vorne spiele. Meine Trainer wissen das, und ich habe inzwischen, denke ich, auch einen guten Weg zwischen Belastung und Pausen gefunden", sagte Reus - doch aktuell wird er wieder von Problemen geplagt.


Reus muss angeschlagen spielen


Das Bundesligaspiel gegen Ex-Klub ​Borussia Mönchengladbach absolvierte er trotz eines grippalen Infekts über die volle Distanz. Lizenzspielerleiter Sebastian Kehl und Sportdirektor Michael Zorc relativierten den Wirbel, ​den ein Social-Media-Post des Klubs verursacht hatte - doch wenige Tage später verpasste Reus das Champions-League-Spiel bei Inter Mailand, das mit 0:2 verloren ging. Zwar war er wenige Tage später wieder einsatzbereit, als Schwarz-Gelb zum Revierderby auf Schalke antrat, doch im darauffolgenden Heimspiel gegen den ​VfL Wolfsburg war wieder vorzeitig Schluss.

Nach einer halben Stunde wurde Reus mit Schmerzen am Sprunggelenk ausgewechselt, verpasste auch das Rückspiel gegen Inter. ​Im Spitzenspiel gegen den FC Bayern wurde er zwar für den Kader nominiert, verschwunden waren die Schmerzen aber nicht - und trotzdem kam er in der 61. Minute für Julian Weigl aufs Feld. Gebracht hat das Risiko nichts, Reus setzte beim Stand von 2:0 für die Bayern keine neuen Impulse. Stattdessen legte der Rekordmeister zwei Tore drauf und schickte den BVB mit 4:0 nach Hause.

Marco Reus

        Marco Reus' Einwechslung im Duell gegen die Bayern hat sich nicht gelohnt.



Wieso sich Favre für den riskanten Wechsel entschied, kann nur er selbst beantworten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Reus auch ohne einen Einsatz in der Allianz Arena weiter über Schmerzen am betroffenen Sprunggelenk geklagt hätte. ​Dass er nun aber Bundestrainer Joachim Löw für die finalen EM-Qualifikationsspiele gegen Weißrussland (16.11) und Nordirland (19.11) absagte und in Dortmund lediglich ein individuelles Reha-Programm absolvieren kann, wie Ruhr Nachrichten meldet, hinterlässt allerdings einen bitteren Beigeschmack.

Reus' Einsatz gegen Paderborn ungewiss


So kommt es, dass eine Prognose hinsichtlich eines Einsatzes gegen das Liga-Schlusslicht aus Paderborn in acht Tagen derzeit nicht im Bereich des Möglichen ist. Wie es heißt, müsse die medizinische Abteilung Reus' Gesundheitszustand "von Tag zu Tag" beobachten. Die Ostwestfalen, die ligaweit die zweitmeisten Gegentore (26) kassiert, die wenigsten Siege (1) eingefahren und bereits sechs Zähler Rückstand auf Platz 15 haben, sollten auch ohne den Kapitän eine machbare Aufgabe darstellen. Jedoch steht schon am darauffolgenden Mittwoch das Auswärtsspiel in der Königsklasse beim FC Barcelona auf dem Programm.


Zwar ist der BVB nach dem 3:2-Erfolg über Inter keineswegs zum Siegen verdammt, im Hinspiel (0:0) aber war Reus der entscheidende Mann; einzig Marc-André ter Stegen verhinderte einen Torerfolg. Eine Niederlage und ein gleichzeitiger Sieg der Nerazzurri gegen Slavia Prag würde bedeuten, dass beide Mannschaften punktgleich in den letzten Spieltag gehen. Sollte Inter dann auch das schwächelnde Barça in die Knie zwingen, würde Dortmund aufgrund des verlorenen direkten Vergleichs in die Europa League absteigen.

FBL-GER-BUNDESLIGA-DORTMUND-WOLFSBURG

   Bevor Reus nicht vollständig genesen ist, sind Risiko-Einsätze sinnlos.



Ein Marco Reus in Bestform ist für nahezu jede Mannschaft unverzichtbar. Wie aber soll er wieder zu alter Stärke gelangen, wenn er immer wieder angeschlagen spielt (oder spielen muss)? Solche körperlich sensiblen Spieler sollten die Möglichkeit erhalten, vollständig zu genesen. Paco Alcácer beispielsweise wird nach Verletzungen behutsam aufgebaut, Reus dagegen wurde ein ums andere Mal ins kalte Wasser geworfen. Angemessener wäre es, nichts zu überstürzen und nun abzuwarten, bis das Sprunggelenk tatsächlich keine Probleme mehr bereiten sollte - andernfalls dürfte Reus bis Weihnachten noch einige Partien verpassen.