​Der FC Bayern München ist auf Trainersuche. Das ist an und für sich nichts ungewöhnliches und kommt in den besten Vereinen vor. Was aber außenstehenden Beobachtern schon ein wenig seltsam erscheint, sind vier Absagen renommierter Übungsleiter in vier Tagen. Hat der FC Bayern an Strahlkraft verloren?


"Experiment Kovac" ist gescheitert


Das Experiment, als solches muss man das Biennium des ​Niko Kovac beim deutschen Rekordmeister wohl betiteln, ist am Ende gescheitert. In der letzten Dekade, das heißt ab 2009, hießen die Trainer, die länger als interimsweise bei den Münchenern beschäftigt waren: Louis van Gaal, Jupp Heynckes, Josep Guardiola, Carlo Ancelotti - und Niko Kovac. Wer findet den Fehler? Die vier Vorgänger des Kroaten, dessen einzige, wenn auch durchaus erfolgreiche Trainer-Station zuvor die Frankfurter Eintracht war (1 Pokalsieg), kamen allesamt mit reichlich Vorschusslorbeeren und - beinahe noch wichtiger - mit einer beeindruckenden Titelsammlung an die Säbener Straße. 


Jupp Heynckes hatte - in seinen beiden vorherigen Etappen beim FCB - bereits dort Erfolge in Form von Meisterschaften und Pokalsiegen nachweisen können.  Mit Real Madrid gewann er zudem 1998 die Champions League. 

Auch sein Nachfolger - und späterer Vorgänger - Louis van Gaal wusste schon vor seinem Engagement in München, wie man die wichtigste europäische Vereinstrophäe erobert. Mit Ajax gelang ihm dies in der Spielzeit 1994/95 durch ein 1:0-Finalerfolg gegen den AC Mailand. Ein Jahr später wiederholten die Holländer, wieder unter van Gaals Führung, den Einzug ins Finale, unterlagen dort aber der Alten Dame aus Turin im Elfmeterschießen. 

Carlo Ancelotti und Pep Guardiola schließlich  hatte den Henkelpott sogar schon mehrfach gewonnen, bevor sie in München ihre Zelte aufschlugen. Carleto in den Jahren 2003 und 2007 (mit dem AC Mailand), sowie 2014 mit Real Madrid. 

Guardiola mit "seinem" FC Barcelona in den Jahren 2009 und 2011.

Von den vier genannten konnte indes auch nur Heynckes (2013, im "German Final" zu Wembley) den hohen Erwartungshaltungen in München gerecht werden, und die Champions League-Trophäe nach München holen. 


Bayern läuft seit sechs Jahren der europäischen Top-Konkurrenz hinterher


Sechs Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Und man wird bei einer Rückschau auf diese zurückliegenden Spielzeiten das Gefühl nicht los, dass sich die Bayern seit ziemlich genau zwei Jahren von der europäischen Spitze entfernt haben, statt zu ihr aufzuschließen. Die Schuld dafür alleine dem Trainer, sprich: Niko Kovac, in die Fußballer-Schuhe zu schieben wäre indes der falsche Ansatz. 

Es würde bedeuten, die größeren Zusammenhänge außer Acht zu lassen. 


Ist es Zufall, dass die stetige Abwärtsentwicklung des Klubs, bezogen auf allerhöchste europäische Weihen, beinahe zeitgleich mit der Affäre um die Hoeneß'sche Steuerhinterziehung begann? Seit dieser Zeit wirkte die "Abteilung Attacke" ungewöhnlich dünnhäutig und unsouverän. Angreifbar! Eine so blasse Erscheinung - trotz seiner ständig leicht geröteten Wangen -  wie Karl-Heinz Rummenigge konnte diesen Charisma-Verlust des früheren Managers und seit 2010 Aufsichtsratsvorsitzenden nie kompensieren. 


Und wie das so, ob in einem Fußball-Verein oder in einem "normalen" Wirtschaftsunternehmen: Jede Firma ist so gut wie die in ihr handelnden Führungspersönlichkeiten. Man mag mich altmodisch nennen oder zu sehr im Nostalgischen verharrend, aber bei aller Liebe: Zwischen einem Uli Hoeneß als Manager (oder Sportvorstand) und einem Hasan Salihamidzic liegen in meinen Augen nicht nur Welten, sondern noch ganze Galaxien. 


Wo Hoeneß früher in der Lage war, auch mal intern so richtig auf den Tisch zu hauen und die ganze Bayern München-Familie auf dieselbe Linie einzuschwören, hört man von seinem Nach-Nach-Nachfolger ("Brazzo" folgte auf Matthias Sammer, der wiederum den Hoeneß-Nachfolger Christian Nerlinger beeerbte) bisweilen absurde Statements wie kürzlich: "Ich bin einfach nur da, um da zu sein!" Kann so einer einen Klub zurück in den Kreis der Reals, Barças oder Liverpools  führen? 

Zweifel sind da durchaus angebracht. 


Aktuelle Trainersuche passt irgendwie ins Bild


Die jetzige und bislang recht erfolglose Trainersuche passt da irgendwie wie Faust auf's Auge. 

In früheren Jahren, so meine feste Überzeugung, hätte der FC Bayern nicht mehr als zwei Gespräche führen müssen, um eine zufriedenstellende Option präsentieren zu können. 

Die Bayern im November 2019 jedoch haben jetzt schon bei folgenden Trainern angefragt: 

1) Thomas Tuchel - der will nicht. Und zwar nicht nur jetzt nicht, mitten in der Saison, und mehr als eineinhalb Jahre vor Vertragsende, sondern wohl auch generell nicht. Vor seinem Engagement in der französischen Hauptstadt war er schon einmal von Hoeneß, Rummenigge und Co. umgarnt worden - vergebens. 


2) Ralf Rangnick - will auch nicht, und sieht in seinem internationalen Red Bull-Projekt die verlockendere Aufgabe.


3) Erik ten Hag - will zumindest jetzt nicht. Und strickt stattdessen lieber weiter emsig an seiner Ajax-Legende. 


4) Arsène Wenger - wollte nie und hat das auch so bekundet. Allerdings derart charmant und dezent (und medial zurückhaltend), dass die Münchener dies umgehend nutzten, um ihre eigene - und wohl nicht ganz der Wahrheit entsprechende - Version der Kontaktaufnahme zwischen Klub und Ex-Arsenal Trainer hinauszuposaunen. 


Da Wenger ein Gentleman ist, beließ er es jetzt beim zart süffisanten Kommentar: "Dieser Klub, der immer sehr diskret war, ist nun sehr gesprächig, was Gerüchte von allen Seiten angeht." (Quelle:kicker.de)


Und dieser Klub, der immer so auf sich hielt und sich schon im eigenen Selbstverständnis weit über die heimische (und auch internationale) Konkurrenz erhob ("Mia san mia!"), ist gerade dabei, ein ganz gewöhnlicher Fußballverein zu werden. Und sich von der absoluten europäischen Spitze immer weiter zu entfernen.