Der ​FC Bayern München und Cheftrainer ​Niko Kovac gingen am Sonntagabend getrennte Wege. Seither läuft beim deutschen Rekordmeister die Suche nach einem passenden Nachfolger auf Hochtouren. Bis dieser gefunden ist, leitet der bisherige Co-Trainer Hans-Dieter Flick die Geschicke beim Tabellenvierten. Der 54-Jährige bringt jedoch auch vieles mit, um mehr zu sein, als nur eine kurzzeitige Interimslösung.


"Wir wollen die nächsten beiden Spiele mit Hansi gewinnen. Dann müssen wir schauen, was die Verantwortlichen machen", erklärte Joshua Kimmich am Dienstagnachmittag auf der Pressekonferenz vor dem ​Champions-League-Gruppenspiel gegen Olympiakos Piräus (Mittwoch 18:55 Uhr). Flick bezeichnete der Nationalspieler als "angenehmen Top-Typ. Er hat eine sachliche Ansprache", sagte der 24-Jährige. Nicht nur die Aussagen von Kimmich, sondern auch die Eindrücke beim ersten Training haben gezeigt, dass der Interimscoach bei den Spielern offenbar gut ankommt und Rückhalt in der Mannschaft hat, was bei Kovac zuletzt angeblich nur noch bedingt der Fall gewesen sein soll. 


Bei seiner ersten Einheit suchte der gut gelaunte Übungsleiter immer wieder das Gespräch mit seinen Spielern und unterhielt sich auch lange mit Kapitän Manuel Neuer. "Wir haben heute ein tolles Training gemacht, ich bin total angetan. Die Jungs waren sehr aktiv", ​betonte Flick auf der Pressekonferenz, bei der er einen überzeugenden, sympathischen und sehr motivierten Eindruck hinterlassen hat. "Es ist meine Aufgabe, mit allen zu sprechen", so der 54-Jährige. "Ich bin ein Teamplayer und habe einen guten Draht zu den Spielern. Ich will sie motivieren", erklärte Flick, der allerdings auch klare Erwartungen an sein Team hat. 


Flick kennt die Mannschaft

Das gute Verhältnis zur Mannschaft ist nicht das einzige Argument, das für eine längere Beschäftigung von Flick als Chefcoach spricht. Der bisherige Co-Trainer ist seit Anfang Juli an Bord, kennt die Spieler, die Abläufe im Verein und die aktuellen Probleme, die es zu bewältigen gilt. Ein neuer Cheftrainer hingegen braucht sicherlich eine gewisse Zeit, um sich einzuarbeiten und mit der Mannschaft vertraut zu machen. Ob die Länderspielpause dafür ausreicht, darf dann doch bezweifelt werden. Anpassungsprobleme des neuen Übungsleiters sind zudem nicht gänzlich auszuschließen.


Auch wenn der finanzielle Aspekt beim deutschen Rekordmeister eher eine untergeordnete Rolle spielt, sollte er dennoch erwähnt werden. Mit Blick auf die gehandelten Kandidaten ist Flick sicherlich die günstigste Alternative, was seine Qualitäten als Fußballlehrer keinesfalls schmälern soll. Für Flick wäre es zwar der erste Cheftrainerposten im Profibereich, der 54-Jährige konnte allerdings bereits reichlich Erfahrung als Co-Trainer bei der deutschen Nationalmannschaft (2006 - 2014) sammeln. Zuvor war der ehemalige Bayern-Profi als Assistent bei RB Salzburg und Übungsleiter bei der TSG 1899 Hoffenheim (u. a. Regionalliga) tätig.


Absagenflut die Chance für Flick?

Durch die Absagen von Erik ten Hag, ​Thomas Tuchel und ​Ralf Rangnick hat sich der Kandidatenkreis in den letzten Tagen deutlich verkleinert. Bei der Suche nach einem Kovac-Nachfolger legen die Verantwortlichen dem Vernehmen nach großen Wert auf Deutschkenntnisse, was gegen eine Verpflichtung von Ex-Juve-Coach Massimiliano Allegri spricht. Auch bei Arsene Wenger, der derzeit offenbar die einzig ernsthafte Alternative darstellt, die bis Sommer einspringen könnte, gibt es einige Zweifler. Findet der FC Bayern keinen passenden Kandidaten, ist Flick keinesfalls eine schlechte Wahl. Der 54-Jährige könnte ​zunächst als Übergangslösung bis zum Saisonende installiert werden. Bis zum Sommer hätten die Bayern dann ausreichend Zeit, um zu klären, wie sie die Trainerfrage dauerhaft lösen wollen.


"Ich denke, er ist im Moment genau der richtige Mann", erklärte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Gegen Piräus und ​Borussia Dortmund hat der 54-Jährige nun die Möglichkeit, weitere Argumente für eine längere Anstellung zu sammeln. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass der gebürtige Heidelberger während seiner aktiven Zeit fünf Jahre lang (1985 - 1990) das Trikot des deutschen Rekordmeisters getragen hat, darf er sich auch der Unterstützung der Fans sicher sein. Flick selbst scheint durchaus offen für eine Beförderung zu sein: "Ich kann mir vieles vorstellen", sagte der Interimscoach, dem mit Bayern-Legende Hermann Gerland ein hervorragender Assistent zur Seite gestellt wurde.