Nur 60 Spiele erlebte Carlo Ancelotti auf der Trainerbank des FC Bayern München. Der Italiener sollte als Nachfolger von Pep Guardiola eine Ära fortsetzen, scheiterte aber binnen 15 Monaten. Gegenüber Sport1 sprach sein langjähriger Weggefährte Giorgio Ciaschini über die Zeit in München, die Ancelotti in seinen Augen womöglich noch immer "bedauert."


Im Dezember 2015 ging alles ganz schnell. Der FC Bayern gab bekannt, dass Pep Guardiola seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde und präsentierte im nächsten Atemzug Carlo Ancelotti als dessen Nachfolger. Der hochdekorierte Trainer wurde zuvor englischer, italienischer und französischer Meister, gewann mit dem AC Mailand und Real Madrid dreimal die Champions League, wurde zweimal zum Welt-Klubtrainer des Jahres gekürt und sollte seine geballte Erfahrung ab Sommer 2016 an der Säbener Straße einbringen.


Von Anfang an aber war die Zeit unter Ancelotti kompliziert. Behauptete er noch im Oktober 2015, er könne die Spiele des Rekordmeisters "nicht genießen", da es in der ​Bundesliga "zu wenig echten Wettbewerb" gebe und es den Bayern gelinge, die Meisterschaft zu gewinnen, "ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen" (Gazzetta dello Sport, zitiert via ​Sport Bild), so erlebte er nach seiner Ankunft einen Klub, der sich nach Jahren der Dominanz langsam aber sicher auf dem absteigenden Ast befand.


In der Bundesliga bot der damalige Aufsteiger RB Leipzig den Münchnern die Stirn, der Vorsprung betrug zur Winterpause gerade einmal drei Punkte. Am Ende wurden die Bayern mit 15 Punkten Vorsprung Meister, schieden allerdings im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund aus und mussten sich im Viertelfinale der ​Champions League Real Madrid geschlagen geben. Auf dem Feld offenbarten sich Probleme, die auch heute noch Bestand haben. In den wichtigen Spielen ging die Mannschaft bis an ihre Leistungsgrenze, gegen vermeintlich kleine Gegner präsentierte sie sich lethargisch und sorglos.


Damalige Probleme haben auch heute Bestand


Nach einem 2:2 gegen den ​VfL Wolfsburg und einer 0:3-Niederlage bei Paris St. Germain trennte sich der Klub von Ancelotti. 43 Siege und ein Schnitt von 2,28 Punkten pro Spiel in insgesamt 60 Partien reichten nicht aus - ausschlaggebend dafür war seiner Meinung nach die mangelnde Unterstützung innerhalb des Vereins: "Sie wollten die Dinge nicht ändern und ich schon", kritisierte er die Klubführung im August 2018 bei DAZN (via AZ). "Das Wichtigste ist es, die einzelnen Spieler-Charaktere einzubeziehen und daraus das Spielmodell zu erarbeiten", erklärte er - in München sei jedoch genau das Gegenteil der Fall gewesen.


Wenige Monate später klagte er darüber, dass er von nur fünf Spielern die nötige Unterstützung genossen habe, über die damalige Herbstkrise unter Niko Kovac wunderte er sich indes nicht (via Sportbuzzer): "Bei den Bayern hat sich nichts geändert, die Probleme von vor einem Jahr sind immer noch da, was ich so höre", sagte Ancelotti, der sich auch in der aktuellen Phase bestätigt fühlen dürfte.


Ciaschini: Ancelotti "immer noch betrübt"


Trotz der kritischen Worte hege er gegenüber den Verantwortlichen aber keinen Groll. Das behauptet zumindest sein langjähriger Co-Trainer Giorgio Ciaschini, der bis zu Ancelottis Amtsantritt in München an seiner Seite arbeitete. "Wenn man solch einen großen Klub wie den FC Bayern und so eine schöne Stadt wie München verlassen muss, dann bedauert man das", sagt er. "Ich bin mir sicher, dass Carlo immer noch betrübt ist, wie es gelaufen ist."


In seinen Augen habe es die sportliche Leitung damals verpasst, "den Umbruch einzuleiten und die Mannschaft zu verjüngen. [...] In der Mannschaft herrschte nicht mehr das nötige Gleichgewicht." Tatsächlich warteten die Bayern erst bis zum Sommer dieses Jahres, ehe der Kader grundlegend verändert wurde. Gebessert hat sich die Situation seitdem nicht.


Zudem habe es Zeit gebraucht, ehe Ancelotti das 'Mia-san-mia'-Gefühl und die Identität des Klubs hätte verinnerlichen können, so Ciaschini. "Das war in der Kürze der Zeit aber nicht möglich", kritisiert er; doch dazu könnten auch sprachliche Probleme ihren Teil beigetragen haben. "Eine der Schwierigkeiten von Carlo in München war die deutsche Sprache. Nicht nur im Umgang mit der Mannschaft, sondern auch mit dem gesamten Umfeld des FC Bayern", erinnert er sich, "deshalb kann man schon sagen, dass er größere Schwierigkeiten hatte, sich in München zurechtzufinden, als in seinen anderen Stationen im Ausland." 


Es lag nicht allein an Ancelotti


Die Verpflichtung von Ancelotti könnte man im Nachhinein als Missverständnis einordnen, an ihm allein ist die Schuld für die mangelnde Entwicklung aber nicht auszumachen. Seit 2016 wird der Fortschritt des FC Bayern immer langsamer, bis zum Stillstand dauert es nicht mehr lange. Es muss sich erst etwas innerhalb der Führungsetage bewegen, ehe der Glanz vergangener Jahre zurückkehrt.