​Lang ist es her, da wurden in der Führungsetage von ​Bayer 04 Leverkusen noch Floskeln in den Mund genommen, bei denen das Sparschwein des Sport1-Doppelpasses Purzelbäume geschlagen hätte. Von einem breiteren Kader war die Rede, von Flexibilität und Rotationsmöglichkeiten. Inzwischen wurde das Schwein zerschlagen und die Floskeln zurückgenommen. Und in Frankfurt freut sich ein Ex-Leverkusener, dass er nicht mehr Teil dieses Chaos ist.


Nach dem Spiel gegen Werder Bremen am vergangenen Wochenende ​hatte ich wirklich Hoffnung, dass die Werkself beginnt, die Kurve zu kratzen. Da war Feuer im Spiel, Mentalität und Kampf. Ich war ja so naiv...


​In der zweiten Runde des DFB-Pokals gewann Leverkusen zwar gegen den SC Paderborn, doch so richtig überzeugend war das Duell mal wieder nicht. Noch immer erscheint es so, als ob sich Leverkusen als ballführende Mannschaft enorm schwer tut. Dazu laden defensive Schwächen den Gegner zum Kontern ein. In der eigenen Offensive findet man dagegen kaum Mittel, Tore zu schießen, trotz namhafter (und teurer) Besetzung.


Von Flexibilität will man bei Bayer 04 nichts mehr wissen. Statisch, berechenbar und ohne Inspiration zeigte sich die Werkself im Pokal. Allen voran das Mittelfeld, also das Herz und der Motor jeder Mannschaft, findet keinen Einfluss auf das Spiel. Nach vorne keine Ideen, nach hinten keine Absicherung. In der Leverkusener Schaltzentrale fehlt es am Selbstverständnis.


Wichtig: Anfeindungen sind persönlicher, Kritik sachlicher Natur


Ich selbst halte überhaupt nichts davon, hierbei einzelne Spieler öffentlich an den Pranger zu stellen, sie im Netz zu beleidigen oder sie alleinig für die sportliche Misere verantwortlich zu machen. Man gewinnt im Team, man verliert im Team. Fußball ist und bleibt eine Mannschaftssportart. Der eine oder andere Fan sollte sich das mal wieder in Erinnerung rufen...


Nichtsdestotrotz gehört Kritik zum täglich Gut eines jeden Fußballfans, zumal wenn sie gerechtfertigt ist. Und Leverkusen lässt sich zurecht kritisieren, sowohl bezogen auf die Leistung als auch auf die Organisation. Und genau jetzt schlagen wir den Bogen wieder zurück zum Mittelfeld.


Dort ist Julian Baumgartlinger auf der Sechs absolut gesetzt. Der routinierte Österreicher besticht durch eine sympathische Persönlichkeit und ist nicht umsonst dritter Kapitän nach ​Lars Bender und Kevin Volland. Ungünstig für ihn und den Verein ist es nur, dass Baumgartlinger sein Standing nicht durch sportliche Leistungen begründen kann.


Die Leistungen des 31-Jährigen stehen sinnbildlich für die des Mittelfeldes. Logisch, ist er eben Teil der Leverkusener Zentrale. Dort leistet sich Baumgartlinger einen Bock nach dem anderen, läuft dem Gegner meist hinterher und hat das außerordentliche Talent, das Spiel zu verschleppen und den Pass meist dem Gegner in die Füße zu spielen. Symptomatisch für den Österreicher ist jeweils eine Szene aus den letzten beiden Spielen.


Erst Bremen, dann Paderborn: Baumgartlinger kommt seinem Job als Abräumer nicht nach


So war 'Baumi' wesentlich an dem Ausgleichstreffer der Bremer zum 1:1 beteiligt. Circa 30 Meter vor dem Tor trottete der Sechser nur zum freiliegenden Ball, den sich im Endeffekt Bremens Milot Rashica schnappte. Der lief noch ein paar Meter, schoß aufs Tor und erzielte letztendlich - wenn auch durch eine abgefälscht und glücklich - das Tor. Und Baumgartlinger? Der gab Rashica auf den Metern nur Begleitschutz. Kein Tackling, kein Foul, kein Einsatz. 


Gegen Paderborn das gleiche Spiel. Hier schnappte sich Mittelfeldspieler Christopher Antwi-Adjei die Kugel und hatte im Mittelfeld den Baumgartlinger vor sich. Dieser ging nur halbherzig auf den Ballführenden, der kein Problem hatte, mittels eines kleinen Hakens vorbeizugehen. Das Knie, welches Baumgartlinger um Nuancen in Richtung Antwi-Adjei gestreckt hatte, war optisch kaum zu erkennen und hat im Endeffekt auch nichts gebracht.


Kurzum, Leverkusen hat ein Sechser-Problem. Julian Baumgartlinger hat aktuell nicht das Niveau, welches Leverkusen braucht. Im defensiven Mittelfeld braucht jedes Team einen Kämpfer, einen, der sich immer in jeden Zweikampf reinhaut und sich auch nicht scheut, mal über die Grenzen des Fairen zu gehen. Stattdessen hat Bayer 04 eben einen Baumgartlinger, bei dem man im Raum zwischen ihm und dem Gegner gut und gern den Mannschaftsbus parken könnte.


Der Österreicher scheint völlig von der Rolle zu sein und keinen Bezug in das Spiel zu finden. Falsches Stellungsspiel, falsche Entscheidungen. Von außen gesehen macht es einen wahnsinnig, dass man für die wohl wichtigste Position im Kader keinen Ersatz hat.


Wer könnte Baumgartlinger ersetzen? Niemand.


Denn nun kommt die Pointe: Leverkusen hat keine Alternative zu Baumgartlinger. Mentalitätsmonster Charles Aranguiz ist noch angeschlagen. Laufwunder Lars Bender ist inzwischen Außenverteidiger. Neuzugang Kerem Demirbay ist zu offensiv. Aleksandar Dragovic, der schon einmal improvisiert auf der Sechs zum Einsatz kam, wird aktuell in der Abwehr gebraucht. Baumgartlinger ist also der einzige Spieler, der hier zum Einsatz kommen kann.


Ohne dem Verein nun schlechtes Management vorwerfen zu wollen, muss jedoch gesagt werden, dass man sich dies selbst zuzuschreiben hat. Erst im Sommer 2019 verkaufte man mit Dominik Kohr die Inkarnation eines defensiven Mittelfeldspielers an ​Eintracht Frankfurt. Über die spielerischen Qualitäten von Kohr kann man streiten, allerdings mangelt es dem 25-Jährigen nicht an Einsatz, Kampf und Härte, also den typischen Sechser-Attributen. Der Spieler aus der Leverkusener Jugend ist ein Fighter, der auch mal gern auf den Gegner anstatt den Ball geht, wenn es darauf ankommt. Beim Schönwetterfußball, den Leverkusen unter Peter Bosz aktuell spielt, könnte der Verein solch eine Mentalitätsbestie gut gebrauchen.


Aber nein, man sah sich im Sommer ja breit genug aufgestellt. Guter Witz! Bayer 04 zahlt nun die Quittung für einen fragwürdigen Verkauf, zumal Kohr perspektivisch gesehen die deutlich bessere Wahl gewesen wär, schließlich ist der Neu-Frankfurter sechs Jahre jünger als Baumgartlinger.


Ein großes Puzzleteil im Leverkusener Chaos


Allerdings ist der Österreicher trotz seines langandauernden Formtiefs nicht allein verantwortlich für den fehlenden Schwung aus dem Mittelfeld. Doch als Sechser fallen seine Fehler umso mehr auf und tun umso mehr weh, zumal sie in seinem Fall oft unnötig und vermeidbar sind. Und da man bei ihm auch keinen großen Willen und Einsatz erkennt, muss man sich wirklich fragen, ob Leverkusen nicht lieber ohne Sechser anstatt mit Baumgartlinger spielen sollte.


Für ihn tut es mir leid, dass ich diese Frage stellen muss. Wie gesagt, ich mag ihn von seiner Persönlichkeit her. Aber Fußball ist eben ein Mannschaftssport. Was ist also für die Mannschaft am besten? Wahrscheinlich das Comeback von Aranguiz... Sorry, Baumi.