So wirklich angekommen ist Philippe Coutinho beim FC Bayern München noch nicht. Trotz sechs Torbeteiligungen mehren sich kritische Stimmen über die Leihgabe des FC Barcelona, die im letzten Drittel zeitweise unsichtbar wirkt. Laut Sky-Experte Ewald Lienen hängt das auch mit der Ausrichtung der Münchner zusammen.


Beim ​2:1-Erfolg über Union Berlin setzte Niko Kovac erstmals in dieser Saison auf volle Offensive. In der gespielten 4-1-4-1 Formation begann der Rekordmeister mit dem schnellen Alphonso Davies auf der linken Abwehrseite, Thiago auf der Sechs sowie Philippe Coutinho und Thomas Müller im offensiven Mittelfeld. Kovac hat seine Lektion aus dem Piräus-Spiel offenbar gelernt, in Griechenland setzte er noch auf Coutinho in der Zentrale und Müller auf der Außenbahn, ehe sich die offensive Dreierreihe aufgrund einer Umstellung um eine Position nach links verschob.


Doch gegen Union blieb Coutinho wieder blass. Vom kicker erhielt der Brasilianer zum zweiten Mal in Folge die Note 4, für seine Leistung bei der Niederlage gegen Hoffenheim kassierte er vom Fachmagazin gar eine 5. Nach einem gemächlichen Beginn mit zwischenzeitlicher Steigerung ist Coutinho noch nicht der überragende Faktor, den man sich bei der Verpflichtung erhoffte.


Dietmar Hamann, ​der Coutinho bereits während des Auftritts der Münchner in Piräus kritisierte, legte in seiner Sky-Kolumne nach (zitiert via Sport Bild): "Coutinho spielt momentan schlecht", lautet sein Urteil, "er hat jetzt schon einige Spiele für Bayern bestritten und eine Leistungssteigerung ist für mich überhaupt nicht zu erkennen."

Philippe Coutinho

Harte Worte: Philippe Coutinho (Foto) ist in den Augen von Didi Hamann nicht die gewünschte Verstärkung der Bayern.


Kovac versucht alles, um Coutinho optimal in das Spiel seiner Mannschaft einzubinden, ertragreich war sein Vorhaben abgesehen von zwei Toren und drei Vorlagen gegen den 1. FC Köln, dem SC Paderborn und dem FC Augsburg allerdings nicht. Hamann macht sich infolgedessen für Konkurrent Müller stark: "​Thomas Müller im Winter abzugeben, wäre fatal", schreibt er bezogen auf die anhaltenden Wechselgerüchte, "zum einen, weil ich ihn aktuell für die Mannschaft wertvoller finde als Philippe Coutinho und zum anderen, weil er die letzte große Identifikationsfigur dieser Mannschaft ist."


Lienen bemängelt zu offensive Ausrichtung


Ewald Lienen machte am Sonntagabend bei ​Sky90 derweil die Ausrichtung der Mannschaft für Coutinhos Abtauchen verantwortlich. Dieser sei "ein absoluter Weltklasse-Spieler", brauche aber "einen Sechser, der auch mal die Bälle erkämpft. Wenn ich die Champions League gewinnen will", so Lienen deutlich, "muss ich auf allen Positionen weltklasse sein."


"Javi Martinez ist der einzige Sechser bei Bayern München, der Zweikämpfe gewinnen kann, doch der ist oft nicht dabei", wunderte sich der 65-Jährige über die Personalentscheidungen von Kovac, für dessen taktische Formation gegen Union er kein Verständnis hat. "Ich kann nicht mit drei offensiven Mittelfeldspielern im Mittelfeld spielen. Dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn es in der Bundesliga zwar klappt, international aber nicht, wenn es gegen die Topteams geht."


Die Zentrale hängt in der Luft


Die Hoffnung schien groß, dass sich mit Coutinho das gesamte Angriffsspiel der Bayern verbessern würde - bislang ist davon nichts zu sehen. Zwar war er am Samstag besonders darum bemüht, sich fallen zu lassen, um Thiago auf der Sechs eine vertikale Anspielstation zu ermöglichen, geholfen hat es gegen die defensiv sehr gut organisierten Köpenicker aber wenig. 


Neben zahlreich vergebenen Großchancen mangelt es oftmals an Ideen und Kreativität - also eigentlich den Qualitäten, die Coutinho auszeichnen. Das flügellastige Spiel des Rekordmeisters sorgt aber dafür, dass er den Ball nicht nach seinem Belieben verwalten kann. Gegen tief stehende Gegner greifen die Bayern immer wieder auf Flanken zurück, in der Hoffnung, Robert Lewandowski setzt sich im Kopfballduell durch. 

Thiago

Hat in dieser Saison ebenfalls Schwierigkeiten: Thiago.


Es müsste eine Umstellung auf ein zentral orientiertes Spiel stattfinden, damit Coutinhos Stärken wirklich zum Tragen kommen. Aufgrund der zu großen Abstände im Mittelfeld ist dies aber nicht möglich, da die einzigen Anspielstationen für den Sechser die Innen- oder Außenverteidiger sind. Neben eingerückten Außenverteidigern benötigt es aber auch das offensive Mittelfeld, das sich in Ballnähe fallen lässt, um nicht nur weitere Anspielstationen zu bieten, sondern auch um Bewegung in die Ketten des Gegners zu bekommen. So erspielt sich beispielsweise Inter Mailand freie Räume, die mit hohen Bällen auf Romelu Lukaku oder Lautaro Martinez bespielt werden. 


Mit Lewandowski, der das Spielgerät dann für Coutinho oder einen der Flügelspieler klatschen lassen könnte, hätte man solch einen Zielspieler; da das Spiel bis ins letzte Drittel aber flach gestaltet werden soll, benötigt es vor allem ein kompakteres Mittelfeld, mehr Bewegung in den Linien und die nötige Tiefe im Angriffsdrittel, um die letzte Abwehrreihe zu überspielen. Ist dies nicht gegeben, kann Coutinho mit seiner Spielweise auch nicht den Unterschied machen, da er sich im bislang trägen und steifen Spiel der Bayern kaum Freiräume erarbeiten kann.