Damit hatten wohl nur wenige gerechnet. Am vergangenen Samstagabend zeigte ​Bayer 04 Leverkusen gegen Werder Bremen ein komplett anderes Gesicht. Kampf, Einsatz und Einstellung stimmten - nur die (regulären) Tore fielen ​nicht genug. ​Das 2:2 gegen die Hansestädter kann der Werkself allerdings nun wichtigen Auftrieb geben.


Zuerst einmal muss ich mir selbst den Wind aus den Segeln nehmen. Letzten Donnerstag schrieb ich über Bayer 04 einen ziemlich frustrierten Artikel, ​in dem ich nicht zuletzt auch den Trainer Peter Bosz infrage stellte. Nach jeder Menge Enttäuschung nach den vergangenen Spielen sah ich wenig Hoffnung auf Besserung. Diesen Artikel muss ich nun etwas revidieren.


Die Leistung, die die Werkself am Samstag auf den Platz brachte, hatte es nämlich in sich. Dabei rotierte Bosz auch dieses Mal nur kaum. Statt des erkrankten Kai Havertz rückte Lucas Alario in die Startelf und bildete mit Kevin Volland eine Doppelspitze. Dies war auch die richtige Antwort auf die unter der Woche schwache Offensive gegen Atletico Madrid. Alario avancierte gerade in der zweiten Halbzeit zu einem wichtigen Posten im Sturm und war insgesamt an beiden Leverkusener Toren beteiligt.

Kevin Volland,Lucas Alario

Das Spiel gegen ​Bremen zeigt, dass Bosz zwar nur wenige Kniffe im Team vornimmt, diese allerdings wirken können. Der zweite Stürmer in einem 3-2-3-2-System (seit wann gibt es das eigentlich...?) veränderte das Gesicht des Bayers komplett. "Man hat gesehen, dass es viel besser funktioniert hat. Wir konnten Flanken schlagen und hatten dann auch Abnehmer. Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht", sagt Flügelflitzer Karim Bellarabi im kicker zum neuen System.


Der niederländische Trainer zeigte also, dass er eher auf das System als auf das Personal Einfluss nimmt und nehmen kann. Diese Saison ist der Bayer extrem flexibel und spielte bereits in folgenden Formationen: 4-3-3, 3-2-4-1, 3-2-3-2, 4-1-4-1 und 3-5-2. 


Doch warum zeigte sich die Werkself gerade am Samstag voller Selbstbewusstsein und Feuer?


Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Womöglich übertragt sich ein funktionierendes Spielprinzip auf die Laune der Profis. Wenn es am System hapert, kann auch der beste Spieler nur wenig ausrichten. Gegen Werder merkte man schon zu Beginn, dass Leverkusen Wille und gute Voraussetzungen zum Punktgewinn hat. Nicht ohne Grund fiel das erste Tor in der vierten Spielminute. Vielleicht haben einige Spieler auch einfach ihre kleine Formkrise überwunden und gezeigt, dass sie auch wieder als Einheit funktionieren können. Spieler wie Lars Bender, Nadiem Amiri oder eben Bellarabi und Alario waren endlich wieder elementare Leistungsträger auf dem Feld.

Paulinho

Besonders hervorzuheben ist außerdem Paulinho. Als großer Verfechter des Brasilianers hoffe ich, dass diese halbe Stunde gegen Bremen den Knoten zum Platzen gebracht hat. Paulinho bestach durch hohe Ballsicherheit, Übersicht und Spielwitz. Auch Bellarabi spricht dem Offensivspieler eine große Rolle zu: "Er hat es super gemacht. Man hat gesehen, dass er uns weiterhelfen kann." Ganz Leverkusen freut sich für das junge Talent und erwartet von Bosz, dass er den 19-Jährigen weiter Chancen gibt.


Doch Obacht! Es ist nicht alles Gold, was glänzt.


Doch bevor man hier zu einem Höhenflug starten kann, sollte man auch die letzten Kinderkrankheiten behandeln. Vorneweg steht da natürlich die Chancenverwertung. Zwar traf Leverkusen quasi viermal in das gegnerische Tor, nur zwei der Tore waren aber regulär - laut des DFB zumindest. Einen Kommentar zu der Schiedsrichterleistung spare ich mir, auch in Anbetracht des nicht gegebenen Elfmeters für Bremen.


Leverkusen hätte den Deckel gegen Bremen in der zweiten Hälfte schon früh zumachen müssen. Lobeshymnen bekommt der Bayer aktuell aufgrund der guten Einstellung und nicht aufgrund des Ergebnisses.


Zudem zeigte sich das Bayer-Kollektiv zwar stark, hatte allerdings zwei Wackelkandidaten. Mitchell Weiser auf der linken Seite schwankte während des Spiels zwischen Weltklasse und Kreisklasse. Gute Aktionen machte der Verteidiger häufig mit Fehlpässen und Ballverlusten zunichte. Bei ihm sehe ich persönlich aber noch Hoffnung auf Stabilität.


Anders sieht das schon bei Julian Baumgartlinger aus. Den Österreicher schätze ich als Person sehr und denke, dass man eine solche Persönlichkeit in jeder guten Mannschaft haben sollte. Was sich der Sechser allerdings auf dem Platz erlaubt, grenzt an Wahnsinn. Insbesondere das 1:1 durch Werders Milot Rashica ging auf die Kappe des 31-Jährigen, als er dem Torschützen nur müde hinterher trabte. Allgemein wirkte Baumgartlinger auf dem Platz wie ein Fremdkörper, hing total in der Luft und traf häufig falsche Entscheidungen. Ich weine momentan ein wenig Dominik Kohr nach...


Mit Volldampf in die nächsten Spiele!


Dennoch, das Spiel gegen Werder macht Bock auf mehr! Wenn die Werkself diese Leistung hält und die letzten Probleme aus dem Weg räumt, darf man in Leverkusen zuversichtlich sein. Gegen den SC Paderborn im Pokal und ​Borussia Mönchengladbach in der Liga hat Bayer 04 die Chance, sich weiteren Credit zu verdienen.


Insgesamt erlebte man trotz des Unentschiedens ein schönes Spiel in der BayArena. Auch die Fans zeigten sich hellwach. Spätestens ab dem 2:2 in der 58. Spielminute und dem darauf folgenden Leverkusener Ansturm auf das Bremer Tor konnten selbst große Teile der langen Stadiongeraden nicht mehr stillsitzen. Das oft eher leise Stadion entwickelte sich zu einem Hexenkessel. Und als Amiri vor einer Ecke energisch die Nordkurve aufforderte, noch lauter zu sein, war ich restlos glücklich. 


Genau das ist das Bayer 04, das ich sehen möchte!