Die nicht endende Berichterstattung über Thomas Müller lieferte am Donnerstag neue Erkenntnisse. Angeblich beschäftigen sich ​Inter Mailand und ​Manchester United mit dem Weltmeister von 2014, beide Klubs wollen ihrerseits angeblich schon im Winter vorstellig werden. Müllers Verdienste für den FC Bayern sind unbestritten, aber es ist nicht eindeutig zu sagen, dass er auch andernorts problemlos funktionieren würde.


Thomas Müller ist in aller Munde - erst recht, nachdem Uli Hoeneß am Montag polterte, es sei doch "klar, dass wenn der" - also Philippe Coutinho - "kommt, dass es für den Thomas schwieriger wird." Laut ​Sport Bild soll dem Ex-Nationalspieler diese Aussage besonders missfallen haben, die Gerüchte um ein angebliches Interesse von Inter Mailand und Manchester United kommen da zu einem gelegenen Zeitpunkt.


Am Dienstagabend bewies Müller beim 3:2-Erfolg des FC Bayern bei Olympiakos Piräus aber wieder einmal, wieso es in dieser Saison so schwierig für den Ur-Bayer ist. Seit vielen Jahren ist offensichtlich, dass er auf dem rechten Flügel eher schlecht als recht funktioniert, sich dort entsprechend auch nicht wohlfühlt. Dennoch beorderte ihn Niko Kovac auf jene Position, da dieser mit Philippe Coutinho im zentralen offensiven Mittelfeld, der optimalen Position für Müller, einen anderen Spielertypus bevorzugt.


Müllers Spiel kommt erst in der Mitte zur Entfaltung


Denn der Spielstil des Eigengewächses wird bisweilen als ungewöhnlich eingestuft. Durch seine intelligenten Läufe, mit denen er wie verrückt Bewegung in die letzte Abwehrreihe des Gegners bringt und nicht nur sich selbst, sondern auch und vor allem Robert Lewandowski in Szene setzen kann, hat er sich zu einem einzigartigen Spieler entwickelt. Beim FC Bayern erhielt er am und im Strafraum die nötigen Freiheiten für sein Positionsspiel und seine Raumdeutung, war zudem immer umtriebig im Pressing und ein wichtiger Faktor im Spiel gegen den Ball.


Auf dem Flügel agiert er dagegen behäbig, steif, leistet sich unnötige Ballverluste und spielt ungewohnt viele Fehlpässe. Auch deshalb wurde er von Kovac gegen Piräus noch während der ersten Halbzeit ins Zentrum versetzt, dafür musste Coutinho weichen. Das Resultat: Mit einem Scherenschlag und einer Ablage bei einem Eckball lieferte Müller seine Torvorlagen fünf und sechs. Dafür waren gerade einmal 297 Minuten in der Bundesliga und 93 Minuten in der Champions League nötig.


Trotz seiner Effizienz und seinen unbestrittenen Qualitäten, die dem trägen Angriffsspiel der Bayern durchaus helfen können, erhält Müller von Kovac in dieser Saison nur eine Jokerrolle. Drei Startelfeinsätze in der Bundesliga sind zu wenig für den 30-Jährigen, der auch in seinem zwölften Profi-Jahr beim FC Bayern höchste Ansprüche besitzt. Dass er sich Gedanken über seine Zukunft macht, ist verständlich, denn schon im März wurde er von Bundestrainer Joachim Löw bei der Nationalmannschaft aussortiert.


2015 baggerte Manchester United schon einmal an Müller, Louis van Gaal wollte seinen ehemaligen Schützling unbedingt zu sich holen. Bayern blieb stur, erklärte Müller für unverkäuflich. Auch an einen Abschied in diesem Winter ist seitens des Klubs wohl nicht zu denken. Dennoch sollen sich Inter und United mit Müller beschäftigen und ihm nach fast 20 Jahren Bayern München eine neue Herausforderung bieten wollen. 


Funktioniert Müller überhaupt woanders?


Doch speziell bei den Gerüchten um Inter Mailand kommen Zweifel auf. Im 3-5-2 System von Antonio Conte wäre Müller aufgrund seiner Lauffreudigkeit ein gern gesehener Spieler, doch im strikt geplanten Angriffsspiel müsste er auf Freiheiten im Zentrum verzichten. In der Regel wird der bullige Romelu Lukaku als Zielspieler anvisiert, der wiederum den hohen Ball annehmen, halten und zu den herausschwärmenden Mitspielern - wie beispielsweise Sturmpartner Lautaro Martinez, Antonio Candreva oder Kwadwo Asamoah - weiterleiten soll. Ein Torjäger und herausragender Vorlagengeber wie zu Zeiten von Pep Guardiola wäre Müller in diesem System nicht. 


Bei Manchester United vertraut Ole Gunnar Solskjaer in dieser Saison auf ein 4-2-3-1, in Fahrt ist der englische Rekordmeister aber noch längst nicht gekommen. Platz 14 in der Premier League kann nicht der Anspruch sein, der letzte Sieg in der regulären Spielzeit stammt vom 19. September - damals gewann United in der Europa League mit 1:0 gegen den FC Astana (Kasachstan).


Der Name Solskjaer steht in Manchester für den schlechtesten Saisonstart seit 30 Jahren. Nach der Entlassung von José Mourinho im Dezember vergangenen Jahres gewann der Norweger zehn der ersten elf Pflichtspiele, seitdem sind nur zehn weitere Siege in 30 Spielen hinzugekommen. In der eher planlos agierenden Mannschaft würde Müller wohl wie ein Fremdkörper wirken und beim Bestreben, Räume und Chancen zu kreieren, in der Luft hängen. 


Sollte er jedoch alle Freiheiten erhalten und wäre das Spiel auf ihn ausgerichtet, könnte das Experiment funktionieren. Denn dann könnten auch Anthony Martial, Marcus Rashford oder Jesse Lingard ihre Qualitäten im Dribbling und ihr Tempo gezielter einsetzen und die Räume ausnutzen, die Müller eröffnet hat. Solskjaer müsste also eine hohe Bereitschaft zeigen, andernfalls würde Thomas Müller wie ein durchschnittlicher Fußballer wirken, der seine Qualitäten nur selten aufblitzen lassen kann. 


Auch bei anderen Mannschaften ist unklar, wie Müller eingesetzt würde und wie sein Spiel zum Tragen kommen würde, weshalb sich die Frage stellt: Kann er überhaupt woanders funktionieren?