​Der ​FC Schalke 04 hat mit der Niederlage bei der TSG Hoffenheim einen kleinen Formbruch erlitten. 90min wirft mit S04-Experte und Blogger Hasan Talib Haji einen Blick auf das Spiel zurück - und natürlich einen voraus auf das Revierderby. Ebenfalls im Fokus: Der VAR und der Fortschritt im Fußball.


Es ist ein wenig verkehrte Welt beim FC Schalke 04. Gegen Hoffenheim hätten die Knappen an die Tabellenspitze springen können - und das wäre sogar leistungsgerecht gewesen. In Sinsheim wussten die Knappen ihre Dominanz aber nicht in Punkte umzumünzen und mussten stattdessen viel Lehrgeld zahlen. Ausgerechnet vor dem Derby. Die kleine Delle muss aber nicht gegen Schalke sprechen: "Es wäre vielleicht auch zu viel des Guten gewesen, wenn Schalke als Tabellenführer in dieses Spiel gehen müsste", mutmaßt S04-Experte Hassan Talib Haji.


Dominantes Schalke in der Mache


Eine allzu große Brücke würde Hassan von der Niederlage gegen Hoffenheim zum Revierderby nicht bauen: "Ich denke nicht, dass der Druck größer ist. Das Revierderby ist ja etwas losgelöster. Das muss immer gewonnen werden, sonst wäre es ja kein Derby. Damit kann die Mannschaft gut umgehen." Wie gut Schalke damit umgehen kann, wird sich am Samstagnachmittag zeigen. In Sinsheim waren es immerhin die Knappen, die das Spiel machten und Hoffenheim die Tore. Ein Spielverlauf, den man eigentlich von Königsblau gewohnt ist. 


Als Manko machte Hassan allerdings nicht die Chancenverwertung, sondern die Qualität ebenjener aus: "Die Chancen waren da, allerdings kaum wirkliche Hochkaräter. Hier muss man unterscheiden, was die Qualität der Tormöglichkeiten angeht. Schalke 04 hatte eine klare optische Überlegenheit, aber erspielte sich kaum Großchancen. Die Durchschlagskraft fehlte. Es war aber schön anzusehen, wie teilweise dominant man aufgetreten ist. Das ist positiv zu bewerten und ein guter Schritt in der Entwicklung."


"Harit und Serdar würden besser mit Kutucu harmonieren"


Diese Entwicklung soll auch gegen den BVB Bestand haben. Klar, ein Derby definiert sich vor allem über Mentalität und Leidensfähigkeit. Doch unter David Wagner kann Schalke durchaus fußballerisch selbstbewusst auftreten. Was es gegen Dortmund aber definitiv braucht, sind Tore. Und die liefert vor allem die Sturmabteilung noch nicht wirklich. Wir fragten Hassan, welchem Spieler er mehr Einsatzzeit wünschen würde: "Definitiv Ahmed Kutucu. Ich würde Guido Burgstaller eine Verschnaufpause gönnen, damit er den Kopf freikriegt. Und Kutucu hat es sich allmählich verdient. Ich bin auch davon überzeugt, dass Spieler wie Amine Harit und Suat Serdar mit ihm besser harmonieren."


Ohnehin steht Burgstaller im Schalker Fanlager in der Kritik. ​Wagners Nibelungentreue für den Österreicher führt vor allem auf seine Mentalität und Einsatzbereitschaft zurück. Das kann aber nicht ewig Bestand haben. Kritische Stimmen aus dem königsblauen Fanlager richten sich derzeit auch an Daniel Caligiuri, Mark Uth und Bastian Oczipka. "Diese habe ich auch vernommen und auch ich übe da Kritik", sagte uns Hassan. "Vor allem Guido Burgstaller wirkt seit Wochen sehr glücklos. Er traf in dieser Bundesligasaison noch kein einziges Mal. Je mehr sich das Spiel der Mannschaft verbessert, umso offensichtlicher scheint es zu werden, dass er in einem Formtief hängt."


Kutucu für Burgstaller - das scheint der allgemeine Tenor auf Schalke zu sein. Hassan würde sich auch an anderen Stellen eine Verjüngungskur wünschen: "Mark Uth war sehr lange verletzt und ist scheinbar noch nicht in der Verfassung, der Mannschaft von Trainer David Wagner wirklich helfen zu können. Das haben die beiden letzten Spiele offenbart. Hier sollte man noch Geduld haben. Einige Fans würden gerne mal Juan Miranda sehen. Bastian Oczipka spielt solide seinen Stiefel herunter, da kann ich nachvollziehen, dass Wagner ihn bringt. Zudem möchte man mit Miranda behutsam umgehen. Daniel Caligiuri hat schon stärker gespielt, als es aktuell der Fall ist. Ich würde es sehr gerne sehen, wenn ein junger Spieler wie Ahmed Kutucu oder Nassim Boujellab mal die Chance von Beginn an bekommt."


"Man hat das Rüstzeug für Europa"


Das Vertrauen in David Wagner verliert Hassan aber keinesfalls - ganz im Gegenteil: "Ich glaube, dass David Wagner die Mannschaft gut im Griff hat und diese selbst nicht nochmal so eine Saison hinlegen möchte, wie die vorherige. Man geht ganz anders an die Dinge heran als noch zuvor. Wir werden sehen, was noch alles passieren wird. Die Saison läuft ja noch sehr lange." Auch wenn noch viel Strecke vor den Knappen liegt, will Hassan die Qualifikation für Europa nicht kategorisch ausschließen - auch im Hinblick auf die bisher eher schwache Saison der Konkurrenz: "Von dem ausgehend, was ich bislang gesehen habe, braucht sich der FC Schalke in keiner Weise zu verstecken. Man hat das Rüstzeug, um die Europapokalplätze ins Visier zu nehmen oder zumindest solange wie möglich mitzukämpfen."


Die Euphoriebremse bemüht bislang trotz der hervorragenden Saison bislang vor allem einer: David Wagner. Auf Schalke gehen Anspruch und Realität aber auch gerne mal auseinander. Kann das langfristig funktionieren? "Es kommt auf die Ergebnisse an", schätzt Hassan. "Man stelle sich vor, Schalke gewänne das Revierderby gegen ​Borussia Dortmund und steht plötzlich unter den ersten Dreien in der Tabelle – dann steigt natürlich nicht nur die Hoffnung auf einen Europapokalplatz, sondern auch die Euphorie. Das wäre ein normaler Prozess und den sollte man auch nicht verteufeln. Solange die Mannschaft die Bodenhaftung nicht verliert, ist das doch völlig in Ordnung so."


"Die sinnen nach Rache"


Wie so oft könnte auch in dieser Frühphase der Saison das Revierderby zum richtungsweisenden Knackpunkt werden. Für David Wagner und seine Mannschaft ist es in dieser Saison zumindest eine erste Feuerprobe: "Das Revierderby ist ganz speziell und das größte Derby in Deutschland. Schalke und der BVB stehen tabellarisch nicht weit voneinander entfernt, das bietet zusätzliche Brisanz. Zudem hat die Borussia das letzte Derby zuhause verloren. Die sinnen nach Rache. Es dürfte einmal mehr sehr interessant werden."


Als Beobachter drängt sich allerdings mehr und mehr die Frage auf, wie lange sich Fußballfans noch auf das Revierderby freuen dürfen. Im stillen Kämmerchen scheint immer weiter an den Plänen einer europäischen Superliga gefeilt zu werden - in der Borussia Dortmund ganz sicher auch mitspielen würde. Hassan sieht diese Entwicklung kritisch: "Solche Dinge wie eine Superliga oder die Aufstockung der WM-Teilnehmer halte ich allerdings nicht für sinnvoll. Das Ligensystem, so wie es aktuell ist, halte ich für eine Grundsäule. Die sollte man nicht verändern." Grundsätzlich verschließt sich der S04-Experte aber nicht vor technischem Fortschritt im Fußball: "Das ist der Lauf der Dinge. Solange es nachvollziehbare Neuerungen sind, ist das auch in Ordnung", erklärt uns Hassan. 


Trotz anhaltenden Kinderkrankheiten sieht er zum Beispiel die Einführung des Video-Schiedsrichters als gewinnbringende Innovation: "Ich fand und finde die Einführung des VAR immer noch richtig. Die Umsetzung klappt aber leider nicht so wie gewünscht. Es fehlt mir persönlich die Einheitlichkeit. Daran muss auf jeden Fall gearbeitet werden." Es bliebt nur zu hoffen, dass der Video-Schiedsrichter keinen negativen Einfluss auf das Derby haben wird - und wir uns auch in Zukunft auf Duelle zwischen Blau-Weiß und Schwarz-Gelb freuen dürfen.