​Die vorletzte Länderspielwoche im Kalenderjahr 2019 ist vorüber und allenthalben fragt sich der geneigte Fußball-Fan: ist das Glas nun halb voll oder halb leer? 


Nach der herben Enttäuschung bei der WM in Russland sollte es den großen Umbruch geben. Am Ende wurde es ein Umbrüchchen, das auch noch in der Zeit gestreckt und auf zwei Neu-Anfänge verteilt wurde. 


Dabei wurden Spieler wie Sami Khedira, ​Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng aussortiert. Angesichts ihrer aktuellen Leistungen in den Vereinen und eingedenk der personellen Optionen, auf die Löw zurückgreifen kann, kann von diesen vier Spielern eigentlich nur Hummels als ernsthafte personelle Alternative für das aktuelle Personal in Frage kommen. Doch für eine Rückkehr des alten Neu-Borussen in die DFB-Auswahl müsste wohl erst ein neuer Bundestrainer das Ruder beim DFB übernehmen. 


Bei den letzten Spielen gegen Argentinien (2:2) und in Estland (3:0) war auch nicht die Abwehr an sich Schuld daran, dass es entweder nicht zum Sieg reichte (wie gegen die Südamerikaner) bzw. der Sieg nicht um ein paar Tore deutlicher und somit souveräner ausfiel. 


DFB-Elf zu körperlos


Es war vielmehr ein allgemeines Problem, das sich von der vordersten Offensivlinie bis zum Abwehrverbund durchzog: das zu sehr auf Ballkontrolle ausgelegte und dabei - vor allem gegen die Esten - zu fehlerhafte Spiel der Deutschen, gepaart mit einer bisweilen eklatanten Körperlosigkeit, die auch der kicker moniert. Man hat das Gefühl, dass bis auf ​Joshua Kimmich eigentlich keiner mehr in der Mannschaft ist, der auch mal einfach eine Situation dadurch löst, dass er - auf gut deutsch -  "dazwischenhaut". Vielmehr bekommt man bisweilen den Eindruck, dass es im DFB-Team unter körperlichen Strafen verboten ist, den Ball unkontrolliert wegzuhauen. Alles wird spielerisch versucht zu lösen. 


Das ist natürlich ehrenhaft, und in Erinnerung an die schrecklichen Jahre der Jahrtausendwende (als der Begriff des "Rumpelfußballers" rund um den DFB Hochkonjunktur hatte) eine nahezu schon fantastisch anmutenden Entwicklung - doch Fußball ist vielschichtig. Und wenn auch heutzutage global mehr Wert auf sauberes Passspiel und ausgefeilte Technik bei der Ballverarbeitung und -behandlung gelegt wird, ist es nicht weniger richtig, dass manche kämpferischen Elemente auch heute noch ihre Daseinsberechtigung haben. 


Auch das Real Madrid der vier Champions-League-Siege in fünf Jahren konnte "dreckig" spielen, wenn es notwendig war. Ein Sergio Ramos hat seinen zweifelhaften Ruf ja nicht von ungefähr. Die deutsche Nationalmannschaft stirbt zuweilen in Schönheit. Das ist für ein Land, das noch vor wenigen Jahren als der Inbegriff des kämpfenden, stets marschierenden Arbeits-Fußballs galt, ein wahrhaftiger Paradigmenwechsel. 


Löw gefordert - der Mix macht's 


Doch jeder noch so hehre Vorsatz beginnt schädlich zu wirken, wenn er verabsolutiert wird. Es kommt, gerade in einer so dynamischen Sportart wie dem Fußball, auf die richtige Mischung zwischen den einzelnen Stilmitteln an. Technik und Ballbesitz sind schön und gut, wenn der Gegner keine Antworten darauf findet. Findet er sie aber, muss das Körperliche, das physisch Robuste hinzukommen. Denn ansonsten bleibt es bei einer simplen Absichtserklärung - aber ohne die Druckmittel, die Absicht auch in Tatsachen zu verwandeln. 


An Jogi Löw (und natürlich seinen Spielern) ist es jetzt, die entsprechenden Schlüsse aus dem bald schließenden Länderspieljahr zu ziehen. Angesichts des durchaus und in erfreulich hoher Zahl vorhandenenen Talents im Pool, aus dem Löw schöpfen kann, sollte es mit dem Teufel zu gehen, wenn bis zur EM keine schlagkräftige Truppe zusammengestellt werden kann.