Der ​BVB schlug sich vor der Länderspielpause mit einem Mentalitätsproblem herum. Aus Mannschaftskreisen hieß es, dass diese Ursachenfindung Blödsinn sei. Man kommt allerdings nicht an der Feststellung vorbei, dass die Borussia ihre Spiele nicht aufgrund fehlender Qualität nicht gewonnen hat. Nach der Länderspielpause gilt es das Mentalitätsproblem daher mit Mentalität zu lösen.


Ist sie nun "ein Scheiß" oder nicht, die Mentalitätsdebatte beim BVB? Die Medien machen es sich zu leicht, heißt es aus Dortmund, die Probleme der Mannschaft auf ihre Einstellung oder fehlende Motivation zurückzuführen. Nun gut. Dass der Vizemeister aber drei Führungen in Folge abgegeben hat und sich nur die Punkte teilte, spricht eine andere Sprache. Vor allem, wenn man sich die Art und Weise anschaut! Siehe Freiburg, siehe Manuel Akanji. 


Das "Du-weißt-schon-welches"-Problem gilt es beim BVB nun mit ebenjener Mentalität zu lösen. Siege einfahren, Brust raus, Souveränität zeigen. Aktuell muss allerdings die Frage erlaubt sein, wer die Problematik in vorderster Front angeht? Lucien Favre ist es sicher nicht; auch wenn dem Schweizer vorgeworfen wird, seine Mannschaft nicht ausreichend zu motivieren. Nur kann sich der Trainer eben auch nicht selber aufs Spielfeld stellen und verhindern, dass sich Manuel Akanji in der 90. Minute anschießen lässt. Nein, die Mannschaft ist es, die nicht nur Favres Plan umsetzen, sondern ihn auch zu Ende spielen muss.


Wer entlastet Marco Reus?


Der Name, der am häufigsten in den Ring geworfen wird, ist ​Marco Reus. Als Kapitän, Identifikationsfigur und Schlüsselspieler war er es, der in vergangenen Tagen voran gegangen ist - und seine Sache hervorragend gemacht hat. In dieser Spielzeit will es aber noch nicht so ganz beim Deutschen Nationalspieler klappen. Kommt Zeit, kommt Rat, muss man aktuell konstatieren - und Reus die Zeit geben, um wieder in Form zu kommen. Bis dahin (das ist definitiv Aufgabe der Mannschaft) muss diese Verantwortung von anderen getragen - oder zumindest mitgetragen werden. Wenn diese Mannschaft nur dann funktioniert, wenn Reus funktioniert, dann hat die Borussia ein noch viel größeres Problem.


Wer also zieht den Karren aus dem Dreck, wenn es der Kapitän derzeit nicht kann? ​Mats Hummels ist sicher einer, der das Potenzial dazu hat und es aktuell beim BVB auch am meisten vorlebt. Verletzungsbedingt musste Dortmund zuletzt aber auf den alten Neuen im Westfalenstadion verzichten, Hummels' Abstinenz tat den Schwarz-Gelben spürbar weh. Seit seiner Rückkehr aus München hat sich Hummels bereits wieder zum Leistungsträger, Wortführer und Alphawolf aufgeschwungen - er hat die Klasse, um viel Verantwortung zu schultern. Und das tut er. 


Nur ist auch Mats Hummels nur einer von elf Spielern auf dem Platz und steht zudem hinten drin. Wirklich was ausrichten kann auch er nur, wenn in anderen Mannschaftsteilen weitere Sicherheitsfaktoren auftreten. Axel Witsel zum Beispiel. Der Belgier spielt zwar erneut eine starke Saison in schwarz und gelb, lässt bisweilen aber noch seine Führungsstärke vermissen. Dass er in Dortmund ein Anführer sein möchte, hat Witsel dezidiert zu Protokoll gegeben - mehrfach. Aktuell wird er dieser Rolle allerdings nicht ausreichend gerecht. Dass zuletzt wieder Thomas Delaney an seiner Seite stand, schien Witsel, wie auch der ganzen Mannschaft gut zu tun. Genügend Spieler, die voran gehen können und das auch wollen, gibt es eigentlich in der Mannschaft.


Beim BVB fehlt die Balance


Es liegt derzeit also nicht an den Führungsspielern in Dortmund, sondern an einer nicht funktionierenden Hierarchiestruktur. Getreu dem Motto 'Kenne deine Rolle' läuft beim BVB derzeit vieles aus dem Ruder. Ein Manuel Akanji ist in dieser Form nicht tragbar - weil er seinen Platz nicht mehr kennt? Eigentlich als Führungsspieler bekannt, muss er sich derzeit an der Seite von Platzhirsch Hummels zurücknehmen. Da können schonmal die Beine schlottern, wenn man sich das Selbstbewusstsein nicht mehr selber geben kann. Dass auf der anderen Seite des Platzes ein Julian Brandt noch nicht funktioniert und ein gewisses Selbstverständnis ebenfalls vermissen lässt, tut sein Übriges.


Was der BVB braucht, um das Dingsda-Problem zu lösen, ist die Mannschaft - als Gesamt. Das zeichnete die Borussia im vergangenen Jahrzehnt eigentlich aus, die Balance scheint in dieser Saison (und in weiten Teilen der letzten) aber nicht so wirklich vorhanden zu sein. Es braucht jetzt die Führungsspieler, um die anderen in's Boot zu holen. Ein Lucien Favre kann nur den Plan schmieden - die Mannschaft muss ihn ausführen. Aber alle zusammen, bitte.