Das mediale Transferkarussell dreht sich beim FC Bayern München munter weiter. Die Zukunft der Leihspieler Philippe Coutinho und Ivan Perisic ist ob der Kaderplanung mit Blick auf den kommenden Sommer fraglich, neben den bestehenden Spekulationen um Leroy Sané und Kai Havertz eröffnet die Situation von Thomas Müller einen neuen potenziellen Brandherd, der Christian Eriksen von Tottenham Hotspur ins Spiel bringt. Es bietet sich reichlich Stoff, der in den Medien naturgemäß durchgekaut wird. Viele Konstellationen sind vorstellbar, alle genannten Akteure wird man aber kaum an der Säbener Straße unterbringen können.


Die Bayern befinden sich in einer kleinen Bredouille. Sowohl Perisic als auch Coutinho wissen seit ihrer Ankunft zu überzeugen, speziell der brasilianische Neuzugang des FC Barcelona nimmt eine zentrale Rolle in den Planungen von Niko Kovac ein. Der Kroate wechselte für den Spielmacher vom bevorzugten 4-3-3 zurück auf ein 4-2-3-1, in dem Coutinho als Zehner hinter Robert Lewandowski das spielbestimmende Element im letzten Drittel ist.


Durch die Umstellung findet sich kein Platz mehr für Thomas Müller. Der Urbayer hat wie Coutinho seine Stärken in der Zentrale hinter der Sturmspitze, besitzt aber ganz andere Qualitäten als sein Konkurrent. Während Coutinho ein feiner Techniker ist, der manches Mal wie durch einen Geistesblitz Lücken findet oder aufreißt und für die magischen Momente in einem Spiel zuständig ist, ist der eher schlacksige Müller für seine unorthodoxen Laufwege und seine unheimliche Cleverness bekannt.​


"Ich bin fest davon überzeugt, dass ich dem Team mit meinen Fähigkeiten auf dem Platz weiterhelfen kann", ​sagte Bankdrücker Müller, der in den vergangenen Wochen einen "Trend" erkannt habe, der ihn "nicht glücklich macht. Wenn das Trainerteam mich in Zukunft nur noch in der Rolle des Ersatzspielers sieht, muss ich mir meine Gedanken machen. Dafür bin ich einfach zu ehrgeizig."


Außerhalb des FC Bayern ist Thomas Müller kaum vorstellbar. Seit seinem elften Lebensjahr trägt er das Trikot des Rekordmeisters, wäre im kommenden Jahr seit 20 Jahren ein Roter. Im Winter wollen ihn die Verantwortlichen Medienberichten zufolge ​nicht ziehen lassen, im Sommer aber könnte ein ähnlicher Schnitt folgen wie im Jahr 2015, als Bastian Schweinsteiger aufgrund seiner schlechten Perspektive unter Pep Guardiola zu Manchester United wechselte. 


Die Frage nach Kai Havertz


Umso schwieriger wird die Baustelle des Zehners bei einem Blick auf das Dilemma, in dem die Verantwortlichen schon vor der Causa Müller steckten. In diesem Jahr klopfte man bei Bayer Leverkusen wegen Kai Havertz an, das Juwel war allerdings nicht zu haben. Als wahrscheinlich gilt ein Transfer nach dieser Saison, doch die Bayern werden mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit mit den übrigen europäischen Topklubs in der Warteschlange stehen. Mit Coutinho hätte man ein Ass von Weltklasse-Niveau im Ärmel, nur: Wenn dieser sich weiter steigert und immer wichtiger für die Bayern wird, wie wäre ein Verzicht der Kaufoption vermittelbar? Denn eigentlich buhlen die Verantwortlichen neben Havertz noch immer um Leroy Sané.


X-Faktor Sané


Das Gesamtpaket aus Coutinho, Havertz und Sané wäre aufgrund der finanziellen Wucht nicht zu stemmen. Für Coutinho wären 120 Millionen Euro fällig, bei Havertz wird über eine Summe von minimum 100 Millionen Euro spekuliert und für Sané soll Manchester City nicht weniger als 150 Millionen Euro verlangt haben. Der Nationalspieler ist weiterhin das Transferziel Nummer eins, ​zuletzt sollen erneute Gespräche mit der Spielerseite geführt worden sein. Laut Uli Hoeneß werde im Januar darüber entschieden, ​ob ein neuer Angriff gestartet wird oder nicht - unterdessen arbeitet City angeblich weiter an einer ​Vertragsverlängerung über 2021 hinaus.

Sollte ein Transfer von Sané scheitern und die Verpflichtung von Havertz gelingen, wäre Müllers Zeit in München womöglich besiegelt; denn dann wäre finanziell betrachtet auch die feste Verpflichtung von Coutinho zu stemmen. Sollte Sané tatsächlich in München landen, wäre ein Verbleib von Müller wahrscheinlicher, gänzlich ausgeschlossen ist ein Abgang aber auch in diesem Falle nicht. Denn dann müssten sich die Bayern zwischen Coutinho und Havertz entscheiden.


Für Eriksen ist kein Platz


Als wäre das nicht kompliziert genug, kommt nun auch Christian Eriksen ins Spiel. Der Däne steht nur noch bis zum Sommer bei Tottenham Hotspur unter Vertrag, wurde kürzlich wieder mit ​Real Madrid in Verbindung gebracht - ​nun aber sollen auch die Bayern im Spiel sein. Als Alternative zu Müller wäre er Stand jetzt zum Nulltarif zu haben, aber mit Coutinho besitzt der Klub bereits einen Weltklasse-Zehner. Die Qualitäten von Christian Eriksen sind unbestritten, doch auch er hätte keinen Stammplatz sicher. 


Was wird aus Ivan Perisic?


Die Spekulationen um Eriksen machen also wenig Sinn. Die Zehner-Frage wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen Coutinho, Müller und Havertz entschieden, ein finanziell nicht unerheblicher X-Faktor ist Leroy Sané. Abhängig vom 23-Jährigen ist auch die Zukunft von Perisic, der in der Bundesliga mit drei Torbeteiligungen in vier Einsätzen überzeugen konnte. 


"Ich schließe die Verpflichtung von Perisic nicht aus", ​sagte Karl-Heinz Rummenigge, aber mit Kingsley Coman, Serge Gnabry, Leroy Sané und dem erst 18 Jahre jungen Alphonso Davies besäße Kovac vier Alternativen auf dem Flügel. Die Aussicht auf Spielzeit wäre entsprechend geringer als in der aktuellen Konstellation. 


Dem FC Bayern steht der Domino-Effekt, auf den die Verantwortlichen im Sommer vergeblich warteten, im eigenen Haus bevor. Die Führungsriege inklusive Sportdirektor Hasan Salihamidzic und der nicht unerheblichen Meinung von Trainer Niko Kovac muss harte Entscheidungen treffen und einen Konsens, der alle Beteiligten zufriedenstellt, erarbeiten. Wichtig wird es sein, Ruhe zu bewahren, denn der Fokus sollte auf der noch lange zu spielenden Saison liegen.