Dass bei ​Schalke 04 die mittel- und langfristige Entwicklung der Mannschaft und des angestrebten Fußballs oberste Priorität hat, ist ebenso klar wie verständlich. Für Trainer David Wagner wäre eine Rückkehr ins europäische Geschäft nach dieser Saison "im Prinzip unmöglich" (kicker). 90min widerspricht ihm da jedoch: 04 Gründe, weshalb S04 die internationalen Plätze erreichen kann.


Zunächst einmal die üblichen Bedenken beiseite geschoben: Ja, Wagners Aussagen sind logisch und nachvollziehbar - Europa ist in dieser Saison kein Ziel. Ja, die Saison ist noch sehr jung und in der Verbindung damit ergibt es für einen Trainer auch zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn, derartige Ziele und etwaige Wettbewerbe anders zu kommentieren. Dennoch ist Europa für Schalke nach dieser Saison möglich.


Grund 1: Keine internationale Doppelbelastung

Aufgrund der miserablen Saison im letzten Jahr ​hat man sich weder für die Champions League, noch für die Europa League qualifiziert. Dass die gehaltene Klasse der größte Erfolg war, spricht Bände. So hat man auf Schalke einen Vorteil gegenüber den anderen Teams, die die europäischen Plätze angreifen werden - diese spielen nämlich alle in internationalen Wettbewerben und werden mindestens bis ins Frühjahr 2020 durch ihre jeweiligen Gruppenphasen häufiger englische Wochen haben. 


S04 hat neben der Bundesliga nur die weitere Verpflichtung des DFB-Pokals. Dieser Wettbewerb hingegen findet mit einigen Wochen Abstand zueinander statt und die bereits angesprochenen, möglichen Konkurrenten kommen dort in der Regel auch weit. So kann man häufiger, länger und öfter auch intensiv trainieren, während Mannschaften wie der ​VfL Wolfsburg umherreisen müssen. 


Grund 2: Man funktioniert bisher als Einheit und verbessert sich

Neben dem frühen Fortschritt, den das Team unter Wagner auch fußballerisch schon gemacht hat, steht bislang wieder eine königsblaue Einheit auf dem Feld. Man läuft (weite Strecken) füreinander, nimmt als Kollektiv jeden Gegner und jeden Zweikampf an, und auch die Stimmung innerhalb der Truppe ist gut, beflügelt durch die bereits eingefahrenen Erfolge. 


Ein Team, was den einen berühmten Meter mehr geht, als die gegnerische Mannschaft, kann sich auch den einen oder anderen, eventuell überraschenden Sieg erspielen und erkämpfen. So hat man beispielsweise beim nicht wirklich erwarteten Sieg gegen RB Leipzig nicht nur im Aspekt Fußball überzeugen können, sondern auch als Mannschaft, als Einheit. Man half sich aus, unterstützte sich bei den Zweikämpfen und den Balleroberungen. Am Ende konnte man so auch verdient zusammen jubeln und sich über eine starke Teamleistung freuen. 


Ein enorm wichtiger Schritt, nachdem Schalke in der letzten Saison häufig den Eindruck hatte, die Mannschaft habe sich auseinander gespielt und passe schlicht nicht mehr zusammen. So kann man auch erfolglose Phasen überbrücken. Dazu werden viele einzelne Spieler auch besser, weil das neue System und die Art des Fußballs ihnen gut liegen und sie so ihre Stärken ausspielen können.


Grund 3: Starkes Anfangsprogramm gemeistert

In den ersten sechs Liga-Spielen musste man direkt gegen Schwergewichte wie ​Borussia Mönchengladbach, ​Bayern München und ​RB Leipzig antreten - alles andere als ein einfacher Start. Zwar hat man die meisten Punkte aus den anderen drei bzw. vier Spielen geholt, doch kann man dem Restprogramm etwas entspannter entgegensehen. Obwohl jeder Gegner eine Herausforderung für S04 ist, gibt es auch noch schwierigere Herausforderungen, die man bereits hinter sich und zum Großteil gut gemeistert hat. 


Gegen Gladbach gab es durch das torlose Unentschieden den ersten Punkt. Gegen die Bayern hätte das Spiel sicherlich nicht so eindeutig ausgehen müssen (0:3), wie es am Ende tat, und gegen Leipzig hat man auswärts verdient 3:1 gewinnen können. Zwar folgen mit der ​TSG Hoffenheim und ​Borussia Dortmund nochmal zwei Gegner, die Wagners Team alles abverlangen werden - danach kann man (bei allem Respekt) bei Gegnern wie ​Union Berlin, dem ​FC Augsburg oder auch ​Fortuna Düsseldorf das Punktekonto auffüllen, wenn die Leistung gehalten werden kann. Ein weiterer Vorteil für die Gelsenkirchener. 


Grund 04: Ein noch immer enges Feld - schwächelnde Konkurrenz?

Auf Schalke hat man nach der Vizemeisterschaft eine Art Allergie gegen das Stichwort der "schwächelnden Konkurrenz" entwickelt. Als der schwächste Vizemeister wurde man betitelt, wodurch einem ganzen Verein die Leistungen einer ganzen Saison quasi aberkannt wurden. Nach 34 Spieltagen lügt die Tabelle nicht. Dennoch muss und kann man die derzeit (noch?) schwächelnde Konkurrenz im Hinblick auf das mögliche, europäische Geschäft nicht außer Acht lassen.

Nach sieben Spieltagen liegt die obere Hälfte der Tabelle sehr eng beieinander. Nur zwei Punkte trennen zum Beispiel den siebten Platz ​Bayer Leverkusen von der Tabellenspitze. So zeigt sich symbolisch, dass mehrere Mannschaften an der Spitze untereinander und oftmals unerwartet Punkte liegen lassen - so wie viele Teams am letzten Spieltag daran scheiterten, sich die Tabellenführung zu erspielen.

So kann auch das eine zusätzliche Chance für Schalke sein. Dass man noch nicht konstant so stark performen und den aktuellen Punkteschnitt von zwei Punkten pro Spiel halten kann, ist klar. Sollte sich dieser aktuelle Trend jedoch fortsetzen, könnte man auch mit einer handvoll Punkten weniger als sonst in die Top Sechs kommen.

​Tief im Inneren weiß natürlich auch David Wagner, dass das möglich ist. Nicht umsonst schob er hinter seinen anfangs zitierten Satz noch hinterher, dass dies auch für den erreichten Aufstieg mit Huddersfield Town galt. Dass man das anders kommuniziert und intern nicht an der alltäglichen Arbeit ausrichtet, ist professionell und auch völlig richtig. Dennoch kann Schalke auch nach dieser Saison wieder europäisch spielen und sich währenddessen der obersten Priorität widmen: Sich weiterentwickeln.