​​Borussia Dortmund läuft nach sieben Spieltagen den eigenen Ansprüchen hinterher. Zwar sind es nur drei Punkte auf den momentanen Tabellenführer aus München - doch das liegt vielleicht auch nur an der geringen Anzahl absolvierter Spiele - die Tendenz jedenfalls sieht momentan alles andere als gut aus beim selbsternannten Meisterschaftskandidaten. 


Wirklich eine Qualitätsfrage?


Ja, was ist es denn nun? Eine Frage der Mentalität? Oder eine der Qualität? Zu ersterem hatte Marco Reus letzte Woche (nach dem in der Schlussphase verschenkten Sieg in Frankfurt) eine sehr dezidierte Meinung - und forderte die Medienvertreter auf, "mit diesem Sch..." mal aufzuhören. 


Ok, scheint sich sein Teammate ​Alex Witsel gesagt zu haben, und haut gleich mal das nächste Schlagwort raus: Qualität! Also genau das, wovon die Borussen, nach eigener Einschätzung vor der Saison, mehr als genug haben. So im Vergleich zum Vorjahr. 


Beim Blick auf den Kader mag das sogar vordergründig richtig sein: mit Julian Brandt, Nico Schulz und Thorgan Hazard holte man Schlüsselspieler von konkurrierenden Klubs - allein: auch mit ihnen begeht der BVB dieselben Fehler wie in der Vergangenheit. 


Der kicker moniert dabei vor allem das Defensivverhalten, das er mit "grotesk" beschreibt. Viel beängstigender als die Fehler an sich ist die Tatsache, dass der BVB sie seit der Rückrunde der vergangenen Saison (also seit Februar) nicht abgestellt kriegt. Lernkurve: null. 


Zwar schlägt sich sich die Anfälligkeit in der Verteidigung rein numerisch bislang noch nicht augenfällig nieder (mit sechs Gegentoren hat der BVB nur drei Gegentreffer mehr als der Meister aus München kassiert) - aber noch mal: es sind auch erst sechs Spiele gespielt. Wenn man sich mal die Spielerei erlaubt und das Ganze hochrechnet, kommt man nach 18 Spieltagen bereits auf eine Differenz von neun Gegentoren gegenüber dem Führenden. 


Denn eines ist auch klar: bislang hatte der BVB, mit Ausnahme von Bayer Leverkusen, noch keinen Gegner vor der Brust gehabt, der in der letzten Spielzeit unter den Top Four gelandet war. Und auch noch kein Revierderby gegen S04. Und auch noch nicht gegen die bisherigen positiven Erscheinungen wie Freiburg und Wolfsburg. Heißt: die wirklich harten Brocken kommen erst noch. 


Auch das 0:0 auf internationaler Bühne gegen den FC Barcelona hat man sich rund um den Borsigplatz wohl etwas zu sehr schön geredet. Schließlich ist auch der spanische Meister alles andere als optimal in die Saison gestartet. 


Mentalität, Qualität: im Grunde genommen nichts als Schlagworte, um etwas viel banaleres - und für alle offensichtliches - zu benennen: die Mannschaft kriegt einfach ihre PS nicht auf den Platz! 


Favre gerät immer mehr in den Fokus


Und dann sind wir plötzlich auch schon beim Trainer. Der ist am Ende des Tages hauptverantwortlich dafür, dass jede Woche die besten auf dem Platz stehen. Und dafür, in schlechten Zeiten voranzugehen, die Mannschaft zu führen. Sie aufzurütteln. Fußballerisch und auch emotional. 


Doch Emotionen sind die Sache von Lucien Favre nicht. Wo ein Jürgen Klopp sich bisweilen wie ein Derwisch an der Seitenlinie benahm, damit seine Spieler aber auch irgendwie "packte", ist von Favre meist nur schweigendes Starren auf den grünen Rasen zu sehen. 


Die sprachlichen Defizite, die der frankophone Schweizer auch nach insgesamt zwölf Jahren Bundesliga (unterbrochen durch ein zweijähriges Gastspiel in Nizza) noch mit sich herumschleppt, machen die Sache natürlich nicht leichter. 


Axel Witsel warf nach dem Spiel gegen den SV Werder Bremen nun das Q-Wort in die Runde. 

Die ist, ich wiederhole mich da gerne, im Gegensatz zum Vorjahr in noch größerer Ausprägung vorhanden. 


Allein, es scheint momentan daran zu hapern, die richtige Mischung zu finden. Der kicker beanstandet in diesem Zusammenhang, dass es Favre immer noch nicht geschafft hat, einen so hochveranlagten Spieler wie Julian Brandt nicht in sein System eingebettet zu haben. Oder dass er einen Nico Schulz (immerhin deutscher Nationalspieler) nach einem schlechten Auftritt in Köln gleich auf die Bank verbannt. Oder dass ein 14,5 Millionen teures Talent aus Argentinien (Leonardo Balerdi) immer noch keine einzige Pflichtspielminute (!) verbuchen konnte. In der Summe sind das schon einige Faktoren, die dem Trainer bei anhaltender Talfahrt um die Ohren geworfen werden. 


Noch ist Zeit - aber der BVB muss jetzt anfangen, zu liefern


Noch sind erst sechs Liga-Spiele und jeweils ein Auftritt im nationalen und internationalen Wettbewerb absolviert. Noch ist Zeit. Doch Favre und der BVB müssen jetzt punkten. 

Dem Spiel am Mittwoch bei Slavia Prag (18.55 Uhr) kommt aufgrund der Ausgeglichenheit nach dem ersten Spieltag (alle Teams mit einem Punkt!) fast schon wegweisende Bedeutung zu: schließlich werden sich im Spitzenspiel zwischen Inter Mailand und FC Barcelona die beiden stärksten Gruppengegner gegenseitig die Punkte wegnehmen. Ein Sieg in der tschechischen Hauptstadt ist da fast schon Pflicht. 


In der Liga warten dann mit dem SC Freiburg (auswärts) und der Borussia aus Mönchengladbach (zuhause) zwei nicht weniger harte Aufgaben. Lucien Favre und der BVB sind nun gezwungen, den Ankündigungen von vor der Saison endlich Taten folgen zu lassen. Ansonsten könnte es in Dortmund einen stürmischen Herbst geben.