Vor über vier Jahren stand Gianluca Gaudino beim Eröffnungsspiel des ​FC Bayern München gegen den ​VfL Wolfsburg überraschend in der Startaufstellung des Rekordmeisters, lieferte ein ordentliches Bundesliga-Debüt und wurde in der 90. Minute unter tosendem Applaus ausgewechselt. Der damals 17-Jährige tauchte wenige Monate später jedoch in der Versenkung ab, zog weiter in die Schweiz und von dort aus nach Italien. Seit Januar dieses Jahres spielt er bei den Young Boys Bern und hat den Spaß am Fußball nach langer Leidenszeit wiedergefunden.


"Besser kann man kaum spielen." Mit diesen Worten adelte Pep Guardiola das einstige Nachwuchstalent Gianluca Gaudino (via t-online.de). Der zentrale Mittelfeldspieler, wenige Wochen zuvor noch bei der U19, schien den Sprung in die erste Mannschaft des FC Bayern geschafft zu haben. "Es ist nicht einfach, mit 17 in der Allianz Arena aufzulaufen. Er hat ein paar sehr, sehr gute Pässe gespielt", resümierte Guardiola Gaudinos Bewährungsprobe; im Anschluss verzichtete er aber auf seine Dienste.

Gianluca Gaudino

Knapp drei Monate vor seinem 18. Geburtstag spielte Gianluca Gaudino plötzlich in der ausverkauften Allianz Arena. Danach verschwand er wieder in der Versenkung.


​Nur acht Mal stand Gaudino in der Bundesliga für die Münchner auf dem Platz, brachte es insgesamt auf elf Profieinsätze. Zeitgleich mit Sinan Kurt hinterließ er keinen nachbleibenden Eindruck, fiel nach kurzem Höhenflug tief. Dass ihm auch Bundestrainer Joachim Löw viel Potenzial attestierte ("
Er macht seine Sache wirklich gut. Man sieht, dass er eine sehr gute Technik hat"), half da nur wenig.


Von der Bundesliga ging es runter in die Regionalliga, im Januar 2016 wurde Gaudino für eineinhalb Jahre an den FC St. Gallen verliehen. "Ich war einfach nicht so weit", erklärte er sein Scheitern beim Rekordmeister vor wenigen Monaten gegenüber Sport Bild. "Ich war körperlich und mental noch nicht auf dem Level, das ich gebraucht hätte, um mich bei den Bayern-Profis festzubeißen und durchzusetzen."


Horror-Saison bei Chievo Verona


In St. Gallen wurde er 36 Mal eingesetzt, entsprechend hielt er sich nach seiner Rückkehr nicht lange in München auf. Die Spur führte nach Italien, genauer gesagt zu Chievo Verona. Ausgebremst von einer Lungenentzündung, sah sich Gaudino aber rasch wieder am Tiefpunkt. Nach nur einem Jahr und zwei Kurzeinsätzen in der Serie A war Schluss. Trotz der Ungewissheit, ob ein Verein auf ihn zukommen würde, löste er seinen Vertrag auf.


"Weit weg von zu Hause war ich plötzlich in Teams, die im Abstiegskampf steckten. Da ging es mehr ums Kämpferische. Und das war ich nicht gewohnt", sagte er rückblickend. "Nach einem Jahr bei Chievo habe ich gesagt: Ich möchte meinen Vertrag auflösen. Ich ging zurück auf null, volles Risiko."


Über Gladbachs Reserve nach Bern


Im Wissen, dass seine Karriere beendet sein könnte, bevor sie überhaupt so wirklich begann, trainierte er bei einer Dorfmannschaft in Pullach, einer kleinen Gemeinde im Landkreis München. Ab November 2018 durfte er bei der Reserve von Borussia Mönchengladbach mittrainieren, im Januar folgte die Vertragsunterzeichnung bei Young Boys Bern. 


"Er ist ein Spieler mit großem Potenzial, der seine Karriere bei uns neu lancieren will und bei uns im zentralen Mittelfeld für eine zusätzliche Option sorgen wird. Wir wollen ihm die nötige Zeit lassen, um sich gut zu integrieren", erklärte Sportdirektor Christoph Spycher laut ​Sport1


Bei den Young Boys hat Gaudino Fuß gefasst


In der Rückrunde wurde Gaudino elf Mal von Gerardo Seoane aufs Feld geschickt, drei Mal durfte er sich sogar von Beginn an beweisen. Im 4-3-3 System spielte er neben dem heutigen Frankfurter Djibril Sow auf der Acht, erzielte am drittletzten Spieltag beim 6:1 über Grasshoppers Zürich das erste Profitor seiner Karriere. Zudem lieferte er drei Torvorlagen. 


In mäßigen Schritten hat Gaudino beim Schweizer Spitzenklub Fuß gefasst. Die Young Boys wurden zum zweiten Mal in Serie Meister, Gaudino hat seinen Teil dazu beigetragen. Der Konkurrenzkampf in der Zentrale ist groß, dennoch wird er auch in der neuen Saison regelmäßig eingesetzt. Bei seinen beiden Startelfeinsätzen gegen den FC Zürich und dem FC Thun erzielte er je ein Tor, beide Male per direktem Freistoß. 


"Ich bin unglaublich happy, dass ich bei Young Boys sein darf", schwärmt er von seinem Arbeitgeber. "Hier herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre, der Teamgeist ist toll, daher fühle ich mich super wohl. Und ich bin wieder in einer Mannschaft, die wie der FC Bayern in der Liga oben dabei ist, dominanten Fußball spielt. Das passt zu meinem Spielstil." Nach zwei schwierigen Jahren in München, einer Horror-Saison in Italien und einer mehr als drei Monate währenden Vereinslosigkeit hat Gianluca Gaudino sein Glück gefunden. Die Profikarriere ist noch lange nicht zu Ende.