Einst dümpelte 1899 Hoffenheim nach der sensationellen Herbstmeisterschaft im ersten Bundesligajahr im Mittelfeld der Tabelle rum, spielte mehrmals gegen den Abstieg und drohte gar, sich aus der Bundesliga verabschieden zu müssen - ehe Julian Nagelsmann früher als geplant zum Cheftrainer der Profis beordert wurde. Unter seiner Leitung wandelte sich der Klub zu einem Europapokalaspiranten, doch ab dieser Saison ist er bei RB Leipzig im Amt; und einige Topspieler haben den Klub wieder einmal verlassen. Während Manager Alexander Rosen die Abgänge meist clever kompensiert, ist unklar, wie die Zukunft ohne Nagelsmann auf dem Platz aussieht. Ist die TSG unter Alfred Schreuder auf dem Weg zurück ins Mittelmaß? Oder überrascht der Niederländer die Bundesliga?


In Hoffenheim ist man es gewohnt, alle Jahre wieder einen oder mehrere Topspieler zu verlieren; dieser Sommer aber dürfte besonders schmerzen. Mit Kerem Demirbay, Nico Schulz, Nadiem Amiri und Joelinton wanderten drei von vier Leistungsträgern zur Konkurrenz, einzig Angreifer Joelinton verließ die Bundesliga und wechselte zu Newcastle United in die Premier League. Die eingenommenen 110,5 Millionen Euro sind sicherlich ein angenehmes Trostpflaster und mit Rückkehrer Sebastian Rudy, Dänemarks Offensivtalent Robert Skov, dem pfeilschnellen Ihlas Bebou sowie Konstantinos Stafylidis wurden die Lücken nominell gestopft, doch es bleiben Fragezeichen bestehen.


Dies liegt auch am neuen Trainer. Statt Julian Nagelsmann, einst 'Baby-Mourinho' genannt, steht künftig Alfred Schreuder an der Seitenlinie. Der Niederländer war sowohl unter Huub Stevens als auch unter Nagelsmann von Oktober 2015 bis Januar 2018 Co-Trainer bei der TSG,  ehe er dem Lockruf von Erik ten Hag, der bei Ajax Amsterdam anheuerte, folgte. Nach zehn Jahren als Assistent erhält er nun die Chance, als Cheftrainer auf sich aufmerksam zu machen, tritt dabei aber in große Fußstapfen. 


Julian Nagelsmanns Bilanz bei 1899 Hoffenheim

​SpieleGewonnen​Unentschieden​Verloren​Punkte pro Spiel​
​136​55​43​38​1,53


Denn Nagelsmann war der größte Faktor für den Hoffenheimer Aufschwung. Der 32-Jährige bewahrte die Mannschaft nach seiner Amtsübernahme im Februar 2016 vor dem Abstieg, auf Tabellenplatz 15 folgten die Plätze 4 und 3. Im kleinen Sinsheim waren plötzlich Mannschaften wie der SC Braga, Shakhtar Donezk, Manchester City oder Olympique Lyon zu Gast und obwohl in der Champions League wie in der Europa League bereits nach der Gruppenphase Schluss war, hinterließ die Mannschaft mit ihrer extremen Variabilität und hohen Aggressivität einen guten Eindruck.


Die letzte Saison war längst nicht so verhältnismäßig schwach, wie es der neunte Tabellenplatz aussagt. Vom spielerischen Aspekt gehörte Hoffenheim zu den besten Mannschaften der Liga, die Chancenverwertung war dafür umso mangelhafter. Auch die Defensive ließ mit 52 Gegentoren zu Wünschen übrig. 


Inspiration Nagelsmann: Wie Alfred Schreuder Fußball spielen lässt


Aufgrund der Zusammenarbeit mit Nagelsmann und ten Hag wird Schreuder das Rad nicht neu erfinden. Der Fußball wird ähnlich aggressiv und variabel sein, wie der niederländische Sportreporter Joep Schreuder in einem Interview mit dem SWR andeutete: "Sein Spiel ist nicht re-aktiv sondern pro-aktiv. Hoffenheim soll der Chef auf dem Platz sein. Und das ist, was Alfred Schreuder immer will." Schon in Amsterdam habe er einen großen Einfluss auf den Spielstil der Mannschaft gehabt, inspiriert wurde er dabei von seinem jetzigen Vorgänger: "Ich habe einmal zwei Stunden mit Alfred geredet, und da ist der Name Nagelsmann häufig gefallen. Alfred sprach begeistert über Julian und sah ihn als einen großen Inspirator."

Julian Nagelsmann,Alfred Schreuder

 Einst standen Schreuder und Nagelsmann gemeinsam an der Seitenlinie, nun ist der Niederländer als Cheftrainer bei 1899 Hoffenheim verantwortlich



Diesen Einfluss ließ Alfred Schreuder selbst in einem Gespräch mit der 
Rhein-Neckar Zeitung durchblicken. Er wolle seine Spieler nicht starr auf einer Position einsetzen, "immer variabel sein" lautet stattdessen die Devise. "Wenn wir es hinbekommen, dass diese Spieler genau wissen, was sie mit und ohne Ball machen sollen", so der 46-Jährige, "dann ist es egal, ob etwa Andrej (Kramaric) linker oder rechter Stürmer oder zentral spielt." Auch Kreativität will er fördern, indem er seinen Schützlingen Freiheiten gibt. "Die Kreativität der Spieler darf man niemals vorgeben. Vor dem Tor machst du Dinge nicht bewusst. Die schönsten Tore sind intuitive Tore", weiß der einstige Mittelfeldspieler, der auf dem Feld schon als verlängerter Arm des Trainers galt.


Der TSG-Kader ist nicht komplett zerfallen


Doch es liegt nicht nur an Schreuder, sondern auch an den bisherigen Abgängen, weshalb 1899 Hoffenheim zwei Wochen vor Saisonstart unter dem Radar fliegt. In der neuen Spielzeit können Mannschaft und Verein daher eigentlich nur gewinnen und wieder einmal für eine Überraschung sorgen. Denn auch wenn Demirbay, Schulz, Joelinton und Amiri nicht mehr da sind - Der Kader besitzt genügend Potenzial und noch hat Alexander Rosen die Gelegenheit, passende Neuzugänge zu finden.