Trotz sehr guter Ansätze bei den bisherigen beiden Testspielen während der USA-Tour kommt es beim ​FC Bayern weiterhin zu keiner Ruhe und Ordnung, vor allem was die Transferpolitik des deutschen Rekordmeisters betrifft. Exemplarisch dafür steht Jerome Boateng: Eigentlich schon weg, nun wieder mittendrin?


Im Endspurt der letzten Saison wirkte Jerome Boateng nicht nur äußerst unzufrieden und von der Mannschaft abgekoppelt, sondern auch alles andere als motiviert, sich wieder unter Trainer Nico Kovac empfehlen und um einen Stammplatz kämpfen zu wollen. ​Dann die sehr harten, aber immerhin ehrlichen Worte von Präsident Uli Hoeneß: "Ich glaube für ihn wäre es besser, wenn er mal andere Luft genießen könnte. Ich glaube, er muss eine neue Herausforderung suchen, das ist besser für ihn. Er wirkt wie ein Fremdkörper."


Nichts schien für ihn noch ein Anlass zu sein, weiterhin in München zu bleiben. Während der Debatte um den besten deutschen Innenverteidiger wurde er dazu komplett in der Aufzählung der Innenverteidiger des FCB von Karl-Heinz Rummenigge vergessen...


Erst fast vom Hof gejagd - anschließend Gewinner der USA-Vorbereitung


Zum Ende der USA-Tour der Bayern wirkt er schon fast wie der Gewinner dieser bisherigen Vorbereitung. Es gibt Sonderlob vom Trainer, der dazu gleich preisgab, dass ein Verbleib wahrscheinlich ist: "Sollte er bleiben, wonach es aktuell aussieht, hat er dieselben Chancen wie jeder andere Spieler auch. Er macht seine Sache sehr gut und ich bin sehr zufrieden mit seiner Leistung bisher in der Vorbereitung." Auch beim ​Testspiel gegen Real Madrid am letzten Sonntag stand er über die volle Distanz auf dem Platz, ehe er ​aus "privaten Gründen" zurück nach Deutschland flog. "Er hat noch einen Zweijahresvertrag. Wenn er bleibt, wird er ein Bestandteil der Mannschaft sein", so Kovac deutlich.


Auch wenn ein Abgang des 76-fachen deutschen Nationalspielers noch nicht ausgeschlossen ist, ist zumindest schon der Umgang, das gegebene Vertrauen und die Herangehensweise der Verantwortlichen eine 180-Grad-Wende. Man könnte es als Sinneswandel abtun, doch es spiegelt nur die fehlende Ordnung und Struktur wider, die der FCB schon seit der hitzigen Debatte um Nico Kovac vermissen lässt. 

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Rummenigge bei der Präsentation von und mit 80-Millionen-Neuzugang Hernández


Dabei ist nicht nur die Art und Weise der Kommunikation von Rummenigge und Hoeneß des Öfteren mehr als fragwürdig. Angefangen bei der "Absatz-Eins-Grundgesetz-PK", hinüber zum Transferversprechen "Wenn sie wüssten...", bis zur gefühlt ewigen Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Bayern-Bossen. Das alles hat Kovac nicht geholfen, im Gegenteil. Durch die fehlende "Jobgarantie" - die natürlich keiner bei Bayern hat, was man trotzdem nicht öffentlich in Bezug auf den neuen Trainer erwähnen muss - oder auch die Diskussionen um Trainer, die man in der Zukunft gerne sehen würde (Rummenigge über Xabi Alonso) hat man ihn schwach aussehen und wirken lassen. Auch hier: Fehlende Ordnung und Struktur.


Eine weitere Personalie, an der sich diese nicht vorhandene Stabilität und Souveränität in der Transferpolitik widerspiegelt, ist Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Durch unbedachte Äußerungen seitens Hoeneß (sinngemäß: "Für Investitionen unter 25 Millionen ist der Sportdirektor verantwortlich") oder auch durch das Abwatschen während der mittlerweile berühmten Pressekonferenz seitens Rummenigges, wirkt "Brazzo" eher wie der kleine Gehilfe, der am Ende eines Deals mit auf das Foto darf, um stolz sagen zu können, er wäre Teil davon gewesen. Oder wie Rummenigge ihn nennt: spiritus rektor.


Offensiv-Transfers fehlen - Das Wirrwarr um Boateng darf nicht zum Sinnbild werden


So war er beispielsweise nicht mit in die USA geflogen, um weiterhin die Transfergeschicke der Münchener zu leiten und vielleicht den unter den Fans sehnlichst erwarteten ersten Offensiv-Transfer einzutüten. Morgen endet die USA-Tour, und man ist in Sachen Transfers keinen Schritt weiter. Das mag zwar öffentlich eher weniger Beachtung finden, doch ist es sowohl für Fans, als auch für Kritiker ein weiteres Zeichen, dass man momentan nicht die Strahlkraft hat, um alleine schon mit dem großen Namen des Klubs bei Spielern auftrumpfen zu können.


Es braucht wieder eine klare Richtlinie, einen klaren Weg für die Zukunft - abgesehen vom Ziel, Deutscher Meister zu werden. Oder anders formuliert: Man muss Ordnung und Struktur wiedererlangen. Es liegt an den Verantwortlichen, vor allem an Hoeneß, Rummenigge und Salihamidzic, nun zu überzeugen. Durch klare, unmissverständliche Kommunikation in eine, gemeinsame Richtung - zumindest öffentlich. Dazu braucht es auch sportlich, also auf dem Platz eine klare Richtung. Die bisherigen Testspiele brachten die Hoffnung auf, dass Kovac nun auch offensiv ein klares Konzept verfolgen und umsetzen lässt.

Die Personalie Boateng und das Wirrwarr um ihn als Spieler darf nicht (weiter) zum Sinnbild des großen FC Bayern München werden. Borussia Dortmund rüstet auf. Nicht nur mit hochwertigen Spielern, sondern auch mit klaren Zielen und Ansätzen, wie man diese erreicht. Das "Mia San Mia" darf im Sinne des Vereins kein Spruch für Kritiker werden, mit dem man sich über kommunizierte Äußerungen und einer anschließenden Rolle-Rückwärts lustig macht - es muss das Ziel sein, auch wieder neben dem Platz als starkes Konstrukt aufzutreten, mit gemeinsamen Plänen und Zielen. Intern darf, soll und muss im Fußballbusiness auch im Sinne der Sache gestritten werden - nach außen sollte und muss man jedoch als geschlossene Einheit auftreten, mit einem gemeinsamen Ziel und einem starken Trainer, der nicht von oben belehrt wird. 


Oder ein letztes Mal in anderen Worten: Ordnung und Struktur.