Die "Causa Nübel" zieht sich mittlerweile einige Wochen und sorgt nicht nur auf ​Schalke für viel Gesprächsstoff, auch die Fans sind in den sozialen Netzwerken zwiegespalten. Gestern erteilte Sportvorstand Schneider einem vorzeitigen Wechsel eine Absage, wofür er viel Kritik erntete. Warum diese Kritik nicht berechtigt ist, sie den Falschen trifft, und auch Nübel nicht "der Böse" in der Geschichte ist:


Wenn man sich die Posts und Tweets der S04-Fangemeinde bei Facebook, Twitter und Co. zum Thema Nübel durchliest, findet man schnell ganz viele unterschiedliche Meinungen. Kaum ein anderes Thema spaltet in den letzten Wochen die Anhänger der Schalker so sehr. Nicht nur der auslaufende Vertrag und weitere Aussagen Alexander Nübels sind dabei Aspekte, sondern auch die Leihe von Ralf Fährmann spielt dabei für einige Fans eine wichtige Rolle. 


Jochen Schneider hat bei der gestrigen Vorstellung des Neuzugangs Markus Schubert​ nebenbei erklärt, ​dass man Alex Nübel auch bei einer ausbleibenden Vertragsverlängerung nicht vorzeitig verkaufen möchte. Damit entgeht dem Verein die letzte Möglichkeit, bei einem potenziellen Wechsel des U21-Nationaltorwarts eine Ablöse zu erzielen. 


Schneider mit Wortbruch? Absolut falscher Vorwurf!


Mancher Fan wirft Jochen Schneider sogar einen Wortbruch vor. Schneider hatte auf der Mitgliederversammlung am 30. Juni gesagt, dass sich ablösefreie Abgänge wie von Goretzka, Kolasinac, Meyer und Co nicht wiederholen dürften und dass es auch an ihm und dem Verein läge, dies zu verhindern. Nun könnte es ein weiteres Mal vorkommen.

Jochen Schneider

Schneider muss mit dem Vertrag Nübels versuchen zu retten, was noch zu retten ist



Wichtig dabei festzuhalten sind zwei Faktoren: Zum einen hat Schneider​ Nübels Vertrag weder ausgehandelt, noch verlängert. Er ist erst überhaupt erst seit März der neue Sportvorstand und hat seit seinem Amtsantritt direkt alles versucht, um die Nübel-Seite von einer Vertragsverlängerung zu überzeugen. Zudem hat er erst seit wenigen Wochen sein vollständiges Team an seiner Seite. 


Wenn man mal überlegt, was in den Monaten März, April und Mai noch alles anlag, nämlich Schalke 04 vor einem sportlichen K.O. zu bewahren, die Freistellung Tedescos, die Suche nach einem neuen Trainer, Umstrukturierungen fast aller Ebenen, und und und. Schneider hat, seitdem er im Amt ist, alles unternommen, um einen ablösefreien oder allgemein einen vorzeitigen Abschied zu verhindern. 


Mal davon abgesehen: Bei einem Jahr Restvertrag und im Szenario, dass Nübel ohnehin gehen möchte, wäre eine Ablöse über zehn Millionen Euro ohnehin Humbug. Dazu verdient er im aktuellen Arbeitspapier so wenig, dass auch seine Gehaltseinsparung nicht der springende Punkt wäre - ein möglicher Erfolg in der nächsten Saison könnte den finanziellen Aspekt schon kompensieren.

Derjenige, der die Situation schon viel früher hätte lösen und entschärfen müssen, war Schneiders Vorgänger, Christian Heidel. Bereits in der Hinrunde der letzten Saison, als Nübel einige Male den verletzten Fährmann ersetzen musste, hat Trainer Tedesco auf eine Verlängerung gepocht, doch Heidel hat sich mit den Modalitäten des Vertrags falsch bzw. gar nicht auseinandergesetzt. Schneider wurde in diese Komplikation hineingeworfen und ist sicherlich weder schuldig an der Gesamtsituation um den Vertrag, noch daran, dass Nübel nun eventuell nicht verlängert.


Falls Nübel nicht verlängert, ab auf die Tribüne? Auf keinen Fall!


Was auch so manch einer fordert, ist, dass man Nübel im Falle der ausbleibenden Verlängerung einfach auf die Tribüne setzen sollte. Als Verein müsse man sich so etwas nicht bieten lassen. Doch was ist überhaupt "so etwas"? Wenn man aus sportlicher Sicht guckt, ohne die S04-Brille zu tragen und dabei die Sicht des Spielers bedenkt, ist Nübels Verhalten Schalke gegenüber überhaupt nicht schädlich oder unanständig. 


Man spielt einige Spiele in der Hinrunde, ein Angebot zur Verlängerung? Fehlanzeige. Dann wird man zur Nummer Eins und macht durch das eigene Talent auf sich aufmerksam. Dann liegt zunächst der Abstiegskampf an, direkt danach die wichtige U21-EM.

Dass man dann als junger Spieler zunächst den Fokus auf die eigenen Spiele legen möchte, ist doch verständlich. Vor allem, weil es keinen Unterschied macht, ob Nübel (im hypothetischen Fall) vor der EM, oder danach eine Verlängerung ablehnt.


Klar könnten noch weitere Klubs auf ihn aufmerksam werden, aber das ändert nichts an dem, was Nübel auf Schalke haben kann. Sichere Einsatzzeiten, nähere Umgebung und die Möglichkeit, sich neben und mit einem weiteren jungen und talentierten Torhüter Markus Schubert zu messen. ​Apropos Schubert: Der ist ablösefrei von Dynamo Dresden zu Schalke gewechselt - wie kann man nur?


Für so machnen Fan ist Nübel ohnehin, trotz des großen Talents und der ​möglichen Aussicht, dieses länger auf Schalke zu haben, eine Art Dorn im Auge. Ralf Fährmann war für viele Schalker einer ihrer bzw. der Lieblingsspieler. Dass er abgesetzt und von Nübel ersetzt wurde, sorgte bei vielen für fehlendes Verständnis für Nübel. Gefühlt wird jeder seiner Schritte, jede seiner Aussagen genau beobachtet, um sich erneut über ihn aufzuregen oder sich über sein Verhalten zu echauffieren - und das, obwohl er persönlich sich nichts hat zuschulden kommen lassen und ein Spieler von Schalke ist. 


Die Emotionen für einen Moment abstellen - die kalten Fakten


Wenn dieser Diskussion eines guttun würde, dann wäre es, das Ganze mal ohne Emotionen, ohne Wut, ohne Freude zu betrachten. Fakt ist, der Vertrag von Nübel läuft aktuell bis Sommer 2020. Es kann theoretisch zu einem ablösefreien Wechsel kommen, muss es aber nicht. Weiterhin ist es genauso möglich, dass er verlängert und noch mindestens zwei weitere Jahre für S04 aufläuft. 


Entweder man hat mit Schubert einen so talentierten Torwart, dass er Nübel gut ersetzen könnte oder ihm in den kommenden Jahren einen offenen Zweikampf liefern kann und wird. Dazu kommt Fährmann im nächsten Sommer zurück. Grund zur Panik besteht angesichts der Torwart-Konstellation keine, jedes Szenario bietet den Vorteil der personellen Absicherung. 


Abschließend: Falls der Vertrag nicht verlängert werden sollte, wird man noch einmal in den sauren Apfel eines ablösefreien Abgangs beißen müssen. Wenn Nübel in der dann letzten Saison gute Leistungen abliefert, ist ihm weiterhin nichts vorzuwerfen. In diesem Falle ist es aber nicht Jochen Schneider, der das zu verantworten hat. Er hat die schlecht gekochte Suppe vorgesetzt bekommen und muss sie nun auslöffeln. 


Das Wichtige wird sein, dass es in Zukunft erst gar nicht weiter zu solchen Szenarien kommt. Da werden Schneiders Worte hinhalten müssen, bei eigenen Verträgen ist er in klarer Verantwortung.