Irgendwie ist der Wurm drin beim FC Bayern München. Statt der erhofften Megatransfers wartet man seit Lucas Hernandez weiter auf etwas Handfestes. Die Verhandlungen erweisen sich aus Sicht des FCB als zäh, so richtig voran kommt man nicht. Aber wieso eigentlich? In München bewies man sich die vergangenen Jahre eigentlich als sehr geschickt im Thema Transfers. Oder ist der Niedergang der Münchner'schen Kompetenz eventuell auf andere Probleme zurückzuführen?


Eine ganze Reihe Absagen fingen sich die Bayern-Bosse schon ein, dazu versandeten andere Spieler oder das Gerücht ging unter. Was bleibt, sind öffentliche Debatten, lachende Fans, ungeduldige Münchner und ein hochroter Uli Hoeneß mittendrin. Um die Würde des Menschen nicht zu verletzen, belasse ich es mal dabei.


Die Situation in München überrascht und erscheint doch im Nachhinein vorhersehbar. Der FC Bayern hat sich selbst ins Abseits geschossen, weniger sportlich (dazu kommen wir später), sondern vor allem medial. Zu selbstsicher trat man in der Vergangenheit auf, zu sehr wollte man das zentrale Thema sein, zu sehr rückte man der Bundesliga auf die Pelle.

Uli Hoeness,Karl-Heinz Rummenigge

Es ist Sand im Getriebe beim FC Bayern



Paradebeispiel und Startschuss der ganzen Peinlichkeit war die legendäre Pressekonferenz im Oktober letzten Jahres, in denen sich die drei Bayern Bosse gegen das Mediengewitter wehrten. Gut, im Nachhinein wirkte das zwar eher wie eine Reallife-Version von "Two and a half men", aber egal. In dieser grandiosen PK machte sich der FC Bayern ein erstes Mal so richtig lächerlich, wirkte unseriös und ließ tief in die Hierarchie der Funktionäre blicken. Hasan Salihamidzic alias Brazzo alias "a half man" hatte nämlich mal so gar nichts zu sagen, stattdessen regelten Uli und Karl-Heinz die Angelegenheit.


Salihamidzic wirkt wie ein Fremdkörper


Doof nur, dass gerade Brazzo, den ich übrigens als sehr sympathisch ansehe, derjenige ist, der im Transfer-Hin-und-Her den FCB nach außen vertritt und die Verhandlungen führt. Also soll derjenige die Geschäfte machen, der eigentlich gar nichts zu sagen hat?


Sowieso haben sich auch Rummenigge ("Die Würde des Menschen ist unantastbar") und Hoeneß ("JUAN BERNAT!!!") damals ins Abseits geschossen. Hoeneß legte dann im Doppelpass noch einen drauf: "Wenn sie wüssten, wenn wir alles sicher haben!" Also der BVB hatte damals noch gar nichts sicher und steht jetzt besser da als der FCB. War das also die richtige Taktik, Herr Hoeneß?


Ganz sicher nicht. Bayern entwickelt sich trotz der Meisterschaft und des Pokalsieges zu einer Lachnummer. Niemand fürchtet mehr den großen Stern des Südens, vielmehr nimmt ihn kaum jemand mehr ernst. Selbst wenn Bayern nun noch einen dicken Fisch an Land zieht, stinkt dieser eher nach einer Trotzreaktion als nach geschickter Verhandlung.

FC Bayern Muenchen v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

Und täglich grüßt das Murmeltier: Bayern 2019 wird zum siebten Mal in Folge Meister



Medial hat sich der FCB also vollends unseriös präsentiert und wenig von der Professionalität gezeigt, die man gern hatte und jetzt hätte. Dies rächt sich nun, denn die Münchner haben sich dadurch ins Strohfeuer der Presse gesetzt und bekommen jetzt die volle Breitseite ab.


Allerdings gibt es auch einen sportlichen Zerfall in der Allianz Arena. Zugegeben, siebenmal in Folge durfte man die Schale jubelnd in die Kamera halten, ein paar Pokalsiege feiern, Weißbiergläser verschütten und vor den Fans jubeln. Aber das ist alles national, in einer Liga, die bis auf die vergangene Saison kaum Gegenwehr zeigte und in Gedanken schon den ersten Platz ausgeklammert hatte.


International hingegen hapert es bei Bayern. Das goldene Zeitalter mit den Champions-League-Finals 2010, 2012 und 2013 und dem Gewinn (eben 2013) ist schon lange her. Seitdem wartet man in München auf einen großen Sprung nach vorne, muss gar um die Mitgliedschaft zu den besten Vereinen der Welt bangen.


Bayerns Rolle in Europa schrumpft


Denn inzwischen joggen Juventus Turin, der FC Barcelona, der FC Liverpool, Atletico Madrid und Co locker am Rekordmeister vorbei. Daher muss man sich, auch in München, wirklich die Frage stellen, warum ein Spieler von internationalem Niveau zu den Bayern wechseln sollte, wenn man woanders mehr verdient und höher spielen kann? Warum sollte ein Leroy Sané nach München gehen, wenn er in Manchester bei einem der besten Vereinen der Welt spielt?

Leroy Sane

Wird das noch was mit Sané und dem FCB?



Natürlich kann man nicht nur dem FC Bayern hier an die Nase fassen, die Bundesliga besteht schließlich aus 18 Vereinen, die für die Qualität und das Image der deutschen Topliga verantwortlich sind, doch für die sportliche Qualität in München ist einzig und allein der FC Bayern zuständig. Wenn niemand zum FCB wechseln möchte, muss zuallererst eben dieser Verein sich hinterfragen, warum das so ist.


Aber eine Rekapitulation fällt vielen schwer. So war es auch in Dortmund, wo man beste Chancen auf die Meisterschaft verspielte und München die Schale am Ende zuschob. Beim BVB hätte man nach der Saison fluchen, den Kopf in den Sand stecken oder einfach die Hoffnung verlieren können, doch das tat man nicht. Man analysierte, überlegte und plante ein neues Konzept, mit dem man besser wird. Und kurz danach standen Brandt, Hummels, Hazard und Schulz vor der Tür.


Bayern muss jetzt liefern!


Genau diesen Ehrgeiz vermisst man beim FC Bayern. Will man dort wirklich besser werden, oder versucht man nicht eher, den Status Quo zwanghaft zu halten? Die Fehler, die dort gemacht wurden, muss sich der Verein selbst ankreiden, von außen hat da niemand eingewirkt.

Für den neutralen Fan, den Fußballanalytiker und auch für die Sozialwissenschaftler ist der FC Bayern momentan super zu beobachten. Denn der stolze Verein zeigt, wie eine Ära endet. Nicht von äußeren Einflüssen, sondern durch eine Zersetzung von innen.


Lieber FC Bayern München, jetzt müsst ihr zeigen, liefern und beweisen, ob ihr zurecht ein Klub mit Weltklasseformat seid. Ich bin gespannt.