Er ist ein Kind der ​Bundesliga. Gefürchtet als beinharter Innenverteidiger, später gefeiert als Meistertrainer. In einem Alter, in dem andere Kollegen bereits ans Aufhören denken, zeigte er es nochmal allen seinen Kritikern - und wurde 2004 mit Griechenland sensationell Europameister.


​Otto Rehhagel wurde am 9. August in Essen geboren. Die Kindheit war schwierig. Mit elf Jahren verlor er seinen Vater. Der war Bergmann gewesen in der Zeche Helene, nur unweit vom der Wohnung in der Rahmstraße 113, wo die Rehhagels wohnten. 


Mit zehn trat der junge Otto in den Betriebssportverein der Zeche ein. Schnell erkannten auch die größeren Klubs in Essen das Talent des Verteidigers, und 1960 unterschrieb Rehhagel einen Vertrag als Oberliga-Vertragsspieler bei Rot-Weiss. Aufgefallen war er dem damaligen Vereinspatron Georg Melches, nach dem das Stadion des Essener Traditionsklubs bis zu seinem Abriss 2012 benannt war.


Mit Rot-Weiss Essen stieg Rehhagel in die Zweite Bundesliga auf. Zur Saison 1963/64, der Debütsaison der neugegründeten Bundesliga, wechselte Rehhagel nach Berlin zur Hertha. Am 24. August 1963 stand er vor der beeindruckenden Kulisse von 60.000 Zuschauern im Olympiastadion gegen den 1.FC Nürnberg auf dem Platz - und machte laut kicker seinen Job ordentlich: "Großartig im Tackling, sicher im Abschlag!" 


Aufgrund eines vom DFB verhängten Zwangsabstieges sahen sich die Hauptstädter in der Saison 1965/66 in der Zweiten Liga wieder. ​Nach dem verpassten Wiederaufstieg 1966, nahm Rehhagel das Angebot des 1.FC Kaiserslautern, damals von Gyula Lorant trainiert, an. Auch bei den Pfälzern ging es meistens nur darum, den Abstieg zu vermeiden.


Am 25. September 1971 verletzte sich Rehhagel beim Spiel gegen den MSV Duisburg am Knie. Die Verletzung sollte das Ende seiner aktiven Zeit als Spieler einläuten. Den Trainerschein aber hatte er da schon in der Tasche. Er gehörte zu den Teilnehmer des letzten Trainer-Seminars unter dem großen Hannes Weisweiler. 


In den folgenden Jahren sollte sich überhaupt noch nicht abzeichnen, dass er einer der langlebigsten Trainer der Bundesliga-Historie werden würde. Eher schien sein Weg als eine Art Feuerlöscher geebnet. Über Werder Bremen, wo er vom Februar bis Juni 1976 den Verein vor dem Abstieg rettete (übrigens als Nachfolger von Hans Burdenski, dem Vater des späteren Werder-Keepers Dieter Burdenski), Borussia Dortmund (1976-1978), Arminia Bielefeld (1978-1979) und Fortuna Düsseldorf (1979-1980), kehrte Rehhagel im März 1981 zurück an die Weser. Es sollte die erfolgreichste Ära der Vereinsgeschichte werden. 


Rehagel prägt eine Erfolgsära in Grün-Weiß


Werder Bremen war zu diesem Zeitpunkt bereits Zweitligist, schaffte aber mit Rehhagel, der Kuno Klötzer beerbt hatte, den Wiederaufstieg in Liga eins. Die Rückkehr-Saison im Oberhaus geriet für die Bremer zum Triumphmarsch. Am Ende stand ein kaum für möglich gehaltener fünfter Platz. Vor der Saison hatte der kicker noch geunkt und sich die Frage gestellt, ob diese Ehe wohl lange halten würde. Wie man sich doch täuschen kann...

Eine historische Bundesliga-Szene: Der aufgeschlitzte Oberschenkel von Ewald Lienen


Dabei hatte sie schwierig begonnen, diese Spielzeit 1981/82. 14. August, erster Spieltag. "Pack ihn dir", soll Otto Rehhagel kurz zuvor noch seinem Manndecker (so hießen die damals) Norbert Siegmann zugerufen haben. Mit "ihn" war Ewald Lienen, der trickreiche Angreifer der Bielefelder Arminia gemeint. Wenige Sekunden später haben die scharfkantigen Stollen des Werder-Verteidigers den Oberschenkel von Lienen einmal auf einer Länge von dreißig Zentimetern aufgeschlitzt. Die Fernsehbilder schockten ganz Fußball-Deutschland. Ein sichtlich um Fassung ringender Lienen, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Bein hält, in dem eine obszön klaffende Wunde den Blick bis auf die Muskeln freigibt. Bis heute gehören diese Aufnahmen zu den unvergessenen Momenten aus bald sechs Jahrzehnten Bundesliga. 

König Otto von Bremen mit der Schale


Doch vor allem machte Rehhagel und sein Werder Bremen mit spektakulärem Offensivfußball Furore. Drei Vizemeisterschaften (1983, 1985 und 1986), dazwischen ein fünfter Platz in der Saison 1983/84: Werder Bremen war angekommen in der Spitze des deutschen Fußballs. Und im Sommer 1988 fuhren die Grün-Weißen auch endlich die Ernte für die harte Arbeit der vorvergangenen Jahre ein: nach dreiundzwanzig Jahren war Werder Bremen wieder deutscher Meister. Es folgten die erfolgreichsten Jahre der Werder-Historie: Pokalsieg 1991, Europapokal der Pokalsieger 1992 (2:0 im Finale gegen AS Monaco) und erneute Deutscher Meisterschaft 1993. Der zuvor stets ein wenig belächelte Underdog aus Bremen war zu einer ernst zunehmenden Größe geworden. Vor allem die Bayern schauten immer öfter mit Ratlosigkeit nach Bremen. Also machten sie, was sie (mit) am besten können: sie warben den Hauptkonkurrenten einfach ab. 


Rehhagel in München


Einige seiner engsten Freunde wussten schon vorher, dass das nichts werden konnte. Wenn bärbeißige, direkte, unverfälschte Ruhrpott-Art auf die lauwarme, etwas weiche Schickimicki-Prominenz in Bayerns Landeshauptstadt trifft - dann kann da nichts draus werden. Schon bald zeigten sich erste Risse. Rehhagel kam mit dem vor Nationalspielern strotzenden Kader nie in den Griff. Seine Devise "Die Mannschaft ist der Star" verfing bei den Ich-AG´s der Bayern-Profis nicht. 

Der Kaiser zeigt Rehagel die Tür


Mehmet Scholl drohte öffentlich mit Weggang, schob die Siege einzig und allein auf die individuelle Klasse ("Fakt ist: wir spielen seit acht Wochen und haben immer noch keine Taktik. Wir stehen doch nur so gut da, weil wir so gute Einzelspieler haben"). Und auch der Kaiser rüffelte nach einem glücklich herausgespielten 1:0-Sieg auf St.Pauli: "Katastrophenspiel! Diese Schülermannschaft kann froh sein, dass ich nicht mehr Trainer bin." Rehhagel schluckte es. Doch bald waren die Gräben nicht mehr zu schließen. Ende April 1996 machten die Bayern-Bosse der unsäglichen Aufführung ein Ende, der Kaiser übernahm und heimste die Titel (Meisterschaft und UEFA-Cup) ein. 


Als Aufsteiger Meister mit dem FCK

Zur Folgesaison heuerte Rehhagel bei einem alten Bekannten an: der FCK war in die Zweite Liga abgestiegen. Mit Rehhagel klappte der sofortige Wiederaufstieg. Am ersten Spieltag der Saison 1997/98 traf der Aufsteiger ausgerechnet auf die Bayern. Im Olympiastadion. Es sollte eine Genugtuung für Rehhagel werden. Mit 1:0 gewannen die Pfälzer sensationell beim Rekordmeister, und schwangen sich anschließend auf eine Wolke, die sie bis zum Titel bringen sollte.Ein Aufsteiger wird Meister - Rehhagel hatte erneut Fußballgeschichte geschrieben. Die Folgejahre bei den Roten Teufeln konnten da freilich nicht mithalten. Im Herbst 2000 war das Kapitel Kaiserslautern beendet.

2004 tanzte ganz Griechenland den "Rehakles"


2001 wurde Rehhagel zum Nationaltrainer Griechenlands. Und schaffte keine drei Jahre später eine der größten Überraschungen des internationalen Fußballs: am 4. Juli 2004 wurde Griechenland mit einem 1:0 im Finale gegen Portugal Europameister. Aus König Otto I. war Rehhakles, der König von Griechenland, geworden.