Neben Präsident Uli Hoeneß zeigte sich auch Torjäger Robert Lewandowski vor wenigen Wochen noch davon überzeugt, dass die groß angekündigte Transferoffensive des FC Bayern nach dem Saisonende Fahrt aufnimmt. "Ich weiß, es wird noch etwas passieren. Bayern hat das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte der Pole Ende Mai​ - seither hat sich jedoch nichts getan. Nach den nachdenklichen Worten von Joshua Kimmich übte nun auch Thomas Kroth, Berater von Torhüter und Kapitän Manuel Neuer, gegenüber der Süddeutschen Zeitung Kritik an den Verantwortlichen. Nun sollte der Warnschuss auch in der Führungsetage angekommen sein.

Dass - anders, als noch vor einigen Jahren - 115 Millionen Euro im heutigen Fußball nicht reichen, um einen Umbruch in der Größenordnung des FC Bayern München zu bewältigen, bekommen die Verantwortlichen mittlerweile tagtäglich zu spüren. Doch nicht nur extern, sondern auch intern wächst die Kritik. 
​Niko Kovac bemängelte unlängst, dass der Kader noch längst nicht vollständig ist, Joshua Kimmich betonte, den Anspruch zu haben, jedes Jahr um den Champions-League-Titel mitzuspielen und nun erklärt auch Neuer-Berater Thomas Kroth: "Mein Eindruck ist, dass der Abstand zu den vier englischen Top-Teams schon gravierend ist und der Münchner Kader aktuell noch nicht entsprechend - also konkurrenzfähig - aufgestellt ist, um auch die Ziele von Manuel ernsthaft anzugehen."

Thomas Kroth,Andreas Moeller

  Thomas Kroth (l.) beobachtet die Entwicklung beim FC Bayern haargenau.


Was auch immer die Münchner davon abgehalten hat, frühzeitig - wie etwa Borussia Dortmund - auf dem Transfermarkt zuzuschlagen: Nachvollziehen kann dieses Verhalten nicht einmal jemand, der dem Verein nur wenig abgewinnen kann. Die eigenen Aussagen fliegen Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge & Co. mittlerweile um die Ohren, die Ansagen enthüllten sich als leere Warnschüsse an die Konkurrenz.

​Dass nun auch noch vermehrt kritische Töne aus dem Mannschaftskreis oder dem Umfeld einzelner Spieler durchdringen, verschärft die Lage umso mehr. "
Jetzt ist die Phase, in der er [Manuel Neuer, Anm. d. Red.] sich entscheiden muss: Wie geht es perspektivisch weiter?", fuhr Kroth fort. Neuer wolle die Europameisterschaft im kommenden Jahr gewinnen, zudem noch einmal den Champions-League-Pokal in den Nachthimmel stemmen wollen. Ein Verbleib beim FC Bayern über 2021 hinaus sei "natürlich das naheliegende Modell. Aber nicht das einzige."


Zwischen Anspruch und Wirklichkeit


​In diesem Jahr scheiterte die Mannschaft bereits im Achtelfinale am FC Liverpool, der sich im Endspiel von Madrid gegen Tottenham Hotspur durchsetzen konnte. "
Mein Ziel ist es sicher nicht, zittern zu müssen, ob wir die Gruppe oder das Achtelfinale erreichen", erklärte Joshua Kimmich unmissverständlich gegenüber Sport Bild. Für den 24-Jährigen sei es "von großer Bedeutung, jedes Jahr die Chance zu haben, die Champions League zu gewinnen", speziell die jüngere Generation beim FC Bayern wolle "jedes Jahr ins Halbfinale oder Finale einziehen."

Joshua Kimmich

    Joshua Kimmich ist das wohl größte Talent, das die Münchner derzeit in ihren Reihen besitzen. Dass nun auch bei ihm die Alarmglocken läuten, erhöht den Druck drastisch.


Die Bedeutung der Königsklasse spielten die Verantwortlichen bereits zur Ära Pep Guardiola herunter. Der Katalane musste sich immer wieder am Titel messen lassen, scheiterte in seinen drei Jahren stets im Halbfinale. Gegenwärtig aber stellt sich die Frage, ob der Klub in der kommenden Saison überhaupt so weit kommen wird. Der aktuelle Transferstau lässt nur eine Antwort zu: Nein.


Ja, der FC Bayern München wurde auch in einem verhältnismäßig schwachen Jahr Meister und gewann das Double, doch so wie man sich nicht nur über Transfers definieren darf, darf man sich ebenso wenig nur über Titel definieren. Die interne Kritik ist ein schlechtes Omen, ein weiterer Warnschuss nach dem Achtelfinal-Aus gegen Liverpool. Die Frage ist: Findet man mit einem Sportdirektor ​Hasan Salihamidzic wieder den Anschluss an die europäische Spitze? Mit 17 Feldspielern würde nicht einmal Guardiola Wunder vollbringen können, Niko Kovac in seinem zweiten Jahr an der Säbener Straße ohnehin nicht. Spätestens jetzt sollte allen bewusst sein, dass man den eigenen Planungen viel zu weit hinterherhinkt.