Am gestrigen Mittwoch feierte der ​HSV den Trainingsauftakt in die kommende Saison. Über einen Internetstream wurde live vom Training berichtet, Beiträge über Neuzugänge gezeigt und Interviews geführt. Unter anderem hielt der neue Sportvorstand Jonas Boldt das Mikro und äußerte sich über die Neuzugänge und die Pläne für die Zukunft. Und trat ganz nebenbei nach seinem Ex-Verein Bayer 04 Leverkusen aus.


Boah, was waren wir stolz bei ​Leverkusen auf den Boldt. Jung, engagiert, couragiert, mehrsprachig und voller Kontakte. Der inzwischen 37-Jährige ist einer der besten Sportfunktionäre der Bundesliga und als langjähriger Ziehsohn von Urgestein Michael Reschke bestens mit weltweiten Kontakten ausgestattet.


Deshalb war es schon schmerzhaft, als der junge Mann nach etlichen Jahren unter dem Bayerkreuz seinen Abschied verkündete. Aber naja, Reisende soll man nicht aufhalten und mit dem Duo Simon Rolfes und Stefan Kießling könnte man einen schlechteren Ersatz für Boldt haben. Dankbar muss man ihm auf jeden Fall sein, er hat Leverkusen weit gebracht und den Verein für junge, talentierte Spieler attraktiv gemacht. Ein Abschied ohne Gräuel also.


Austreten ohne Grund


Bis zum gestrigen Interview zumindest. Es war nur ein Nebensatz, der viele Leverkusener und auch mich ein wenig zur Weißglut brachte. Nach der Erwähnung der vielen Dauerkartenverkäufe und Fans beim ersten HSV-Training watschte Boldt seinen Ex-Klub ab. "Von meinem alten Arbeitgeber in der Vergangenheit kannte ich das jetzt nicht so", reagierte Boldt auf die 21.000 verkauften Dauerkarten und 600 Fans beim Training.

Autsch, das tat weh. Nicht die Tatsache, dass der HSV mehr Fans hat - das ist jedem hier am Rhein bewusst. Auch nicht, dass man als Leverkusen-Fan oft belächelt wird, weil man eben "nur" ein Anhänger von Leverkusen ist. Nein, es ist die Tatsache, dass der Ex-Bayer-Boss eigentlich die Situation in Leverkusen kennen sollte, um sich solch einen Kommentar zu sparen. Denn die blanken Zahlen einfach so zu vergleichen, ist nicht möglich.


Zugegeben, als Leverkusener schaut man schon mal neidisch zu den "Großen", den Metropolen, den nationalen Größen. Egal ob Dortmund, Hamburg, Bremen oder München. Stimmungstechnisch ist in der BayArena auch noch viel Luft nach oben. Aber es ist nicht unser Anspruch, uns mit diesen Größen der Fankultur zu vergleichen. Das Ziel ist, uns für unsere Kapazitäten bestmöglich zu verkaufen.


Häh, Kapazitäten? Fankultur? Hat das was miteinander zu tun? Oh ja! Der HSV etwa hat 21.000 Dauerkarten auf dem Papier stehen, Leverkusen laut RP "nur" 19.000. Macht 2.000 Karten in der Differenz. Auch die 600 Fans im Auftakttraining kann der Bayer keinesfalls toppen. Am Rhein wird die Fananzahl wohl im niedrigen dreistelligen Bereich liegen.


Wie vergleicht man Größen der Fanlandschaft?


Allerdings, und hier beginnt der Vergleich erst richtig, gehört zu der Fanstärke auch immer der Hintergrund der Stadt. Hamburg ist eine feste Größe und Metropole im deutschen Norden. Direkte Konkurrenz um die Fans bietet in der Region nur der FC St. Pauli. Mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern ist Hamburg zudem die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Kein Wunder, dass es dort mehr Andrang von Fans gibt.

Jonas Boldt

Jonas Boldt war lange Zeit ein Aushängeschild von Bayer 04 Leverkusen



Das mit knapp 160.000 "kleine" Leverkusen liegt dagegen in der Metropolregion Rhein-Ruhr. Städte wie Köln, Düsseldorf, Schalke, Dortmund oder Essen geben hier größentechnisch den Ton an. Das Einzugsgebiet Leverkusens ist vergleichsweise klein. Neben Leverkusen darf man wohl noch einen Teil des Bergischen Landes und von Wuppertal zum Bayer04-Gebiet erklären. Das relativiert die niedrigere Anzahl der Fans.


Das war unnötig, Herr Boldt


Boldts Aussage ist somit schlicht und ergreifend sinnlos. Man kann die beiden Vereine von ihrer Fangröße nicht einfach so vergleichen. Wenn man etwa auswärts auf 2.000 Leverkusener Fans trifft, sind dies 1,25% der Stadtbevölkerung. Wendet man diese Prozentgröße auf Hamburg mit ihren 1,5 Millionen Einwohnern an, müsste man mit fast 19.000 HSV-Fans rechnen. Und das ist tatsächlich nur fast die Anzahl der verkauften HSV-Dauerkarten und nicht die Anzahl der Auswärtsfans...


Das Beispiel zeigt, dass die nackten Zahlen nicht einfach so übertragbar sind. Natürlich sehen 1.000 Bayer Fans im Vergleich zu 8.000 Fans von Dortmund, Hamburg und Co. nach wenig aus, doch im Bezug auf die Kapazitäten wendet sich das Blatt. Und gerade das sollte Boldt nach seiner langen Zeit in Leverkusen wissen. Natürlich ist beim HSV jetzt alles größer, doch dies ist kein Grund, einmal in Richtung Leverkusen auszutreten.