Im zweiten Teil unseres exklusiven Interviews mit Lina Magull spricht die Mittelfeldspielerin über die anstehende WM in Frankreich (7.6.-7.7.), wieso die deutsche Elf wieder mehr tun muss und warum es wichtig ist, dass junge Mädchen mit Jungs zusammenspielen. Dazu sprachen wir mit ihr über die Favoriten des Turniers und wieso Horst Hrubesch als Interimscoach genau der richtige Mann war.


​Hier geht's zu Teil I des Interviews


Kommen wir zur Weltmeisterschaft. Wer sind denn Ihrer Meinung nach die größten Favoriten auf den Titel?

Magull: Da sehe ich ganz vorne England, Frankreich und die USA. Wenn man sich die Vorbereitungsspiele anschaut, haben die drei Teams sich schon hervorgehoben. Aber es wird in jedem Fall spannend. Ich glaube, es wird eine sehr ausgeglichene WM. Anders als die Jahre zuvor, sind dieses Jahr viele gute Nationen dabei, die sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt haben. England muss man da besonders hervorheben. Es wird in jedem Fall nicht einfach. Wir haben mit Spanien auch einen sehr schwierigen Gegner in der Gruppe. Die überzeugen fußballerisch und spielerisch. Insgesamt kann man sich auf viele gute Spiele freuen, die viel Qualität mit sich bringen.


Schaut man sich die vergangenen Turniere an, kann man dann sagen, die anderen Nationen haben so weit aufgeholt? Oder hat man sich auf deutscher Seite zu sehr auf seinen Lorbeeren ausgeruht?

Magull: In den anderen Nationen hat man gemerkt, dass man mehr tun muss, um besser zu werden. Und wenn man auf der anderen Seite so viele Erfolge feiern konnte, ist es irgendwo auch menschlich, wenn man daran anknüpfen will und die Abläufe eingespielt sind. Aber ich denke, gerade wegen der EM 2017 hat man gemerkt, dass man so nicht weitermachen konnte. Dass wir uns wieder mehr reinhängen müssen und Innovationen und frischen Wind brauchen. Das macht das Ganze aber dann auch wieder abwechslungsreicher im Frauenfußball, dadurch dass die anderen Nationen aufgeholt haben. Für einen persönlich ist es dann auch spannender gegen solche Nationen zu spielen, als gegen Teams, die nur hintendrin stehen und verwalten.


Welche Chancen rechnen Sie der deutschen Mannschaft insgesamt aus, wenn das Feld so viel enger geworden ist?

Magull: Ich sehe uns schon noch als Mitfavoriten. Ich denke, dass andere Nationen das auch so sehen. Gerade mit den letzten Vorbereitungsspielen haben wir auch gute Ergebnisse erzielt, wo wir unter anderem 1:0 in Frankreich gewonnen haben. Daher wissen auch die anderen, dass mit uns zu rechnen ist. Aber im Vergleich zu den vergangenen Jahren, wo es immer ein "Muss" war, gibt es jetzt, auch weil die anderen Nationen aufgeholt haben und wir in einem Prozess sind, keinen Druck. Das tut auch einfach gut. Man kann befreiter in die Spiele gehen und weiß trotzdem, dass man sehr gut drauf ist, ein sehr gutes Team hat und dass man was erreichen kann.


Sie sind 2014 mit der U20 ja bereits Weltmeister geworden. Können Sie für das kommende Turnier Vorteile daraus ziehen, wie Erfahrung beispielsweise?

Magull: Eine Frauenfußballweltmeisterschaft ist schon noch mal etwas anderes, als eine U20-WM. Aber ich denke schon, dass ich einiges lernen konnte seinerzeit. Dadurch, dass ich Spielführerin war, hatte ich auch schon mehr Verantwortung. Zudem hatten wir kurz vorher viele Ausfälle und sind daher nicht in Top-Verfassung ins Turnier gestartet. Deshalb waren unsere Erwartungen nicht so hoch und dann sind wir dennoch Weltmeister geworden. Das hat mir gezeigt, wie viel man aus so einem Team herausholen kann. So ähnlich empfinde ich das auch jetzt. Wir haben 15 Spielerinnen dabei, die keine A-Turnier-Erfahrung haben. Aber man spürt hier einfach einen Teamspirit, dass ich glaube, dass man ähnliche Kräfte aufs Feld bringen kann wie damals bei der U 20.

Lina Magull,Wolfgang Niersbach

Lina Magull wurde mit der U20 im August 2014 bereits Weltmeisterin



Wie sehen Sie denn speziell ihren Stellenwert im Team und der Hierarchie, mit der Erfahrung im ganzen Jugendnationalbereich und seit 2015 als Nationalspielerin im A-Team? Was geben Sie den jüngeren Spielerinnen noch mit?

Magull: Ich glaube nicht, dass es bei uns so eine extreme Hierarchie gibt. Klar, manche bringen mehr Erfahrung mit, andere weniger. Ich persönlich habe natürlich auch meine Erlebnisse, die ich auch gerne mit den Spielerinnen teile. Vor allem mit den jüngeren. Wenn ich merke, dass eine Spielerin zu sehr nachdenkt oder einen Tipp braucht, bin ich auf jeden Fall da. Da kann man dann was weitergeben. Das macht mich dann auch stolz. Ich persönlich hoffe einfach, noch mehr Erfahrung zu sammeln. Ich gebe gerne viel weiter, nehme aber auch selbst gerne neue Dinge mit.


Wie sehen Sie insgesamt die Entwicklung des Teams? 2015 wurden Sie unter Silvia Neid erstmals nominiert, danach kam Steffi Jones, wo einiges nicht so klappte, dann stabilisierte man sich unter Horst Hrubesch, nun ist Martina Voss-Tecklenburg die Trainerin. Welche Entwicklungen sehen Sie unter den einzelnen Akteuren sowohl persönlich als auch mannschaftlich?

Magull: Es gab Höhen und Tiefen. Ich bin froh, dass ich unter Silvia Neid noch mal trainieren durfte. Auch das Turnier, Olympia 2016 (Goldmedaille, Anm. d. Red.), war eine Wahnsinnserfahrung. Dann kam Steffi Jones, das hat am Ende einfach nicht gepasst. Dank Horst Hrubesch konnten wir uns dann wieder fangen, der unglaublich viel Erfahrung hatte und den richtigen Ton getroffen hat. Er ist eine Person, die man sehr respektiert hat. Dadurch haben wir dann wieder in die Spur gefunden und das wird vom jetzigen Team fortgeführt. An dieser Philosophie hat man ein wenig festgehalten. Aber Martina Voss-Tecklenburg bringt natürlich auch ihre eigene Art ein.


Glauben Sie, dass die Frauennationalmannschaft vom Aus der Herren im vergangenen Sommer profitieren könnte? Dass man aus Ihrer Sicht – auch mit einem zwinkernden Auge – zeigen möchte, wie man es besser macht?

Magull: Nein, das würde ich überhaupt nicht so sagen. Wir wollen uns gar nicht mit den Männern vergleichen. Daher gibt es keinen Gedanken in die Richtung, etwas besser machen zu müssen. Wir wollen es einfach gut machen, unabhängig von den Männern. Dass man sich unsere Art, Fußball zu spielen, ebenfalls anschauen sollte, dass wir auch Spaß machen. Wie wir Frauen auf dem Platz arbeiten, verdient ebenso Anerkennung.


Sie gelten ja als Straßenkickerin. Finden Sie, dass das Spielen auf der Straße, im Garten etc. zu kurz kommt? Es sollen ja für Kinder Kleinfelder kommen. Dort ist man frei von taktischen Zwängen. Begrüßen Sie die Entwicklung?

Magull: Ich finde das in jedem Fall sehr gut. Ich glaube auch, dass das den Fußball ausmacht. Weniger Taktik, weniger Regeln – einfach machen. Das Spiel spannend halten. Da gehören Fehler ebenso dazu. Wenn man den Kindern versucht, das normale Spiel aufzuzeigen mit wenig Einschränkungen, finde ich das sehr positiv.


Ist es da vielleicht gerade im Frauenfußball noch einfacher, weil der Druck wegen des geringeren Geldes nicht so hoch ist, wie bei den Herren?

Magull: Das kann schon ein Faktor sein, dass die Aufmerksamkeit nicht so hoch ist bei uns. Es ist schon Wahnsinn, wie viel es bereits im jungen Alter um Geld geht, für wie viel junge Spieler schon den Verein wechseln. Das ist im Frauenfußball nicht der Fall. Dort finde ich es gut, dass noch eine Mischung da ist. Für mich ist es außerdem sehr wichtig, dass die Mädchen so lange wie möglich mit Jungs zusammen kicken. Dadurch ist das Trainingsniveau hoch und es macht auch einfach Spaß. So bekommen die Mädchen früh nicht nur Handlungsschnelligkeit und die nötige Zweikampfhärte, sondern auch die Anerkennung von den Jungs. Das habe ich ja auch selbst miterlebt. Dann sind auch die Jungs erstaunt, wie gut Mädchen spielen können. Das gehört auch zur Persönlichkeitsentwicklung dazu. 


Vielen Dank für das Gespräch - das 90min-Team drückt alle Daumen für die WM in Frankreich!