Im Sommer 2019 steht ​Schalke 04 vor einer wichtigen, jedoch äußerst komplizierten Transferphase. Nach der Absturz-Saison müssen viele grundlegende Dinge neu geklärt und aufgebaut werden, dazu zählt beispielsweise der notwendige Umbruch im Kader. Alles andere als eine leichte Aufgabe, da mit dem Kader viele weitere Aspekte wie der noch immer fehlende Sportdirektor zusammenhängen. Doch es bietet sich auch die Möglichkeit, einen ersten wichtigen Schritt zu machen.


Der Einstand von Jochen Schneider auf Schalke hätte sicherlich angenehmer, entspannter und ruhiger verlaufen können. Als er Anfang März den Posten des Sportvorstands übernahm, befand sich der S04 inmitten eines - wenn man von der Vorsaison ausgeht - plötzlichen und erschreckenden Abstiegskampfes. Christian Heidel hatte erst kurz zuvor seinen Rücktritt nach einer 3:0-Auswärtsniederlage bekanntgegeben, ausgerechnet in ​Mainz. Touché. 


Etwas vorgespult, von der Freistellung Domenico Tedescos, über den überraschenden Derbysieg, bis hin zum erreichten Klassenerhalt, steht nun die Sommer-Transferphase an. Schneider hat sehr viel Arbeit vor sich. Den wichtigsten Aspekt hat er mit Neu-Trainer David Wagner bereits abgearbeitet, doch der Kader bereitet sowohl den Verantwortlichen als auch den Fans große Sorgen. Ein Umbruch muss her, oder wie Vorstands-Chef Clemens Tönnies es nennt: Neuorientierung.


Den S04-Kader umstrukturieren hört sich deutlich leichter an, als es sich umsetzen lässt, vor allem in diesem Sommer. Kaum Geld, der Verein will Spieler (zwangsweise unter Wert) loswerden, die Strahlkraft des Revierclubs ist etwas verblasst. Ein wahres Transfer-Dilemma für Schneider.

Michael Reschke

Auch Michael Reschke als Kaderplaner wird über den Sommer zaubern müssen



Der finanzielle Aspekt dürfte wohl das größte Problem der Schalker im Bezug auf den Kader-Umbau sein. Über die letzten drei Jahre wurden durch Heidel knapp 160 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, währenddessen 112 Millionen eingenommen. 


Grob gesagt steht ein Transferminus von fast 50 Millionen und eine Mannschaft, die in dieser Saison regelrecht ineinander zusammengebrochen ist und so gut wie nie als Einheit funktionierte. Dazu verpassten die Königsblauen in den drei Jahren zweimal das internationale Geschäft, was zusätzlich in verpassten Einnahmen resultiert. 


Schneider steht dementsprechend bildlich gesprochen in einem Laden voller Lebensmittel und muss mit den letzten Scheinen aus dem Sparschwein ein ganzes Menü zaubern, obwohl es aller Voraussicht nach nur für die Vorspeise reicht. Laut Bild sei ein Budget von 25 Millionen Euro für Transfers abgesegnet worden, eventuelle Einnahmen aus Verkäufen noch nicht mit einberechnet. Heutzutage sind 25 Millionen Euro alles andere als viel für einen Verein, der international auftreten will. 


Spielerische Klasse mit Fokus auf Charakter


Im Umfeld des Vereins heißt es, man wolle in Zukunft deutlich genauer darauf achten, dass die neuen Spieler auch einen (zu Schalke) passenden Charakter haben. Die Team-Mentalität ist gerade im Hinblick auf die vorherige Saison ein enorm wichtiger Faktor. Spieler wie Harit, Bentaleb und Mendyl sorgten durch disziplinarische Verfehlungen mehrmals ​für Unruhe.


Auch S04-Retter ​Huub Stevens warnte beim Abschied vor einem "System voller Egoismen" und begründete die Schwere der Rettungsmission auch mit viel zu großen Egos in der Mannschaft, die es nur schwer zu verstehen wüssten, ein richtiges Team zu formen. 


Es wird also nicht nur darauf ankommen, dass Schneider zusammen mit Reschke den Kader qualitativ verbessert, sondern auch mit der gewissen Mentalität und Charakterstärke ausstattet. Spieler wie Benjamin Stambouli gelten als absolute Vorbilder dessen: Schnell Deutsch gelernt, immer wissbegierig nach kulturellen und traditionellen Aspekten von Schalke und Gelsenkirchen (wie Ralf Fährmann mal erzählte), ein bodenständiger Typ und mit dem wichtigen Gespür, was die Fans wollen und empfinden. 


Die Chance für S04-Youngsters


Nicht zuletzt wegen der geringen finanziellen Mittel, sondern auch weil die meisten S04-Profis sich im letzten Jahr mit ihren Leistungen nicht gerade ins Schaufenster gestellt haben, könnten der Sommer und der Saisonstart die große Chance der jungen Spieler sein, sich zu zeigen und sich fest zu etablieren.

David Wagner wird sich als neuer Trainer ohnehin jeden einzelnen Spieler genau angucken, ihn einschätzen und jedem die gleiche Chance geben, sich zu zeigen. Spieler wie Matondo oder die S04-Eigengewächse Carls, ​Kutucu und Boujellab (die beiden, die das Zentrum des Neuaufbaus sein können) werden somit die Möglichkeit haben, sich einen festen Platz im Kader zu erkämpfen. Wagner möchte, wie vom Verein auch ausgerufen, attraktiven und schnellen Fußball spielen lassen. Das dürfte ihnen allen zum Vorteil werden.

Durch die Misslage im Bereich Finanzen wären sie quasi junge Neuzugänge, die den Verein definitiv weiterbringen können. Vor allem Kutucu und Boujellab haben bereits in der vorherigen Saison gezeigt, warum man in Gelsenkirchen auf sie besonders stolz ist. "GEschmiedet", wie die Schalker zu eigenen Nachwuchs-Profis sagen.

Alles in allem ist es trotz der schwierigen Situation, die in den kommenden Wochen besonders auf Jochen Schneider zukommen wird, auch eine Möglichkeit, einen ersten groben Schritt in Richtung "Neuorientierung" zu machen. Eine gänzlich neue sportliche Leitung, mit Trainer, Sportvorstand, Kaderplaner und noch zu besetzendem Sportdirektor kann der Verein mit dieser komplizierten Transferphase anfangen, das "neue Schalke" zu bauen. Auch wenn dies zunächst ein sehr kleiner Schritt sein kann, wäre es eben ein erster. Und jeder Lauf beginnt mit einem ersten Schritt.