Wer es gut mit ​Bayer 04 Leverkusen meint, legte sich gestern mit gemischten Gefühlen ins Bett. ​Julian Brandt wechselt durch eine Ausstiegsklausel von 25 Millionen Euro zum Konkurrenten nach Dortmund. Acht Millionen Euro Jahresgehalt und gute sportliche Aussichten sollen den 23-Jährigen weggelockt haben. Aber jetzt mal ernsthaft, Julian, warum Dortmund?


Dass ein junger Spieler sich weiterentwickeln möchte, den nächsten Schritt wagen möchte, ist klar. Alle Fans von Leverkusen, Gladbach, Hoffenheim oder auch Freiburg sind es gewohnt, dass die Besten des Kaders irgendwann mal gehen. Von Freiburg etwa zu ​Dortmund, Leverkusen oder Gladbach. Von Dortmund, Leverkusen oder Gladbach wechseln wiederum die Topspieler zum FC Bayern, zum FC Liverpool oder zu Real Madrid, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Deshalb fällt der Wechsel von Brandt so durch das Raster der Transfers. Warum wechselt eines der Toptalente des deutschen Fußballs, ein erst 23-jähriger aber bereits gereifter und erfahrener Bundesligaspieler, "nur" von Leverkusen zu Dortmund?


Wäre ja nicht so, als hätte Brandt keine Alternativen gehabt. Auf der Interessentenliste sollen neben Juventus Turin auch Tottenham und Arsenal gestanden haben. Im Grunde ist davon auszugehen, dass ganz Europa Brandt auf dem Zettel hatte, gerade bei einer Ablöse von 25 Millionen Euro. Und Brandt hat definitiv die Qualität, in der internationalen Spitzenklasse zu bestehen. Borussia Dortmund ist allerdings im Vergleich zu Turin oder den Londoner Stadtklubs sportlich gesehen völlig im Nachsehen, zumindest zeigen dies die vergangenen Saisons.


Die Frage, warum Dortmund, bleibt also bestehen. Vielleicht mag es an der Aufbruchstimmung in Dortmund liegen, die Brandt zum Wechsel bewogen hat. Man blickt schon neidisch auf die Borussia, die mal eben so drei Topspieler von der Konkurrenz abkaufte. Innerhalb von einer Woche verpflichtete man ​Nico Schulz​Thorgan Hazard und eben Julian Brandt. Diese drei Spieler in Ergänzung zu dem bisherigen Kader ergeben ein Team, das entweder nächste Saison das Triple gewinnt oder komplett einbricht. Das Motto: Hop oder Top.


Vielleicht ist es gerade dieses "Projekt", wie die Fußballer so gerne sagen, was Brandt motiviert hat. Teil eines jungen, hungrigen Teams zu sein. Bei einem Klub mit vielen Fans (verglichen zu Leverkusen ist dies auch keine große Kunst) und viel Prestige, international bekannt und respektiert. Ja gut, hätte man auch in Liverpool haben können...


Man merkt, irgendwie stößt man immer wieder an den Punkt, Dortmund ihre sportliche und finanzielle Stärke zwar zuzusprechen, aber dennoch an ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu zweifeln. Zu konstant waren die Niederschläge der deutschen Nummer Zwei, zu schlecht das internationale Abschneiden, zu heftig die stetigen Rückschläge gegen den Platzhirsch Bayern München.

Julian Brandt,Kevin Volland,Kai Havertz

Bilder der Vergangenheit: Julian Brandt im schwarz-rot der Werkself


Wird jetzt mit Brandt, Hazard und Co. all das besser? Kann gut sein! Wird sich Brandt behaupten können? Alles andere wäre eine Enttäuschung! Erreichte ein anderer Spieler das Format Weltklasse, nachdem er zu Dortmund wechselte? Nur Marco Reus! Wäre es also besser gewesen, ins Ausland zu wechseln, etwa zu Manchester City oder dem FC Barcelona? Definitiv!


Denn bei diesen Vereinen stehen deutsche Spieler unter Vertrag, die den anderen (oder auch besseren?) Weg gegangen sind. Leroy Sane und Marc-Andre ter Stegen wechselten jung ins Ausland, mussten sich behaupten und sind inzwischen die einzigen Deutschen, die man wohl ohne schlechtes Gewissen in die Kategorie Weltklasse einordnen darf. Das hinterfragt wiederum die Qualität der deutschen Bundesliga. Muss man ins Ausland wechseln, um auf Topniveau spielen zu können?


Brandt zeigt durch seinen Wechsel zu Dortmund, dass es nicht so sein muss. Das mag vielleicht ein Weckruf oder ein Zeichen sein, das Potenzial der Bundesliga neu zu entfalten. Aktuell gesehen muss man jedoch befürchten, dass der Transfer für Brandt eine Stagnation zur Folge hat. Wechselt er in vielleicht drei Jahren in Ausland, wird man sich fragen, warum er erst dann den Schritt gewagt hat.


Also, Julian, danke für deine Dienste hier am Rhein. Wir alle trauen dir eine große Karriere zu, du hast dafür definitiv die Qualitäten. Der Sprung zum BVB ist jedoch viel zu klein für deine Klasse. Und die Art und Weise wie du gewechselt bist, ist nochmal ein ganz anderes Thema. Stand jetzt, viel Erfolg beim BVB, leider wirst du nie die Verabschiedung von uns bekommen, die du eigentlich verdient hättest.