Bayer 04 Leverkusen landet noch vor Beginn der Transferphase einen echten Coup. Von der TSG Hoffenheim holen sich die Rheinländer den Mittelfeldspieler Kerem Demirbay, für viele einer der unterbewertetsten Spieler der Liga. Der zweimalige Nationalspieler erhält einen Vertrag bis 2024 – langfristig also. Für diesen Transfer kann man die Rheinländer nur loben, doch was bedeutet er für die Mannschaftsstruktur?


Es ist ein Transfer wie aus dem ​​Bayer 04​–Bilderbuch und läutet doch eine neue Ära bei der Werkself ein. Zum ersten Mal trauen sich die Funktionäre bei Bayer aus dem geschützten Panzer der risikoarmen Transfers heraus und geben sich auf dem Wechselmarkt mit einem wahren Knall zu erkennen. Bis zu 32 Millionen Euros sind bei dem Transfer des deutschen Nationalspielers im Gespräch – das sind fast zehn Millionen mehr als bei Leverkusens bisherigem Rekordtransfer Alario im Sommer 2017.


Bayer verstärkt sich durch diesen Transfer mit einem Spieler der Extraklasse im besten Fußballalter. Demirbay bereichert das Mittelfeld der Werkself enorm: Der 25-Jährige ist vielseitig einsetzbar, besitzt eine überragende Spielübersicht, eine wahnsinnige Schusstechnik, ist Standardspezialist - kurzum ein kompletter Mittelfeldspieler und in Zeiten der Inflation auf dem Spielermarkt für 32 Millionen gar nicht mal so teuer (aberwitzig, dass man mal so etwas sagt).


Ebenso aberwitzig und vor allem unpassend erscheinend ist die Frage, was Leverkusen mit diesem Spieler soll und woher das Geld kommt? Diese beiden Fragen gehen ineinander über, sie zielen auf die selbe Pointe ab. Die Verpflichtung Demirbays wird eines zur Folge haben, was viele Bayer- und Fußballfans heute mehr denn je ahnen: Irgendjemand wird Bayer 04 verlassen müssen, damit Demirbay spielen kann. Denn ein 25-jähriger Nationalspieler wird nicht zu einem direkten Konkurrenten wechseln, um dort die etablierten Kräfte unter Druck setzen zu wollen, er will spielen. Die aktuellen Transfergerüchte richten damit verstärkt den Blick auf Charles Aranguiz, Kai Havertz und Julian Brandt.


Demirbay als Ersatz und nicht als Alternative


Das beantwortet auch die Frage, ob Demirbay das aktuell harmonische Mannschaftsgefüge im Kader der Werkself durcheinanderbringen wird. Nein, das wird er nicht. Wie auch, offensichtlich ist er als Ersatz eingeplant und nicht als Herausforderer.


Doch hilft uns Demirbay, den weiteren Transferverlauf bei Leverkusen sogar zu prognostizieren? Hier spielt die Transfersumme eine Rolle. Durch eine größtenteils gute Transferpolitik dürfte Leverkusen trotz größerer Investitionen in den vergangenen zwei Jahren finanziell gut dastehen. Auch steht mit Mutterkonzern Bayer eine sichere Geldquelle zur Verfügung. Dennoch, Leverkusen wird auf eine ausgeglichene, bestenfalls positive Transferbilanz hoffen und arbeiten. Woher bekommt Bayer dann das Geld für Demirbay?


Neben den drei obig genannten Wechselkandidaten wird als vierter dicker Fisch auch Stürmer Alario seit Wochen mit einem Wechsel in Verbindung gebracht. Doch in einer Beziehung stehen Alario und Demirbay nicht – Bayer würde mit den Einnahmen durch den Argentinier einen mindestens ebenbürtigen Stürmer als Ersatz verpflichten wollen.


Kai Havertz,Julian Brandt

Beherrschendes Transferthema bei Leverkusen: Was passiert mit Havertz (2.v.l.) und Brandt (rechts)?


Das Geld steckt also im Mittelfeld, wodurch man wieder auf das Trio Brandt, Havertz und Aranguiz kommt. Aranguiz fällt hierbei raus, im Falle eines Wechsels dürfte bestenfalls ein niedriger zweistelliger Betrag rausspringen, wenn nicht sogar weniger. Brandt mit seiner Ausstiegsklausel würde wiederum um die 25 Millionen Euro einbringen – die sieben Millionen Euro Differenz wären für Bayer kein größeres Problem. Und durch einen Verkauf von Havertz könnte man Demirbay mindestens dreimal kaufen.


Zudem dürfte die Position von Aranguiz zu defensiv für Demirbay sein. Um es deutlicher zu sagen, Demirbay ist kein Ersatz für den Chilenen. Bleiben nur noch Havertz und Brandt übrig. Da Havertz von Rudi Völler ziemlich deutlich mit einem Transferveto belegt wurde und von der Spielerposition eventuell zu Flügel-orientiert für Demirbay ist, fällt das Scheinwerferlicht auf Julian Brandt.


Der 23-Jährige wird von Dortmund, Juventus Turin und Co. gejagt und vermied bisher ein klares Bekenntnis zum Bayer. Die Position unter Bosz als sehr offensiver Achter ist perfekt auf Demirbays Spieltyp zugeschnitten. Wenn Demirbay also als Ersatz geholt wurde, dann anscheinend für Brandt.


Bayer bereitet sich auf einen Wechsel vor, der noch gar nicht feststeht


Müssen sich die Leverkusener Fans also auf einen Abgang ihres Aushängeschilds nach der Verpflichtung Demirbays gefasst machen? Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Doch ein Abgang von Brandt ist noch gar nicht in Stein gemeißelt. Dass Bayer 04 jedoch bereits jetzt mit Kerem Demirbay Nägel mit Köpfen gemacht hat, kann vielerlei Gründe haben. Unabhängig der Transferaktivitäten gewinnt man mit dem Mittelfeldspieler Klasse und Alternativen zu einem teuren, aber guten Preis. Geht neben Brandt auch keiner der anderen Wechselkandidaten in diesem Sommer, hätte man eben das Luxusproblem im Mittelfeld. Wenn schließlich im Sommer 2020 Brandt, Havertz und/oder Aranguiz gehen, hat man mit dem 25-Jährigen dann direkt eine Alternative im Kader, die sich bereits eine Saison lang an das rheinische Klima gewöhnen konnte. 


Egal was also passieren mag, mit diesem Transfer hat sich Bayer 04 Leverkusen sehr gut vorbereitet. Finanziell, leistungsbezogen und langfristig ergibt der Transfer für den Verein Sinn. Entweder Demirbay wird einen Abgang in diesem Sommer auffangen oder er belebt in der kommenden Saison den Konkurrenzkampf und erhöht die Optionen für den Trainer. Leverkusen zeigt mit dem Transfer definitiv Präsenz auf dem Markt und unterstreicht die eigenen Ansprüche der kommenden Saison. Man darf sich freuen, was noch folgen mag.