Im Internet werden die Rufe nach Erik ten Hag, Trainer von Ajax Amsterdam, immer lauter. Immer mehr Fans des ​FC Bayern München wollen den Niederländer als Coach beim Rekordmeister sehen. Dabei ist der Umgang mit Niko Kovac, aktueller Trainer der Bayern, höchst unfair.


Inzwischen sind es nicht mehr nur lose Gerüchte, inzwischen wird offen postuliert, dass Erik ten Hag ein hohes Ansehen bei den Bayern-Verantwortlichen genießt. So soll er angeblich die erste Wahl sein, sollte Niko Kovac den Rekordmeister in diesem Sommer bereits wieder verlassen. Auch von den Fans wird inzwischen immer öfter und vehementer ein Wechsel auf der Trainerbank gefordert, der Name ten Hag fällt dabei immer öfter.


Tatsächlich ist es verständlich, denn was der 49-jährige Fußballlehrer mit Ajax Amsterdam angestellt hat, ist nicht mehr als die Renaissance einer Revolution. Er zog mit den Niederländern ins Halbfinale der ​Königsklasse ein. Etwas, was dem Verein seit 1997 nicht mehr gelang. Damals schied man gegen Juventus Turin aus, das Hinspiel verlor man 1:2 daheim, in Italien gab es dann eine 1:4-Abreibung. Es war das letzte Mal, dass der Klub, der den Wettbewerb 1995 gewann, so weit kam.


Aktuell stehen die Chancen auf einen Finaleinzug nach einem 1:0 in London bei Tottenham nicht schlecht. Und das mit einer Mannschaft, die mehr Talente als Routiniers in ihren Reihen hat. Das wiederum verbindet ten Hag mit der Sehnsucht, die beim FC Bayern herrscht. Dort sehnt man sich nach jungen und hungrigen Spielern, stattdessen wandelt dort ein Altherrenriege ihrer Frührente entgegen. Was wiederum Niko Kovac ein wenig zum Verhängnis wird. Denn der Wunsch nach ten Hag ist auch der Wunsch nach einem Nachfolger für den Kroaten.


Dabei tut man Kovac Unrecht. Denn auch wenn die Bayern in der Champions League in diesem Jahr frühzeitig ausgeschieden sind, so steht der Verein dennoch vor der wohl siebten Meisterschaft in Folge und selbst das Double ist noch drin. Zudem ist es die erste Saison von Kovac beim neuen Klub, auch wenn hier die Kirschen bekanntlich höher als bei der übrigen Konkurrenz in Deutschland hängen. Nichtsdestotrotz muss man sich auch vor Augen halten, dass Kovac zwar kein Novize, aber dennoch ein recht unerfahrener bis junger Trainer ist, der sich ebenfalls seine Meriten und Titel und somit den Respekt noch verdienen muss.


Dieser Trainer aber trifft auf Spieler, die allesamt Weltmeister, Champions-League-Sieger, mehrmalige Double- und einige von ihnen auch Triple-Gewinner sind, die auf ihren Karriereherbst zusteuern, sofern sie nicht schon dort angekommen sind, und schon einige Trainer beim FC Bayern haben kommen und gehen sehen. Diese zu motivieren und weiter anzutreiben, dass es auch für die siebte Meisterschaft in Folge zu laufen und zu kämpfen gilt, dürfte so einfach nicht sein. Leicht vorstellbar auch, dass dort ein Robert Lewandowski sitzt, der sich manches mal denkt: Was will er jetzt von mir?


Natürlich ist es auch eine Frage der Autorität. Diese aber wird ebenso regelmäßig von den Verantwortlichen und Vorgesetzten von Kovac untergraben, wenn der Trainer mal öffentlich angezählt, mal gestärkt wird. Zudem, so berichtete kürzlich die Sport Bild, sollen sich Hoeneß und Co. die Auseinandersetzung zwischen Coman und Lewandowski sowie den Schlichtungsversuch von Kovac auf den Videobändern sehr genau angeschaut haben. Vor allem mit dem Fokus, wie Kovac darauf reagiert habe. Es gibt angenehmere Arbeitsplätze, selbst im Haifischbecken Bundesliga.


Auch diverse Statistiken untermauern, dass Kovac so schlecht nicht sein kann, wie er gemacht wird. Schaut man sich mal die Bundesliga-Tabelle von vor genau zehn Jahren an, sieht man, dass der ​VfL Wolfsburg mit 69 Zählern Meister wurde. Die Bayern haben zwei Spieltage vor Schluss 74. Mit der Chance auf 80 Zähler würde Kovac auch die ach so tolle Fabelsaison von Thomas Tuchel in den Schatten stellen, der mit 78 Punkten vor drei Jahren mit dem BVB nur Vize-Meister wurde.


Auch zeigt die Statistik der Rückrunde, dass der FC Bayern bei 15 Spielen nur eine einzige Niederlage kassiert hat und insgesamt 38 Punkte holte. Schritt halten konnte im selben Zeitraum nur ​RB Leipzig, und selbst die Sachsen sind mit vier Punkten, weil sie zwei Remis mehr hinnehmen mussten, schon hinter dem Rekordmeister. Das ständige Krisengerede und Mäkeln an Kovac entbehrt daher schon einigen Grundlagen. Die Spielweise mag dabei vielleicht nicht immer schön sein, in der Liga aber ist sie erfolgreich, selbst mit einer in die Jahre gekommenen Truppe.


Ob ein Wechsel zu Erik ten Hag daher die beste Lösung ist, bleibt zweifelhaft. Vielleicht sollte man Kovac eher frischeres Personal zur Verfügung stellen und einige Spieler in die verdiente Rente schicken. Mit einem Ante Rebic wäre ein erster Schritt getan, es bräuchte aber noch weitere. Ob der Kroate allerdings diese Zeit bekommt, davon ist wohl nicht auszugehen. Dafür ist das Geschäft zu schnelllebig und die Aussicht auf einen neuen Trainer, der angeblich einen Matthijs de Ligt und einen Hakim Ziyech mitbringen möchte, zu sexy. Bei einem möglichen Abgang Kovacs kann man nur festhalten, er wird an der Aufgabe gewachsen sein. Und seinen Erfolg sicher woanders unter Beweis stellen können. Wie einst in Frankfurt...

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