​So läuft es manchmal im Fußball: ein eigentlich schon aussortierter Leih-Spieler, der im Winter den Verein nur deshalb nicht verlassen hat, weil keine entsprechenden Angebote eintrafen, wird in der Rückrunde auf einmal wichtig. Und zwar so wichtig, dass er nun gekauft und zu einem festen Bestandteil der Mannschaft werden soll. ​Leo Lacroix (27) hat beim ​HSV innerhalb nur eines halben Jahres die ganze Spanne der Emotionen eines Profi-Kickers erleben dürfen. 


Wer die letzten vier Spiele des Hamburger SV verfolgt hat und dabei vor allem die Leistungen des Schweizer Abwehrspielers Leo Lacroix gesehen hat, muss sich unweigerlich gefragt haben: warum hat der bislang kaum Einsätze gehabt? Immerhin lagen mehr als vier Monate zwischen seinem letzten Spiel (im Dezember, beim 2:1-Sieg in Ingolstadt, durfte er eine Minute "mithelfen", die Zeit von der Uhr zu nehmen) und einem phoenixgleichen Comeback - ausgerechnet im Spitzenspiel beim 1. FC Köln. 


An jenem Abend pulverisierte er die Kölner Offensive, ließ dem Top-Torjäger der Liga, Simon Terodde, weder Raum noch Zeit, irgendetwas Produktives während der neunzig Minuten zu kreieren. Kurz: er deckte ihn vollständig zu. Nach mehr als sechzehn Wochen in der vereinsinternen Verbannung! 


Natürlich profitierte er auch vom Verletzungspech der Hamburger im Vorfeld der Partie (nach Köln fuhr der Dino praktisch mit einer Rumpfelf), doch nicht jeder Spieler nutzt die Gunst der Stunde so glänzend, wie es Lacroix getan hat. 

Und wer glaubte, dass es sich beim Köln-Auftritt vielleicht um eine rühmliche Ausnahme in der ansonsten eher bescheidenen Leistungsbilanz des Schweizers handelte, sah sich in den nachfolgenden Spielen schnell eines Besseren belehrt: auch im Heimspiel gegen Aue war Lacroix (zusammen mit Torschütze Manuel Wintzheimer) die einzige positive Erscheinung im Spiel des HSV. Neunzig Minuten so gut wie fehlerfrei, dazu mit überzeugender Körpersprache und sogar fast mit einem Assist in Minute 90. Kein Zweifel - da hat sich einer aus der Krise gespielt. 


Und das Schöne ist: das scheint man auch beim HSV erkannt zu haben. Stand heute soll der bis Ende Mai vom französischen Ligue1-Vertreter AS St. Etienne ausgeliehene Lacroix per Kaufoption fix verpflichtet werden. Die Bild berichtet in diesem Zusammenhang von einer kleinpreisigen Summe um die zwei Millionen Euro. Im heutigen Profi-Business also eher Peanuts. 


Für das Geld bekäme der HSV einen richtig soliden Abwehrspieler, der auch emotional voranschreiten kann. Bestes Beispiel: beim wackeligen Auftakt im Pokalspiel gegen RB Leipzig faltete Lacroix seinen holländischen Kollegen Rick van Drongelen (20) verbal mal so richtig zusammen, nachdem dieser durch einen Fehlpass für Chaos in der Abwehr gesorgt hatte. Und Big Rick ließ es kleinlaut über sich ergehen. 


Diese Szene spiegelt vielleicht am besten den Prozess wider, den Leo Lacroix in den letzten Wochen in Hamburg durchlaufen hat: vom Aussortierten zum neuen Chef.