Vor und nach den Partien sprechen Spieler und Verantwortliche von ​​Borussia Dortmund selbstbewusst über den Kampf um die Meisterschaft, doch auf dem Platz offenbart die Mannschaft immer wieder ihre Nervosität. Lockere Siege feierte der BVB seit Wochen nicht mehr, die 0:5-Klatsche gegen den FC Bayern München schlug zusätzlich aufs Gemüt. In seiner neuesten Kolumne für den kicker sieht Eduard Geyer, einst von 1994 bis 2004 Trainer bei Energie Cottbus, die Schuld auch bei Marco Reus, der ebenfalls nicht mehr auf dem Niveau der Hinrunde agiert.


Zu welchen Leistungen Marco Reus fähig ist, wenn ihm der eigene Körper keinen Strich durch die Rechnung macht, bewies der 29-jährige Offensivkünstler in dieser Saison: In 33 Pflichtspielen sammelte er 29 Torbeteiligungen, speziell in der Hinrunde gehörte er zu einem der absoluten Schlüsselspieler unter Lucien Favre. Reus, so hieß es, befinde sich in der Form seines Lebens und treibe die Mannschaft, deren Kapitän er seit Saisonbeginn ist, sowohl auf als auch abseits des Feldes voran.


Doch seit er im Februar aufgrund eines Muskelfaserrisses im Adduktorenbereich fehlte, tut sich der Nationalspieler wieder schwerer. In den vergangenen fünf Bundesligaspielen erzielte Reus - im Verhältnis zu den vorherigen Monaten - "nur" zwei Tore, ein Assist gelang ihm nicht. Derzeit durchlebt er ein Formtief, was im Laufe einer Saison nicht unüblich ist und in der Regel wieder vorbeigeht - doch es kommt zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt.

Reus legt den Finger in die Wunde


Aktuell rangiert der BVB mit nur einem Punkt Rückstand auf Bayern München auf dem zweiten Tabellenplatz. Doch während die Münchner souverän ihre Leistung abliefern und in der laufenden Rückrunde bereits sechs Kantersiege feierten, wirkt die Borussia ​müde, schwerfällig und verkrampft. Das jüngste Beispiel: Nach einer ansprechenden Leistung im ersten Durchgang führte Schwarz-Gelb gegen Mainz 05 mit 2:0, brach nach dem Seitenwechsel jedoch völlig ein und siegte einzig dank Torhüter Roman Bürki mit 2:1.

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  Ein Mann der klaren Worte: Marco Reus (l.) scheut sich nicht vor deutlicher Kritik



"Wir haben überhaupt keinen Fußball mehr gespielt, die zweite Halbzeit war einfach schlecht - für mich unerklärlich. Wenn du Meister werden willst, musst du an deine Grenzen und darüber hinaus gehen - und solche Spiele gewinnen", ärgerte sich Reus laut kicker. Immer wieder legt er den Finger in die Wunde, will seine Mitspieler auf die Missstände aufmerksam machen und seinem Status als Kapitän und Führungsspieler gerecht werden. 


Für Eduard Geyer liegt allerdings genau dort das Problem: "Es wundert mich, dass der BVB die Wucht seiner Zuschauer nicht besser auf sein Spiel übertragen kann. Manchmal kommt mir der Auftritt der Dortmunder wie Juniorenfußball vor", so der 74-Jährige, der den Fokus auch auf Reus legte: "Außerdem frage ich mich: Wer ist in der Mannschaft der Leader? Marco Reus ist es in meinen Augen nicht."


Vom Pech verfolgt - von der Anspannung mitgenommen


Bezogen auf Erfolge hat Geyer nicht unrecht: Mit dem DFB-Pokal sicherte sich der 29-Jährige erst vor zwei Jahren seinen ersten Titel. Reus hat zwar den nötigen Hunger und eine herausragende fußballerische Qualität, doch zugleich ist er alles andere als ein Gewinnertyp: Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück, weshalb er beispielsweise erst im vergangenen Sommer an einer Weltmeisterschaft teilnehmen konnte. Noch immer gilt er als der Unvollendete, der endlich die Meisterschale in den Händen halten und auch bei der Nationalmannschaft für einen Pokal verantwortlich sein will - doch bislang blieben ihm diese Momente verwehrt.

Marco Reus

  Reus ist zweifelsfrei ein fantastischer Spieler - aber zu den ganz Großen wird er niemals aufstoßen können



Auf der anderen Seite ist er unverzichtbar, wenn er in Form ist. Seine Mannschaftskollegen bekamen dies besonders im Februar zu spüren: Ohne Reus gelang lediglich ein Sieg gegen Bayer Leverkusen, mit ihm schien jedoch die Leichtigkeit vorhanden zu sein. Hinter der Spitze ist er aufgrund seines Tempos, seiner technischen Fähigkeiten und seiner herausragenden Schusstechnik unentbehrlich, doch aktuell kann er sich nicht von seinen Mitspielern absetzen.


Anstatt weiter voranzugehen und die jungen Mannschaftskollegen auf dem Platz zu ermutigen, bleibt Reus derzeit allerdings blass. Die schwachen Leistungen schließen ihn ein, die nervliche Belastung ist auch ihm anzuspüren. Wenn Borussia Dortmund Meister werden will, benötigt es einen Marco Reus aus der Hinrunde, der befreit und entschlossen aufspielt, sich über 90 Minuten immer wieder in Szene setzt und seinen Qualitäten freien Lauf lässt. Dafür fehlt ihm derzeit die Lockerheit, weshalb Geyers Kritik gerechtfertigt ist und sich auch Reus hinterfragen muss, wenn er weiterhin als Führungsspieler zählen will.