Dass Martin Kind künftig das Amt des Vereinspräsidenten von ​Hannover 96 abgeben würde und lediglich als Geschäftsführer handeln wolle, war längst bekannt. Doch nach der Mitgliederversammlung am gestrigen Samstag ist klar: Einfacher wird die Arbeit für den 74-Jährigen nicht. Der neue Aufsichtsrat besteht aus der Opposition, die sich klar gegen den Klub-Boss positioniert. Wie schon im Bezug auf die ​sportliche Situation stellt sich auch auf der Führungsebene die Frage: Wie wird es weitergehen?


Seit 1997 ist Martin Kind bei Hannover 96 involviert. Der Unternehmer wurde bei der Mitgliederversammlung am 26. September zum Präsidenten ernannt, führte den Verein wieder in die Bundesliga zurück und war für den Umbau der heutigen HDI-Arena zuständig. Bereits im Jahr 2014 kündigte er an, sein Präsidentenamt niederlegen zu wollen und stattdessen nur noch als Geschäftsführer zu dienen - doch künftig weht ihm ein rauer Wind entgegen.


Bereits seit Jahren häufte sich die Kritik an Kind, der mit seinem Ausnahmeantrag für die 50+1-Regel innerhalb des Vereins für negative Schlagzeilen sorgte. Wie der Spiegel berichtete, habe Kind dafür sorgen wollen, dass den Mitgliedern des Stammvereins die Entscheidungsmacht entzogen wird. Stattdessen sollten die Kapitalgesellschaften über die Verwendung der Gelder entscheiden dürfen. Mit seinem Antrag scheiterte der 74-Jährige jedoch bei der DFL, und auch von seiner geplanten Satzungsänderung rückte er im Februar wieder ab.


Mehr Transparenz: Der neue Aufsichtsrat will Fakten schaffen


Der neugewählte Aufsichtsrat besteht aus Nathalie Wartmann, Ralf Nestler, Jens Boldt, Carsten Linke und Lasse Gutsch. Das Quintett, an dessen Spitze laut Sportbuzzer Nestler stehen wird, gehört der Kind-Opposition an, trat unter dem Slogan "Vorwärts nach weit" an und will vor allem für eines sorgen: Mehr Demokratie. "Wir sind angetreten, um genau das aufrecht zu erhalten, was uns in den letzten 20 Jahren so erfolgreich gemacht hat: Das Zwei-Säulen-Modell. Aber es geht auch darum, dass Mitgliederbeschlüsse wieder bindend sind. Demokratie gehört dazu", erklärte Linke, der von 1996 bis 2003 als Spieler für 96 aktiv war, laut ​transfermarkt.de.

Auch Sebastian Kramer, der die Nachfolge von Kind als Vereinspräsident antreten soll, will die Mitglieder künftig "wieder einbeziehen." Auch deshalb wolle man bei der DFL und dem zuständigen Schiedsgericht Informationen über den von Kind gestellten Ausnahmeantrag der 50+1-Regelung einholen, da man "an diesem Prozess nicht beteiligt gewesen" sei. 


Für Linke geht es ebenso um "eine Transparenzmachung der Vorgänge, die zum Antrag auf 50+1-Ausnahme geführt haben", wie er laut kicker erklärte. "Diese Transparenz hat es nicht gegeben, aber das ist das, was die Mitglieder sehen wollen. Sie wollen wissen, was passiert."


Investoren ziehen sich nicht zurück


Die Gesellschafter würden "nicht weglaufen", sagte Gregor Baum, doch auch in Zukunft werden sie nicht darüber entscheiden können, wie der Verein mit dem von den Investoren um Kind, Baum und Dirk Roßmann bereitgestellten finanziellen Mitteln handelt. Denn der neue Aufsichtsrat plant, einen Rückzug von Kinds gestelltem Ausnahmeantrag zu prüfen, damit 50+1 auch in Hannover erhalten bleibt.

Martin Kind

     Ahnte bereits das Wahlergebnis: Martin Kind


Einfacher wird es für Hannover 96 nicht, im Gegenteil. "Hier ist ein neues Team mit neuen Konzepten, neuen Ideen. Ich denke, es ist ihre Verantwortung, aktiv zu sein", sagte Kind, der bereits damit rechnete, dass seine Befürworter bei der Wahl des neuen Aufsichtsrates eine Niederlage hinnehmen würden: "Es war schon deutlich, dass die Szene gut organisiert ist und gut mobilisiert. Ich glaube, jeder Kandidat wäre auch gewählt worden."


Der Verein sei "dramatisch gefährdet", die Situation "zum Kotzen. Wirtschaftlich ist dieses Jahr so desaströs wie die sportliche Situation. Die KGaA wird das Jahr mit einem Verlust von 18 Millionen Euro abschließen. In der 2. Liga käme noch einmal ein Minus von rund 17 Millionen hinzu." 


Alles auf Anfang


Mit dem neuen Aufsichtsrat kommt nun ein weiteres Problem auf den 74-Jährigen zu. Ob sich beide Parteien auf eine gemeinsame Zusammenarbeit einigen können, ließ er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (DPA) offen: "Es gibt ein Profifußball-Unternehmen und einen eingetragenen Verein. Das sind zwei unterschiedliche Vereins- und Unternehmensphilosophien. Wir werden sehen, ob es eine Basis für eine Zusammenarbeit gibt. Sonst geht jeder seinen eigenen Weg."


Der Machtwechsel wurde besiegelt, die Probleme jedoch nicht aus der Welt geschaffen. Martin Kind hat eine erste Niederlage erlitten, doch noch immer ist der Geschäftsführer gemeinsam mit den Gesellschaftern für die finanziellen Mittel des Vereins zuständig. Somit wird er dem Klub weiterhin erhalten bleiben, aber der neue Aufsichtsrat wird sich darum bemühen, das Vorhaben des Vereins transparenter zu gestalten und die Macht innerhalb des Vereins zu behalten, um sich künftig wieder überwiegend auf das Sportliche konzentrieren zu können. Jedoch wird sich erst mittelfristig zeigen, wie sich der Kurs insgesamt verändern wird.