Joachim Löw nimmt mit dem radikalen Umbruch in der Nationalmannschaft auch die jüngeren Spieler in die Pflicht. Die Maßnahme scheint zu fruchten. Auch und gerade bei einem, dessen Gunst sich der Bundestrainer im vergangenen Jahr auch gut hätte verspielen können.


Als Milan Pavkov beim Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Serbien in der 93. Minute zur Karriere-Ende-Grätsche ansetzte, war das ein Zeichen von Frust. Zwar war der Serbe zu diesem Zeitpunkt erst zwanzig MInuten auf dem Feld und seine Mannschaft nach Toren mit dem vermeintlichen Favoriten gleichauf - dennoch hatte der 25-Jährige in seinem Nationalmannschafts-Debüt genug gesehen. Und so sprang er ohne Rücksicht auf Verluste mit offener Sohle in die Beine des Mannes, der zuvor die gesamte zweite Hälfte lang das ganze serbische Team hatte alt aussehen lassen - Leroy Sané. 

Leroy Sane

Mit seinem Tempo war Leroy Sané von den Serben zeitweise nicht zu halten


Der Ex-Schalker, letzten Sommer für die Weltmeisterschaft aufgrund seiner Jugend noch nicht berücksichtigt, hatte - zumindest in den letzten 45 Spielminuten - gezeigt, was für ein elementarer Bestandteil der deutschen Offensive er sein kann und zukünftig sein wird. In einem Spiel, das sicher nicht auf schlechtem Niveau ausgetragen wurde, war der 23-jährige Angreifer zumindest offensiv zeitweise zwei Klassen besser als seine Gegner. In Kontersituationen strahlte der ​ManCity-Star schon auf Höhe der Mittellinie Gefahr aus, war im Tempodribbling kaum zu stoppen. Seinen Meister fand Sané am gestrigen Abend lediglich in Serbien-Keeper Dmitrovic. 


Die Leistungssteigerung des ​Premier-League-Legionärs innerhalb der letzten Monate ist beeindruckend. War seine Nicht-Nominierung schon im vergangenen Sommer - gerade nach dem frühen Ausscheiden des Weltmeisters von 2014 - heiß diskutiert worden, wäre ein Verzicht auf Leroy Sané schon jetzt absolut undenkbar. Der Linksaußen ist die Personifikation dessen, was Oliver Bierhoff meint, wenn er von der "Bolzplatzmentalität" spricht, die vermehrt Einkehr in den deutschen Fußball halten soll. Seine Fähigkeiten im Eins-gegen-eins suchen nicht nur in der Nationalmannschaft ihresgleichen. Geht dem deutschen Spiel mal die Dynamik abhanden, gelingt es dem gebürtigen Essener, mit seiner individuellen Klassen dennoch Torgefahr auszustrahlen. 

Joachim Loew,Leroy Sane

Bundestrainer Löw weiß die Fähigkeiten seines Außenstürmers inzwischen zu schätzen


Wie wichtig seine Nummer "19" jetzt ist und zukünftig sein wird, das ist auch dem Bundestrainer inzwischen bewusst. Sané werde "dauerhaft ein extrem wichtiger Faktor" sein, die Entwicklung seines Schützlings sei "einfach gut", so der Weltmeister-Coach vor dem Match gegen Serbien. Spieler aber, die wie Sané Außergewöhnliches zu leisten im Stande sind, sollen in Löws "neuer Zeitrechnung" der DFB-Elf vorangehen. Der 59-Jährige fordert von seinem Team "mehr Tempo, mehr Zielstrebigkeit, mehr Dynamik" - allesamt Stärken des Angreifers von Manchester City. Dem wird deshalb in der neuen Ära gleich eine größere Rolle zuteil sowie die Forderung, weiter an sich zu arbeiten: "Er hat mit seinen Möglichkeiten noch viel mehr Potenzial". 


Für den ehrgeizigen jungen Mann aus der Schalker Knappenschmiede eine Herausforderung, die er gerne annimmt. Ihm sei es wichtig, "auf dem Platz voranzugehen und in jedem Spiel meine Leistung zu bringen", sagte der designierte Leistungsträger schon vor dem Duell mit Serbien. In der zweiten Halbzeit des Spiels gab er dann einen Vorgeschmack, wie das aussehen könnte. Gerade als Sané mit Goretzka und Reus zwei gestandenere Nationalspieler zur Seite standen, denen defensiv mehr Beachtung zuteil wurde als zuvor den Leverkusenern Brandt und Havertz, kehrte insbesondere über den 23-Jährigen die monatelang vermisste Dynamik ins deutsche Spiel zurück. Und waren die Bemühungen am Ende auch nicht recht von Erfolg gekrönt, war die Offensive der neu formierten Nationalmannschaft doch nicht nur vielversprechend, sondern zeitweise sogar wunderbar anzusehen. Sie machte Lust auf mehr. "Mehr Tempo, mehr Zielstrebigkeit, mehr Dynamik" - mehr Sané.