Die Bundesliga-Vereine setzen mehr und mehr auf Jugendspieler von der Insel, deutsche Top-Spieler träumen von der englischen Liga. Deshalb stellt sich die Frage: Ist die höchste deutsche Spielklasse nur noch eine gute Übung für den "Erstfall" Premier League?


Als Ian Rush, seines Zeichens historischer Top-Torjäger und Legende des ​FC Liverpool, kürzlich mit dem Kicker sprach, sang er ein Loblied auf die ​Bundesliga und Spieler, die aus Deutschland in die ​Premier League wechseln. Aufgrund der Ähnlichkeiten der höchsten englischen und deutschen Spielklassen seien Spieler beim Wechsel in die englische Top-Liga stets bereit für die "160 Stundenkilometer", mit denen es in England zur Sache gehe. Rush betonte die vergleichbare Spielweise bei "gleichem Niveau" - und belog sich damit womöglich selbst. 

Ian Rush

Liverpool-Legende Ian Rush schwärmt von der Bundesliga als England-Vorbereitung


Denn während Parallelen in der Spielweise teils nicht von der Hand zu weisen sind, kann von einem gleich hohen Level beider Ligen inzwischen keine Rede mehr sein. Ja, Spieler, die in der Bundesliga zu den besten zählen und teils überragen fügen sich gut ein - sogar bei englischen Top-Vereinen. Wer aber Bernd Leno sagt, muss auch Loris Karius sagen. Wer Leroy Sané sagt, muss auch André Schürrle sagen - und Wer Ilkay Gündogan sagt, muss auch Max Meyer sagen. Über Jahre hinweg auf dem hohen Niveau der wohl besten Liga der Welt mitzuhalten, ist deutlich schwieriger als in der Bundesliga gut dazustehen. 


Wenn sich Nachwuchs-Talente in Deutschland nicht für die erste Mannschaft empfehlen können, dann werden sie in eine schwächere Liga ausgeliehen - nach Österreich, in die Schweiz, auch nach Belgien oder Holland. In England geht das genauso, nur dass die schwächere Liga immer häufiger auch Bundesliga heißt. Nicht umsonst leiht sich der ​FC Augsburg in Abstiegsgefahr Reece Oxford, einen 20-Jährigen, der bei West Ham keine Rolle spielt. Nicht umsonst werden Reiss Nelson und Jadon Sancho bei ​Hoffenheim und ​Borussia Dortmund zu Teenie-Sensationen. Nicht umsonst schnappt sich der ​FC Schalke mit Rabbi Matondo einen A-Jugendspieler von ​Manchester City als vermeintliche Verstärkung. Weil der Premier-League-Nachwuchs bereits besser ist als mancher Bundesliga-Profi. 

Reece Oxford

Der 20-jährige Reece Oxford soll dem FC Augsburg im Abstiegskampf helfen


Der deutsche Nationalspieler Serge Gnabry lernte im Jugendalter beim ​FC Arsenal die englische Schule, konnte sich dort aber nicht durchsetzen. Dann kam er in die Bundesliga und wurde sogleich zum Star. Die höchste deutsche Spielklasse, bei aller Freude, die sie uns bereitet, verkommt ein wenig zur Ausbildungs-Liga der Premier League. Denn talentierte Deutsche - Spieler wie Trainer - träumen dieser Tage von England (und sei es nur wegen des Geldes). Und auch für internationale Profis ist Deutschland meist nur eine Station. Son, Kagawa, Mkhitaryan, Aubameyang und nun Pulisic - Sie alle wollten und wollen in der bekanntesten Liga der Welt spielen, auf dass sie in ihrer Heimat gesehen werden und sich gleichzeitig dumm und dämlich verdienen könnten. Sie alle nutzten die Bundesliga als Sprungbrett. 


Wenn Ian Rush sagt, dass Top-Spieler der höchsten deutschen Spielklasse für die englische Top-Liga bestens vorbereitet sind, dann hat er Recht. Die Aufgabe der Bundesliga muss es nun aber sein, dafür zu sorgen, dass sie trotzdem attraktiv genug ist, ihre Spieler von sich überzeugen zu können, vielleicht sogar aufgrund der Ähnlichkeiten für Premier-League-Profis interessant zu werden. Beides ist aktuell schon aus finanziellen Gründen einfach nicht der Fall.