Am Dienstag kam der Paukenschlag: Bundestrainer Joachim Löw teilte den Weltmeistern Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng mit, dass sie keine Rolle mehr in der Kaderplanung der deutschen Nationalmannschaft spielen werden. Die Bayern-Stars waren zu Recht verblüfft, aber mittlerweile überrascht Löws Verhalten nicht mehr. Schon in der Vergangenheit zeigte der 59-Jährige kaum Mitgefühl bei Entscheidungen dieser Art.


"Ich bin traurig über diese Nachricht, weil es für mich immer das Allergrößte war, mein Land zu repräsentieren", lässt Jerome Boateng über seine Social-Media-Kanäle verlauten. "Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr macht mich die Art und Weise, wie das abgelaufen ist, einfach sauer. Kein Verständnis habe ich vor allem für diese suggerierte Endgültigkeit der Entscheidung", äußerte sich Thomas Müller einen Tag nach der Ausbootung des Münchner Trios. Auch Mats Hummels ließ seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf. "Unabhängig von der aus meiner Sicht schwer nachvollziehbaren sportlichen Entscheidung (die ich natürlich respektiere), stößt die Art und Weise bei mir auf Unverständnis", schrieb der 30-Jährige in den sozialen Netzwerken. 
Die Verwunderung und Enttäuschung ist den drei Akteuren deutlich anzumerken.


Zu Recht! Auf 246 Länderspiele kommen sie zusammen, dafür kann man sich von der trockenen Art, wie Joachim Löw Ihnen die Nachricht mitteilte, vor den Kopf gestoßen fühlen. Allesamt hatten großen Anteil am Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, doch das scheint nach Jahren der Lobhudelei den Nationaltrainer auf einmal nicht mehr zu interessieren. 
Ebenso wie bei Sami Khedira. Der 31-jährige Profi von Juventus Turin wurde seit der WM 2018 von Löw nicht mehr in den Kader berufen und eine erneute Nominierung scheint auch nicht mehr möglich zu sein. Doch auch vor ein paar Jahren hat der Bundestrainer dieselben Muster aufgezeigt. 


Michael Ballack, bis 2010 unangefochtener "Capitano" der deutschen Nationalmannschaft, konnte durch eine Verletzung nicht an der Weltmeisterschaft im selben Jahr teilnehmen. Sein Amt übernahm damals der Vizekapitän Philip Lahm. Doch als der Chelsea-Spieler seinen Posten im Nationalteam wieder einnehmen wollte, stellten sich sowohl Lahm als auch Löw quer. Ballack lief danach nie wieder im DFB-Dress auf.


Das zweite Beispiel ist Torsten Frings. "Nachts um halb eins hat er (Löw) mich dann auf sein Zimmer bestellt mir lapidar mitgeteilt, dass ich nicht spielen werde. Da habe ich ihm wiederum klar mitgeteilt, dass ich es unverschämt finde, wenn er mir so was nebenbei und erst nach Mitternacht erzählt", erzählte Frings von einem Abend vor dem WM-Qualifikationsspiel in Russland 2010. Auch er spielte, trotz vieler Ausfälle auf seiner Position im defensiven Mittelfeld, nicht mehr für das DFB-Team. Einen großen Abschied erhielten beide nicht mehr.

Kevin Prince Boateng,Michael Ballack

Kevin-Prince Boatengs Foul, das Michael Ballack die WM-Teilnahme 2010 kostete


Warum Löw oftmals das Feingefühl fehlt, ist unklar. Einzig und allein nach dem erfolgreichen Jahr 2014 bekamen Spieler wie Philipp Lahm, Per Mertesacker, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger ihre verdiente Verabschiedung. Doch nun wirkt es wieder einmal so, als hätte der Bundes-Jogi das Gefühl, Härte beweisen zu müssen, auch was alt verdiente Spieler angeht, nur weil es die Medien und die Fans teilweise forderten. Das Leistungsprinzip scheint nicht immer die Prämisse seiner Entscheidungen zu sein, unter anderem bei der Wahl des WM-Kaders, bei der viele (junge) Spieler wenig Einsatzzeit bekamen, während andere Spieler auf dem Feld blass blieben. Aber auch jetzt wirkt es nicht, als hätte die deutsche Innenverteidigung einen adäquaten Ersatz für ein Duo wie Boateng und Hummels, die zwar gerade nicht ihre stärkste Phase durchleben, aber ebenso wie Müller allein durch ihre Erfahrung einen hohen Mehrwert für das DFB-Team darstellen. Die Meldung des Bundestrainers scheint nicht nur unüberlegt und in gewisser pietätlos, sondern auch unprofessionell zu sein. 


Rummenigge: "Den Zeitpunkt der Bekanntgabe halte ich für fragwürdig.


Ebenso das Timing irritiert bei der neuesten Ausbootung. "Wir halten den Zeitpunkt und die Umstände der Bekanntgabe an die Spieler und an die Öffentlichkeit für fragwürdig", teilte der FCB-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rumenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. Denn dreieinhalb Monate nach der letzten Länderspielpause stehen die entscheidenden Saisonspiele an, während man punktgleich mit Borussia Dortmund an der Tabellenspitze ist und das Champions-League-Rückspiel gegen den FC Liverpool vor der Tür steht. 

Hasan Salihamidzic,Karl-Heinz Rummenigge

Sind mit Löws Timing der Kundgabe nicht einverstanden: Rummenigge und Salihamidzic


Deshalb scheint der Zeitpunkt den der Bundestrainer gewählt hat, diese Entscheidung mitzuteilen, ebenfalls unglücklich, hätte man doch auch die ruhigere Zeit der Winterpause für die Bekanntgabe in Betracht ziehen können. Alles in allem scheint Löws Beschluss in einigen Facetten nicht komplett durchdacht, doch die Zeit wird zeigen, ob er Recht behält.