Gestern mag die königsblaue Sensation gegen Manchester City knapp gescheitert sein, doch war der FC Schalke auch in der Königsklasse einmal für Überraschungen gut. Am Throwback Thursday erinnern wir uns an einen der besten deutschen Champions-League-Auftritte des letzten Jahrzehnts. 


Es war nicht das Achtel-, sondern das Viertelfinale. Es war kein Mittwoch-, sondern ein Dienstagabend. Und es war kein Heim-, sondern ein Auswärtsspiel. Ansonsten aber bot der Champions-League-Abend am fünften April 2011 für den ​FC Schalke aber fast schon gruselig ähnliche Voraussetzungen wie der gestrige. Denn auch damals lief die Bundesliga-Saison für die Gelsenkirchener alles andere als rund. Nach 28 Spieltagen fanden sich die Knappen auf dem zehnten Tabellenplatz wieder - und das obwohl sie in der Vorsaison einzig hinter dem ​FC Bayern Vizemeister geworden waren.

Ralf Rangnick

Ralf Rangnick war 2011 Trainer des FC Schalke 04



In der Champions League wollten die seinerzeit von Ralf Rangnick trainierten Schalker alle Bundesliga-Sorgen hinter sich lassen und frei aufspielen. Was hatten sie auch zu verlieren? Immerhin spielten sie als absoluter Außenseiter gegen ein internationales Top-Team aus einer der größten Ligen Europas. Damals hieß der Gegner allerdings nicht ​Manchester City, er hieß Inter. Und die Mailänder waren seinerzeit das vielleicht härteste Los überhaupt. Als Triple-Sieger in die Saison gestartet hatten die Italiener gerade noch die Bayern aus dem Wettbewerb geworfen. Keine Chance also für Schalke 04 - oder?


Ähnlich müssen sich das zumindest die Inter-Spieler vorgestellt haben, als sie am Abend des Viertelfinal-Hinspiels den heimischen Rasen betraten. Und gleich in der ersten Minute kam es, wie so viele es vorausgesagt hatten: Ein damals 25-jähriger Manuel Neuer versuchte per patentiertem Flugkopfball außerhalb des Sechzehners zu klären, Inters Stankovic hielt von der Mittellinie drauf - 1:0 für Mailand. Anstatt sich aber aufzugeben, spielte der FC Schalke fortan wie entfesselt. Weltstar Raúl, der seine erste Saison für die Gelsenkirchener spielte, hatte einige Chancen, blieb jedoch zunächst glücklos. Auch sein spanischer Landsmann Jurado versuchte es und als dann ein Kopfball des erst 18 Jahre alte Kyriakos Papadopoulos nach einem Eckball nicht endgültig geklärt werden konnte, sorgte Teamkollege Joel Matip in der 17. Minute für den verdienten Ausgleich.

Schalke's midfielder from Cameroon Joel

Eröffnete den Schalker Torreigen: Joel Matip (m.)


Ein Triple-Sieger wäre allerdings kein Triple-Sieger, wenn er nicht wieder nachlegen könnte. Das Match wurde zum offenen Schlagabtausch mit zahlreichen Chancen beider Mannschaften, bevor der starke Diego Milito frei vor Neuer in Minute 34 mit einem Volley den erneuten Führungstreffer erzielen konnte. Irgendwas aber war mit den Schalkern anders als in der sonst so mittelmäßigen Saison. Die Schalker rannten weiter wie David gegen Goliath gegen einen scheinbar überlegenen Gegner an. Nur sechs Minuten nach dem erneuten Rückstand setzte dann Brasilianer Edú einem eigenen Schuss nach und traf aus spitzem Winkel zum 2:2.


Und der amtierende Champions-League-Sieger? Nun, der war zwar beeindruckt, ließ aber zu Beginn der zweiten Hälfte noch lange nicht nach. Mehrfach hatten die Gelsenkirchener in der Folge Glück jemanden im Tor stehen zu haben, der sich langsam aber sicher in der Weltspitze einzuordnen wusste. Eto'o und Milito scheiterten fortan gleichermaßen am überragenden Neuer. So blieb dem FC Schalke die Chance, seinerseits für eine sensationelle Führung zu sorgen. Tatsächlich: Ein schöner durchgesteckter Pass von Jefferson Farfán landete bei Senor Raúl, der auch mit 33 Jahren keine Probleme hatte, das Tor auszumachen und zum 3:2 traf. 


Als dann in der 57. Spielminute Inters Ranocchia eine flache Hereingabe von Schalker Jurado im eigenen Netz versenkte, war der Wille des italienischen Meisters endgültig gebrochen. Und die Knappen? Nun, die hatten sich in einen Rausch gespielt und noch sicher nicht genug. Schalkes Gegner war bald darauf in Unterzahl, weil Chivu seine zweite gelbe Karte sah, Jurado traf aus der Distanz nur den Pfosten, Farfán tanzte sich durch die Verteidigerreihen und musste sich Keeper Júlio César geschlagen geben. Ein weiteres Mal war es dann jedoch der hart arbeitende Edú, der eine Viertelstunde vor Schluss den Schlusspunkt besiegelte: Mit dem Rücken zum Tor wurde der Brasilianer angespielt, drehte sich einmal um die rechte Schulter, um dann humorlos abzuziehen und für den unglaublichen 5:2-Endstand zu sorgen. 

Edu

Edú erzielte damals einen sensationellen Doppelpack gegen Inter


Das Spiel war damit entschieden. So sehr sogar, dass in Reihen des FC Schalke ein 17-jähriger Mittelfeldspieler noch zu Champions-League-Minuten kam, der inzwischen nichts anderes mehr gewohnt ist: Julian Draxler. Viel passierte nicht mehr in der Partie, nach der die Schalker sich jubelnd in den Armen lagen. Das Rückspiel im Champions-League-Viertelfinale stand noch aus, mit fünf Auswärtstoren und drei Treffern Vorsprung hatten die Knappen jedoch in der heimischen Arena keine Mühe. Tatsächlich zog der FC Schalke ins Halbfinale ein, wo er dann jedoch an ​Manchester United scheiterte. Das Wunder von Mailand jedoch sollte unvergessen bleiben. 


Die Parallelen von damals zu heute sind nicht zu verkennen. Vizemeister, schwache Saison, übermächtiger Gegner, der in Unterzahl gerät - hätten gestern nicht Sané und Sterling eine diesjährige Sensation verhindert, wäre Schalke 04 wohl fortan Favorit auf den DFB-Pokal gewesen. Den konnte die Mannschaft von 2011 nämlich nach Gelsenkirchen holen.