Mit Borussia Dortmund eilte Lucien Favre in der abgelaufenen Hinrunde zur Herbstmeisterschaft. Der Schweizer unterstrich eindrucksvoll, weshalb die Verantwortlichen bereits im Sommer 2017 versuchten, ihn von seinem damaligen Verein OGC Nizza loszueisen. Im Interview mit ​Bild gab er sich allerdings gewohnt mahnend, schwärmte zugleich jedoch auch von der Entwicklung seiner Spieler und erklärt seine Sicht der Dinge auf Details.


Das erste Halbjahr hätte für die Borussia kaum besser laufen können. Der Grund dafür: Lucien Favre. Der Trainer, der auch dank hoher Investitionen der Vereinsführung ein neues Mannschaftsgesicht formte, überstand die schwierigen Anfangswochen schadlos, lässt seine Spieler seit Monaten wie befreit aufspielen und erlebt Woche für Woche den besten Dortmunder-Fußball seit der Debüt-Saison von Thomas Tuchel.


Dementsprechend darf sich der BVB mit sechs Punkten Vorsprung vor Bayern München Herbstmeister nennen. "Das war schwer und harte Arbeit", so Favre, der an der Seitenlinie nicht immer einen Grund zur Freude hatte: "Im Pokal in Fürth, gegen Leipzig, gegen Frankfurt, gegen Augsburg – alle Spiele bis auf Nürnberg waren sehr, sehr schwer und oft eng."

Lucien Favre

      Verlangt von seiner Mannschaft bis zum letzten Atemzug 100 Prozent: Lucien Favre    

 

​Auf den Schweizer und seine Schützlinge warten noch viel Arbeit. Neben der Rückrunde in der Bundesliga trifft der BVB im Achtelfinale der Champions League auf Tottenham Hotspur, zudem lautet der kommende Gegner im DFB-Pokal Werder Bremen. Favre blickt jedoch in gewohnter Manier nicht weit voraus: "Ich mache weiter mit meiner Philosophie, denke ausschließlich von Spiel zu Spiel. Wenn nur zwei Spieler mal nicht in Topform oder verletzt sind, kann es ganz schnell in die falsche Richtung gehen."


Im Fußball sei es oft "wie bei einem Kuchen. Du hast den Teig fertig geknetet und plötzlich fehlt Zucker oder Zimt. Die Mischung macht immer den Unterschied. Es muss nur ein Detail fehlen und der Kuchen misslingt." Doch dass man sich lediglich gegen Fortuna Düsseldorf (1:2) und Atlético Madrid (0:2) geschlagen geben musste, zeigt, auf welch hohem Niveau der Trainer kleinste Details anprangert.


Lob für die Stars


Spricht der 61-Jährige erst einmal über seine Spieler, kommt er aus dem Schwärmen kaum heraus. Gerade die Offensive begeistert regelmäßig, besonders Neuzugang Paco Alcácer trifft am laufenden Band. Der Spanier steht nach der Hinrunde bei 13 Toren, zehn davon als Joker - Favre: "Das ist unglaublich, und ich habe das auch noch nicht erlebt. Wenn er kommt, trifft er fast immer. Diese Statistik wird schwer zu toppen sein. Eine überragende Quote."


Doch ohne seine Nebenmänner auf den offensiven Außenbahnen würde eine wichtige Stütze fehlen. Dort erlebt Jadon Sancho gerade seinen Höhenflug, doch der Trainer ist bemüht, die Erwartungen an den 18-Jährigen zu bremsen: "Er ist schon unfassbar gut. Aber ich hatte auch einen Reus oder einen Raffael." 

Jadon Sancho

  Shootingstar der Hinrunde - doch: Auch Jadon Sancho ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung


Dennoch lobte Favre seine "unglaublichen Dribblings" sowie die "ganz entscheidende Rolle", die Sancho spiele - ähnlich wie Marco Reus. Der Kapitän, der nach der gemeinsamen Zeit bei Borussia Mönchengladbach zum zweiten Mal mit seinem Lieblingstrainer zusammenarbeitet, sei "schon immer sensationell" gewesen. 


"Er konnte in der Offensive besonders in der Mitte auf seiner Lieblingsposition jedem Spiel den Stempel aufdrücken. Er ist spielintelligent, spürt Fußball. Ein überragender Fußballer. Fantastisch!" Auch das Kapitänsamt führe der 29-Jährige "sehr gut aus. Marco ist diskret, aber er hilft auf dem Platz und außerhalb des Platzes jedem."


Götze hat seinen Platz gefunden


Schwieriger hatte es hingegen Mario Götze. Zu Saisonbeginn verweilte der Weltmeister häufig auf der Bank, doch danach erkämpfte er sich einen Platz innerhalb der Mannschaft. Mittlerweile ist er in der Spitze die erste Alternative für Alcácer und begann anstelle des Torjägers, der aufgrund muskulärer Verletzungen immer wieder auf eine Startelf-Nominierung verzichten musste.

Mario Goetze

  Mario Götze ist das jüngste Paradebeispiel dafür, dass sich harte Arbeit immer wieder auszahlt


Favre lobt vor allem Götzes Mentalität: "Er hat sich nie hängen ­lassen und in jedem Training gezeigt, dass er will. Mario spielt jetzt vorne und macht das gut. Er läuft viel, verteidigt und presst aber auch gut." Nach einer "schwierigen Phase" hat er seinen Platz gefunden - und sorgte damit für das Verstummen seiner Kritiker.


Favre: "Das gehört zum Job dazu"


All dies ist Lucien Favre zu verdanken. Nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz arbeitet er akribisch, bereitet Video-Analysen ausführlich vor und versucht, so viel wie möglich zu korrigieren. "Kein Detail ist unwichtig", lautet das Credo des 61-Jährigen, der täglich "drei, vier Stunden" auf dem Trainingsplatz stehen könnte.


Akribie gehöre "zum Job dazu. Auch die Nachbereitung. Es kann schon mal fünf Stunden dauern, ein Spiel zu analysieren. Für den Spieler sind es dann vielleicht nur 15 Minuten, die er zu sehen bekommt, aber das hilft." Ein Blick auf seine bisherige Trainerkarriere zeigt: Seine Arbeitsweise hat so gut wie immer für ein erfolgreiches Abschneiden geführt - egal, bei welchem Verein.