Nachdem die Verantwortlichen von ​Bayer 04 Leverkusen Heiko Herrlich am 23. Dezember 2018 entlassen und Peter Bosz als seinen Nachfolger präsentiert haben, stellt sich die Frage, ob Bayer nun wieder erfolgreicher und sich vor allen Dingen auch spielerisch verbessern wird. Wir werfen einen Blick auf die Spielphilosophie von Peter Bosz und geben einen Ausblick, mit welchem System Bayer 04 in der Rückrunde an den Start gehen könnte.


Die erste Trainerstation in der Bundesliga von Peter Bosz bei Borussia Dortmund endete bereits nach 15 Spieltagen. Nach einem furiosen Start ging dem BVB nach und nach die Luft aus und die Amtszeit von Peter Bosz mündete in einer handfesten Ergebnis- und Spielkrise. Peter Bosz formierte den BVB dabei häufig in einem 4-3-3 bzw. 3-4-3-System und verfolgt einige klare Ansätze, auf denen seine Spielidee basiert. Wir stellen im Folgenden die wichtigsten Eckpfeiler seiner Philosophie dar.


Spielaufbau:

Der Spielaufbau soll konsequent über die Innenverteidiger ausgelöst werden. Die Außenverteidiger und der Sechser rücken hierbei verhältnismäßig hoch auf und verlagern den Schwerpunkt der Mannschaft bereits in der Aufbauphase offensiv in die gegnerische Hälfte. Anspielstationen für die Innenverteidiger sind dann insbesondere die ballnahen Achter, die sich je nach Spielsituation zu den Innenverteidigern fallen lassen. Die Flügelstürmer, die relativ breit auf der Außenbahn positioniert sind und die Flügel mit den Außenverteidigern doppelt besetzen, sollen dem Spiel die nötige Breite verleihen. 


In vielen Spielsituationen haben sich beim BVB in diesem Punkt jedoch häufig Probleme ergeben, da durch dieses starre Positionsspiel der Außenbahnen die Halbräume nur unzureichend besetzt waren und das Spiel dadurch leicht ausrechenbar wurde. Ein relativ simples Doppeln auf den Außenbahnen verhalf dem Gegner oft dazu, den Offensivschwung des Teams von Peter Bosz im Keim zu ersticken.


Defensives Mittelfeld und Gegenpressing:

Der zentrale Part des Dreier-Mittelfelds ist bei ​Peter Bosz verhältnismäßig hoch aufgestellt. Der Sechser kippt in dieser taktischen Marschroute nicht zwischen die Innenverteidiger ab und hat das Spiel während des Aufbaus vor sich – durch die hohe Positionierung gelangt der Sechser nun im Idealfall erst zwischen den gegnerischen Stürmern und Mittelfeldspielern in Ballbesitz. Hier ist es eminent wichtig, dass der Sechser besonders pressingresistent ist, da er in diesem Falle schneller und direkter von seinen Gegnern angegriffen werden kann. Ballverluste in diesem sensiblen Mannschaftsteil führen dann schnell zu gefährlichen Konterangriffen. 


Bei gegnerischem Ballbesitz kann über die hohe Sechs jedoch besser ins Gegenpressing übergegangen werden, da kürzere Wege einen guten Zugriff auf den Gegenspieler ermöglichen. Apropos Gegenpressing: Die direkte Balleroberung nach Ballverlust genießt bei Peter Bosz höchste Priorität. Angriff und Mittelfeld verschieben dabei augenblicklich zum Gegner, um diesen im Moment des Ballgewinns entscheidend zu stören. Nach der Theorie des Gegenpressings ist der Gegner im Moment des Ballgewinns besonders verwundbar, da auch er sich zunächst ordnen und orientieren muss, um den Ball weiter zu verarbeiten. Ein Attackieren in diesem Zeitpunkt ist vielversprechend, wenn alle Mannschaftsteile das Gegenpressing gleichermaßen durch entsprechende Bewegungen unterstützen. 


Eine häufig unterschätze Rolle spielt dabei die Abwehrkette. Diese muss ebenfalls konsequent aufrücken, um den Abstand zum eigenen Mittelfeld möglichst gering zu halten. Ist dieser Abstand jedoch zu groß, da die Abwehrkette nicht ausreichend vorgerückt ist, können Bälle, die dort vom Gegner reingespielt werden, für große Gefahr sorgen. Die gegnerischen Stürmer können diese Bälle nämlich relativ einfach annehmen und im schlimmsten Falle in Richtung der Abwehrreihe des verteidigenden Teams aufdrehen. Die Abwehrkette befindet sich dann durch die folgenden 1-gegen-1-Situationen in großer Gefahr. Das Gegenpressing hat somit bei inkonsequenter Durchführung ein hohes Maß an Konteranfälligkeit auf seiner Kehrseite stehen.

Leon Bailey

Ein Leon Bailey in Topform würde Peter Bosz sicherlich hilfreich sein 


Das Spielermaterial für ein System mit einem starken Fokus auf Gegenpressing ist in Leverkusen zweifelsohne vorhanden. Darüber hinaus verfügt Leverkusen ebenso über dynamische und laufstarke Außenverteidiger, die das Spiel schnell nach vorne tragen können. Probleme können sich jedoch bei der Besetzung der Sechser-Position sowie der Innenverteidigung ergeben. Die Umstellungen im Spielsystem können insgesamt in den ersten Wochen zu einer erhöhten Unsicherheit im Gesamtkonstrukt führen, die häufig zu Lasten der Ergebnisse geht. Denkbar ist jedoch auch, dass Peter Bosz, wie angekündigt, aus seinen Fehlern gelernt hat und bestimmte Teile seine Spielphilosophie entsprechend angepasst hat und diese behutsam etabliert. Es wäre diesem sympathischen Trainer auf alle Fälle zu wünschen, dass er genug Zeit und Geduld vorfindet, um sein Spielsystem zu entfalten.