Nein, dieses Jahr wird sicherlich nicht als Glanzlicht in die Annalen des deutschen Fußballs eingehen. Katastrophale Leistungen der deutschen Vertreter in Champions- und Europa-League, eine diese Darbietungen noch unterbietende Performance der "Mannschaft" in Rußland - 2018 wird wohl kaum ein Spieler, Funktionär oder Fan aus hiesigen Gestaden vermissen. ​Auch und vor allem nicht Jerome Boateng.


Zugegeben: viel redet er ja nicht, der gute Jerome. Wo sein Halbbruder Kevin-Prince kaum eine Gelegenheit auslässt, sich zu exponieren und - warum nicht? - auch gleich zu polarisieren, kommt Jerome Boateng (30) beinahe phlegmatisch daher. Große Töne, geschweige denn vorschnelle Bewertungen oder frech formulierte Äußerungen, sind seine Sache wahrlich nicht. 


Der eine oder andere mag ihm das als Desinteresse auslegen. Wer den introvertierten Spieler jedoch kennt, weiß, dass es kaum jemanden gibt, der selbstkritischer mit sich ins Gericht geht, als der deutsche Nationalspieler mit ghanaischen Wurzeln. Entsprechend konnte auch das Jahresfazit des Bayern-Verteidigers nicht anders ausfallen: "2018 geht zu Ende", sagt Boateng und fügt vielsagend hinzu: "Und zugegeben, ich bin glücklich darüber." 

Da sucht jemand nach einem Abschluss dieser von Rückschlägen und Enttäuschungen geprägten Spielzeit. Der Schlüssel kann dabei auch gleich weggeworfen werden. Wer will schon zurück in dieses schreckliche Fußballjahr, das in wenigen Stunden vorbei sein wird? ​Boateng mit Sicherheit nicht: "Ich werde mich wohl nie gut und schon gar nicht gern daran erinnern." 


Sportlich sei er hinter seinen eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Und: "Die WM in Russland war eine der enttäuschendsten Erfahrungen meiner Karriere. Das Ausscheiden hat mich lange beschäftigt, mittlerweile habe ich es verarbeitet und daraus gelernt." Auch privat lief nicht immer alles so glatt, wie sich der Spieler es erhofft hatte. "So sehr man auch versucht, Privates vom Beruf zu trennen, es klappt nicht immer so, wie man sich das vorstellt." Wohl war. Auch wir Fans hatten uns von allen, Boateng eingeschlossen, etwas mehr erwartet. Doch ist es jetzt nicht mehr der Moment, nachzutreten, sondern die Dinge zu bilanzieren, einzuordnen und, im besten Fall, aus ihnen zu lernen. 


Vielleicht deshalb seine Reise nach Ghana vor wenigen Wochen, in einer Art Pilgerschaft zu seinen eigenen Wurzeln. "Mein persönlicher Jahresabschluss war mit der Reise nach Ghana sehr emotional und lehrreich. Es hat mich sehr berührt, die Wärme und Gastfreundlichkeit der Menschen in Ghana zu erfahren und gemeinsam mit meiner Familie unsere Wurzeln besser kennen zu lernen. Dieses schwere Jahr fand damit zumindest ein ganz besonderes Ende." Vielleicht ja schon ein Ausblick auf ein schöneres, erfolgreicheres 2019. Dem Spieler und ganz Fußball-Deutschland wäre es zu wünschen.