2015 wirkte der ​FC Liverpool noch wie das zerzauste Aschenbrödel, doch Trainer Jürgen Klopp verwandelt die Mannschaft mehr und mehr in eine hübsche Prinzessin: attraktiv, erfolgreich, leidenschaftlich. Klopp schreibt gerade eine Geschichte, die ergreifender ist als jedes Märchen der Gebrüder Grimm. 


Die Chemie zwischen dem lebhaften Deutschen und den Fans stimmte von Beginn an, doch Erfolg stellte sich zunächst nicht ein. Liverpools Trainer Jürgen Klopp benötigte Zeit, um sich an den intensiven Fußball in der ​Premier League zu gewöhnen. Es dauerte ein paar Jahre, ehe er Altlasten seines Vorgängers Brendan Rodgers entsorgt und den Kader nach seinen Vorstellungen umgekrempelt hatte.


Er scheute sich nicht davor, über 80 Millionen Euro auszugeben, wie bei Virgil van Djik im Winter 2018. Aber Klopp bewies auch den richtigen Riecher auf dem Transfermarkt. Gemessen an heutigen Preisen kann man Spieler wie Sadio Mane (41 Millionen) und Mohamed Salah (42 Millionen) als "Schnäppchen" bezeichnen - Mane ist jetzt das Doppelte und Salah mehr als das Vierfache wert. Aber nicht nur die Top-Stürmer prägen den Verein: Ein Talent wie der 19-jährige Trent-Alexander Arnold ist schon heute unverzichtbar. Der Schotte Andrew Robertson zählt inzwischen zu den besten Linksverteidigern der Welt.


Die Saat geht auf


Klopp hat nicht nur die Liverpool-Identität des "You'll never walk alone" wieder zum Leben erweckt und die Herzen der Fans erobert, sondern viele Profis wie Salah und Robertson weiterentwickelt. Spätestens jetzt erntet er die Saat, die er im Oktober 2015 einpflanzte, als er inmitten der Saison angeheuert wurde. Dank des 4:0-Siegs über Newcastle United am 2. Weihnachtsfeiertag hat Liverpool (51) den Vorsprung auf Manchester City (44) auf sieben Punkte ausgebaut. Zwischen den Beiden rangiert Tottenham mit 45 Zählern. In dieser Saison hat Liverpool noch kein Premier-League-Spiel verloren, und nur dreimal Unentschieden gespielt. 


Die Mannschaft führt die Tabelle an, was besonders auch der Verteidigung geschuldet ist, die von Experten häufig unterschlagen wird. Wegen ihr ist das Team so schwer zu bezwingen. Im Zentrum zimmern van Djik, ​Dejan Lovren oder Joe Gomez an einem Bollwerk, und der offensivfreudige Robertson scheint die Balance aus Offensive und Defensive verinnerlicht zu haben. In der Liga wurde die Festung erst siebenmal gestürmt, mit Abstand der beste Wert aller Teams.


Wer über den Erfolg Liverpools sinniert, dem fallen zuerst Namen wie ​Salah oder Roberto Firmino ein - und das auch zu Recht. Sollte die Spielzeit weiter so verlaufen, könnte Salah viele persönliche Auszeichnungen einfahren. Der Ägypter führt mit 12 Toren die Torschützenliste an, zudem hat Salah in der Champions League dreimal geknipst. Auch wenn der Angriff mal stottert, kann er aus dem Nichts ein Tor erzielen. Der 26-Jährige steht sinnbildlich für den Erfolgshunger, den Klopp im gesamten Team durchgesetzt hat. 


Klopps Einfühlungsvermögen


"Meine größte Stärke ist die Menschenkenntnis. Als ich selbst jünger war, dachte ich oft darüber nach, wie ich gern behandelt werden wollte", sagte Klopp vor zwei Jahren im Gespräch mit der dänischen Zeitung BT. Als Antwort habe er herausgefunden, "dass ich so behandelt werden wollte, wie ich die Menschen heute behandele." Die Harmonie der Mannschaft ist vielleicht der größte Pluspunkt im Vergleich zur Konkurrenz. 


Klopp setzt sich von anderen Trainern ab, weil er seine Spieler ernst nimmt und ihre Gefühle respektiert, er gibt sich authentisch, schreckt dennoch aber nicht vor unbequemen Entscheidungen zurück. Wie im Sommer 2018, als er Torhüter Loris Karius nach Istanbul verkaufte, nachdem dieser im Champions-League-Finale zweimal gepatzt hatte. Die Entscheidung, Karius für den neuen Torwart ​Alisson Becker auszutauschen, hat sich obendrein bezahlt gemacht. 


Liverpool ist der heißeste Anwärter im Premier-League-Titelkampf: Weil die Konkurrenz nicht mehr viele Punkte liegen lassen darf. Weil der Zusammenhalt der Mannschaft auf stabilen Sockeln steht. Und weil Klopp die Spieler mit seiner Leidenschaft ansteckt. In Liverpool ist man dabei, ein Märchen zu vollenden.