​Real Madrid laufen die Zuschauer davon. Beim vergangenen Liga-Derby gegen Rayo Vallecano kamen gerade mal 55.200 Zuschauer ins Estadio Santiago Bernabeu. Selbst in des Klubs Leib- und Seelenwettbewerb, der ​Champions League, wollten drei Tage zuvor nur 51.800 das Spiel ihrer Königlichen gegen ZSKA Moskau verfolgen. Woran liegt das?


Wir alle kennen den Mythos des sagenhaften Königs Midas, der alles, was er berührte, zu Gold verwandelte. Und zwar sprichwörtlich alles! Zwar kam dieser Regent so zu unermesslichem Reichtum, aber - und das ist der eigentliche Kern der Geschichte - diese vermeintliche Gabe des Schicksals wurde ihm zum Verhängnis: denn wovon soll man sich ernähren, wenn alles zu Gold wird? Es kam wie es kommen musste: der König verhungerte buchstäblich.


Angesichts der (er)drückenden Überlegenheit der Königlichen in den letzten fünf Editionen der Champions League (von denen sie vier (!) gewannen), drängt sich ein Vergleich zu dem legendären Herrscher förmlich auf. Denn es scheint, dass zwar nicht der Verein als solcher, als Institution, ein Daseinsproblem hat (nächste Woche ist man schon wieder im arabischen Raum auf PR-Tour anlässlich der Klubweltmeisterschaft), aber weite Teile seines sozialen Gefüges des Fußballs offenbar überdrüssig geworden sind. Oder des scheinbar dauerhaften Erfolges. 

Real Madrid vs Melilla - Copa del Rey - Fourth Round

Zuletzt weniger gut besucht: das prachtvolle Estadio Santiago Bernabeu



Angesichts von 55.200 Zuschauer beim kleinen Stadtderby gegen Rayo Vallecano muss man zu dieser Erkenntnis kommen. Zugegeben, der "Blitz aus Vallecas" ist nicht Atletico Madrid, die Anstoßzeiten (sowohl beim Derby als auch gegen die Russen in der Champions League) waren zumindest gewöhnungsbedürftig, aber bei ähnlichen Umständen oder Voraussetzungen in den Vorjahren war das Stadion in Chamartin trotzdem weitaus besser gefüllt als zuletzt. 


Viele führen den Zuschauerrückgang auch auf die schlechte Liga-Performance der Weißen zurück, aber auch das war in den vorvergangenen Saisons kein Hindernis, dass nicht durchschnittlich mindestens weit über 65.000 Zuschauer die Stadiontore passierten. Nicht wenige behaupten, dass der Abgang von CR7 wohl doch stärkere Auswirkungen auf das Fan-Verhalten hat, als man sich das im Sommer vorstellen wollte. Cristiano Ronaldo übrigens macht bei Juventus Turin genau da weiter, wo er bei Real Madrid aufgehört hat: er schießt Tore am Fließband. Es könnte ein Grund sein, durchaus. 


Im Bernabeu-Stadion lechzt man immer nach großen Namen. Ist einer weg, muss ein neuer kommen. Das war schon immer so in dieser Traumfabrik des internationalen Fußballs. Aber dieses Jahr kam keiner. Schon gar kein neuer Ronaldo (UEFA-Financial-fair Play lässt grüßen!). Und deshalb wenden sich viele an Exzellenz-Niveau gewöhnte Fans ab, picken sich nur noch die Rosinen heraus. Mit Sicherheit werden sich auch Mitte Februar kommenden Jahres gegen Ajax, im Achtelfinale des königlichen Hauswettbewerbs, wieder mehr "aficionados" einfinden als gegen ZSKA, aber ein Fingerzeig könnte diese jüngste Entwicklung durchaus sein. 


Gefragt sind die Macher in der Calle Concha Espina, allen voran Florentino Perez. Mbappe, Dybala, Neymar - das sind die Namen, die gehandelt werden. Darunter machen es die Madrilenen nicht. Und sollte einer von ihnen tatsächlich in den nächsten Monaten kommen, wird das Stadion auch wieder voller. ​