Es ist noch keine halbe Saison unter Lucien Favre gespielt, da wird im Umfeld des BVB schon von einer Vertragsverlängerung geredet. Sicher leistet der 61-jährige Schweizer bei der Borussia bislang Herausragendes, aber ist die Unterschrift bis 2020 nicht erstmal genug?


Es ist eine Sensation. Mit welcher Spielfreude und Geschwindigkeit ​Borussia Dortmund in dieser Saison Fußball spielt, ohne dabei an Souveränität zu verlieren - das ist schon schön anzuschauen. Der BVB steht in Pokal wie Champions League gut da und ist in der Bundesliga das Maß der Dinge. In Dortmund herrscht eine Euphorie, wie es sie zuletzt in den erfolgreichen ersten Jahren des laufenden Jahrzehnts unter Jürgen Klopp gab. Und während der in Liverpool seine nächste Erfolgsgeschichte schreibt, liegt nach 14 Bundesligaspielen ohne Niederlage die schwarz-gelbe Welt nun dem neuen Trainer Lucien Favre zu Füßen - zurecht. 

VfL Wolfsburg v Borussia Dortmund - Bundesliga

Bei Dortmund-Boss Hans-Joachim Watzke ist Lucien Favre schon jetzt sehr beliebt



Im Überschwang der Freude über neun Punkte Vorsprung gegenüber dem enttäuschend drittplatzierten FC Bayern München, will sich der Vereinsvorstand mit dem Schweizer nun schon bald zwecks Vertragsverlängerung zusammen setzen. Ein knappes halbes Jahr nach Amtsantritt. Eine Notwendigkeit besteht diesbezüglich nicht. 


Andere Ära, andere Umstände


Vielleicht ist es vermessen, an dieser Stelle die Ära Klopp als Referenz zurate zu ziehen. Doch wer Teil eines erfolgreichen Vereins ist, der muss sich an den Erfolgen seiner Vorgänger messen lassen - andernfalls wäre die Münchner Diskussion um Niko Kovac wohl hinfällig. 

So kommt man kaum umhin, den Vergleich mit dem blonden Wahl-Liverpooler anzustellen. 


Als der 2008 die Zügel der Borussia in die Hände gelegt bekam, fand er einen Verein vor, der im Mittelmaß zu versinken drohte, der drauf und dran war, die Lücke zur Ligaspitze chronisch zu groß werden zu lassen. Nach dem Ende der ersten Spielzeit unter Klopp 2008/09 fehlten trotz mittelmäßigen und dazu jungen Kaders nur zwei Punkte zu einem der Europa-Ränge. Die vorzeitige Verlängerung des Trainer-Vertrags folgte auch damals - allerdings spruchreif erst im März 2009. Es war die Belohnung für eine Coaching-Leistung, die in ihrem Ausmaß deutlich über den Erwartungen lag, weil die Erwartungen bei der Borussia seinerzeit nicht sonderlich hoch sein durften. 

1. FC Koeln v Borussia Dortmund - Bundesliga

Kumpel-Typ: Trainer Jürgen Klopp prägte in Dortmund eine Ära



Dass auch Favres Leistung und vor allem sein bisheriger Erfolg die kühnsten Träume der meisten BVB-Fans und -Verantwortlichen übersteigen, steht außer Frage. Der Revier-Verein hat sich unter der Regie des Schweizer Strategen in der Liga nichts zu schulden kommen lassen, auch wenn der große 9-Punkte-Vorsprung teils auf Verfehlungen der Konkurrenz zurückzuführen ist. Dennoch schwingt bei dieser Mannschaft anderer Unterton mit - und auch der herrscht aufgrund der vergangenen Erfolge. 


Denn seit den Erfolgsjahren 2011, 2012 und 2013 erwartet das Dortmunder Umfeld nicht weniger als zumindest die Vizemeisterschaft. Und warum nicht? In fünf von acht Saisons gelang ebendas, wenn nicht noch mehr. Für Lucien Favre bedeutet das allerdings andere Ansprüche als für seinen erfolgreichen Vorgänger, weil der BVB, den er trainiert so viel besser ist als der, den seinerzeit Klopp übernahm. In Dortmund regiert nun infrastrukturell ein Verein, der es sich leisten kann, Transferausgaben von 75 Millionen Euro zu stemmen. Ein Klub, der für internationale Talente attraktiv ist, weil dort schon einmal bewiesen wurde, dass Spielerentwicklung elementarer Bestandteil einer erfolgreichen Philosophie sein kann. 


Vertrag bis 2020


Favres Vertrag läuft noch bis 2020. Wird Dortmund in der laufenden Saison Meister, rechtfertigt spätestens das eine Vertragsverlängerung im Juni. Wenn aber Schwarz-Gelb wie nicht selten in der Vergangenheit nur auf dem zweiten Platz landet, muss sich der Schweizer neu beweisen. Nicht weil er dann kein guter Trainer mehr wäre - sein immenses Wissen um den Sport steht außer Frage. Vielmehr weil die jungen Stars von Borussia Dortmund schon jetzt bei Vereinen Begehrlichkeiten wecken, bei denen man als Spieler noch mehr Geld verdient und regelmäßiger die Hände an eine Meisterschale bekommt. Dieser Reiz wird nicht an allen Youngstern vorübergehen, während andere Stammspieler, Piszczek, Witsel, Delaney und Reus im Folgejahr allesamt die 30 geknackt haben werden. 

Borussia Dortmund v Club Brugge - UEFA Champions League Group A

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Es muss sich also die berechtigte Frage stellen lassen: Warum einen Vertrag aufsetzen, der eventuell nicht erfüllt werden kann, bevor irgendetwas Greifbares - zum Beispiel eine Trophäe - errungen werden konnte? Der BVB hat sich doch mit seinen neun Punkten Vorsprung insbesondere eines erspielt: Zeit.