In den ersten Wochen der Saison feierte Werder Bremen den besten Saisonstart seit einigen Jahren, lag nach dem achten Spieltag auf dem dritten Tabellenplatz und untermauerte die Europapokal-Ambitionen, die die Vereinsbosse inklusive Trainer Florian Kohfeldt seit dem Sommer hegen. Doch zuletzt ging der Mannschaft ein wenig der Lack ab. Das Resultat: Nur ein Punkt aus fünf Partien, aus Platz drei wurde Platz neun. Wie die Bild nun untermauert, gibt es vor allem einen Grund dafür: Werder beginnt zu spät mit dem Toreschießen. 


21 Treffer haben die Bremer bislang erzielt, doch ganze 18 davon fielen erst ab der 33. Spielminute. Der frühste Treffer gelang Martin Harnik beim 3:1 über Hertha BSC am fünften Spieltag, als der Rückkehrer bereits in der elften Minute die Führung erzielte.


Noch gravierender ist, was sich in den letzten Wochen offenbarte: Werder kommt vor allem in der zweiten Halbzeit zu spät in die Partie. Die Treffer gegen den SC Freiburg (90.+2) und Mainz 05 (78.) kamen zu spät, genau wie Nuri Sahins Tor zum 1:3 in der 59. Minute gegen Borussia Mönchengladbach. Das jüngste Duell gegen Bayern München hob dies erneut hervor, weshalb sich vor allem Florian Kohfeldt ärgert: "Es geht darum, nach der Pause direkt Aktivität zu haben. Aber da lassen wir uns zu viel Zeit. Das darf uns nicht passieren", so der Trainer.

SV Werder Bremen v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga

       Mit der aktuellen Entwicklung unzufrieden: Florian Kohfeldt


Er wolle das Problem "mit der Mannschaft besprechen", habe dafür bereits "Ideen dazu" und zeigt sich gewillt, die akute Schwäche zu bekämpfen. Denn auch Sportchef Frank Baumann spürt, wie schwer sich die Mannschaft nach der Rückkehr auf den Rasen tut: "Auffällig, dass wir in den letzten Spielen Probleme hatten nach der Pause ins Spiel zu finden. Schwer zu sagen, woran es liegt. Fest steht, dass wir versuchen müssen, über 90 Minuten hellwach zu sein."


Nach Rückstand holt Werder wenig Zählbares


Die (zu) späten Tore machen die Aufgabe für die Spieler jedoch kaum leichter. Die Statistik zeigt: In den sieben Spielen, in denen der Gegner das erste Tor des Tages erzielte, sammelten die Bremer magere zwei Zähler. Im umgekehrten Fall gingen lediglich beim Remis gegen den 1. FC Nürnberg zwei Punkte verloren. 


War die 1:2-Niederlage beim VfB Stuttgart noch als unglücklich ob der mangelnden Chancenverwertung einzuschätzen, so zeigte sich bei den anderen Niederlagen, dass Werder nach Rückstand noch nicht die richtige Balance gefunden hat. Gegen Bayer Leverkusen stand es zur Pause 0:3, ehe Claudio Pizarro und Yuya Osako verkürzten - und Leverkusen im Gegenzug auf 2:6 erhöhte. Auch Borussia Mönchengladbach, das zur Pause mit 1:0 im Weserstadion führte, durfte nach dem Seitenwechsel auf 3:0 erhöhen. Genau wie der FC Bayern, der die erneute Führung unmittelbar nach dem Wiederbeginn erzielte.


Die Suche nach der Balance


Ein Erklärungsansatz wäre die offensive Spielweise der Mannschaft, deren Risiko nach einem Gegentor entsprechend erhöht wird. Während die Bremer mit einer Führung im Rücken nachlegen können und dabei das Spiel bestimmen, gilt es nach Rückstand zunächst, den Ausgleich zu erzielen und dann noch mindestens ein Tor nachzulegen. Dies eröffnet Räume für die Gegner, die sich in dieser Saison spielstärker zeigen als noch im vergangenen Jahr. So kommt es, dass Werder in den vergangenen fünf Bundesligaspielen 14 Gegentore kassierte - beinahe doppelt so viel wie an den ersten acht Spieltagen (8) - und im Umkehrschluss nur sechs eigene Tore erzielte. 


Das Gesamtbild ist aufgrund des sehr guten Saisonstarts noch immer als gut zu betrachten, doch der jüngste Trend entwickelt sich erneut in eine negative Richtung. Kohfeldt wird nun alles daran setzen müssen, diesem entgegenzusteuern und die Mannschaft in den verbliebenen Spielen bis zur Winterpause wieder auf Kurs zu führen, um die begehrten Europapokalplätze nicht aus den Augen zu verlieren.