Bis 2020 ist der ehemalige Welttorhüter Oliver Kahn noch als einer der beliebtesten TV-Analysten im ZDF zu sehen. So lange läuft zumindest der Vertrag des Experten. Nun aber scheint es, als könnte die alte Liebe ihn frühzeitig von den Öffentlich-Rechtlichen trennen. Wie genau das funktioniert, ist dabei noch längst nicht klar. 


Loslassen ist schwer. Wer einmal Macht gespürt hat, so zeigt die Menschheitsgeschichte, dem fällt das Scheiden schwer. Systeme, die über Jahrzehnte autoritär geführt werden, unter der Aufsicht weniger Übermächtiger, scheitern nicht selten daran, dass die Obrigkeit den richtigen Zeitpunkt für ein Abdanken verkennt. Einst verehrte Protagonisten werden dann zu Sündenböcken, Sympathien werden verspielt, Denkmäler beschädigt. Unzufriedenheit ist erträglicher, wenn man sie gegen eine oder wenige Personen richten kann. 


Was im politischen Weltgeschehen auch mal in Aggression und Brutalität mündet, nimmt auch im Mikrokosmos Fußball teils unschöne Formen an. Am deutlichsten zu beobachten ist das womöglich im Tagewerk der Cheftrainer, die sich in ihrem Job auch nach großen Erfolgen teils wenig Erlauben dürfen, bevor sie zum Opfer der eigenen Fangemeinde, des eigenen Arbeitgebers werden. Doch auch in höheren Etagen der Profi-Vereine wird schnell jeder Handgriff hinterfragt - in einem strauchelnden Klub ist niemandes Arbeitsplatz wirklich sicher. 

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Rummenigge (l.) und Hoeneß befinden sich mit dem FC Bayern im Umbruch



Der ​FC Bayern München hat sich um solche Themen lange nicht scheren müssen. Klar, der ein oder andere Trainer durfte seinen Vertrag nicht ganz erfüllen, aber andere Posten wurden selten hinterfragt - auch weil die Bayern am Ende ja doch fast immer noch irgendwie Meister wurden. Gerade der Vorstand um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge musste sich nie wirklich sorgen. Vereinzelte Zweifler hin oder her, wenn selbst eine Inhaftierung des Vereinspräsidenten nicht ernsthaft an dessen Klub-internem Ruf kratzt, dann ist der faktisch unantastbar. 


Bayern im Wandel

Doch selbst Uli Hoeneß muss während des kleinen Leistungseinbruchs seiner Star-Mannschaft und in Zeiten der Wachablösung im Team des Rekordmeisters anerkennen, dass Veränderung nicht nur notwendig, sondern unaufhaltbar ist und alle Bereiche der Vereinsstrukturen betreffen wird - auch die Vorstandsposition. Ja, nach Liga-Niederlagen und Skandal-PK ist womöglich bald auch einer der Chef-Posten vakant. ​Einen Wunsch-Kandidaten für die Nachfolge gibt es laut Informationen der BILD auch bereits. 


Schon einmal kam die Frage nach dem Sukzessor von Uli Hoeneß auf. Damals, 2003, ging es um den nächsten Bayern-Manager - ein Posten auf dem sich der Ulmer scheinbar unverzichtbar gemacht hatte. Auch Oliver Kahn, dem damaligen Stammkeeper des Rekordmeisters fiel auf Nachfrage seinerzeit nur ein Kandidat ein: „Ich könnte mir keinen besseren Mann auf dieser Position vorstellen als mich“, so der damals 34-Jährige. Der dreimalige Welttorhüter war jedoch  auch die nächsten fünf Jahre damit beschäftigt, den Münchener Kasten möglichst sauber zu halten. Auch für diesen Job hätte es in diesem Zeitraum wohl keinen besseren gegeben. 

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Zwischen 1994 und 2008 stand Oliver Kahn im Tor des FC Bayern München



So ließ Oliver Kahns erster Anzug-Job bei seiner alten Liebe, dem FC Bayern, weiter auf sich warten. Bis heute. Nun aber soll der Titan wohl endlich in die Vereinsspitze rücken. Der Vertrag mit dem ZDF, laut dem sich Kahn dem öffentlich-rechtlichen Sender als TV-Experte bis nach der Europameisterschaft 2020 verschrieben hat, könnte dadurch schnell zur Nebensache werden. Während aber wahrscheinlich ist, dass Kahn in die Vereinsarbeit integriert werden soll, gibt es mehrere Szenarien, wie seine Vorstandskarriere aussehen soll:


1. Das Sammer-Modell

Moment! Einen dritten Mann da oben hatten wir doch schon mal - absolut richtig. 2012 stellten die Bayern als Unterstützung in der Chefetage Sport-Vorstand Matthias Sammer ein. In der Position des heutigen Dortmund-Beraters könnte auch Oliver Kahn erste Vorstands-Erfahrungen sammeln. Anders als Sammer wäre Kahn als langjähriger Spieler des FC Bayern nicht schon nach vier Jahren wieder aus dem Amt. Viel mehr würde die Position dem 49-Jährigen wohl als Sprungbrett für weitere Aufgaben dienen, wenn die Zeit reif ist. 


2. Gewaltenteilung 

Mehr Verantwortung würde dem Titan gleich zu Beginn bei einer zweiten Variante teil, die dem FCB gleich ein echtes Triumvirat an die Spitze setzen würde. Hierbei würde Rummenigge seinen Vorstands-Vorsitz an den ehemaligen Nationaltorhüter abgeben, selbst dafür jedoch Hoeneß' Position des Aufsichtsratsvorsitzenden einnehmen, während Letzterer seine Privilegien als Präsident behielte. 


3. Ende der Hoeneß-Ära

Doch ist eine gesunde Entwicklung unter Uli Hoeneß überhaupt weiterhin möglich, geschweige denn tragbar? Falls nicht, gäbe diese dritte Möglichkeit dem 66-Jährigen die Chance, so würdevoll wie mit seinem aktuellen Ruf noch irgendwie möglich aus seinen beiden Ämtern (Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender) zu scheiden. Die Hierarchie des Vereins bliebe in dem Fall wie jetzt, nur diese Kleinigkeit würde sich ändern: Wo bisher Hoeneß das sagen hat, übernähme Rummenigge, für dessen Job als Vorstandsboss stände Kahn bereit.

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Könnte das neue Gesicht des Bayern-Vorstands werden: Oliver Kahn



Eines haben alle Möglichkeiten gemeinsam: Die Protagonisten selbst dürfen entscheiden, was passiert. Da, wo in anderen Vereinen die Mitglieder großen Einfluss haben, scheint es, als könne das Duo Hoeneß-Rummenigge den Erfolg der letzten Jahre dazu nutzen, seine Zukunft nach eigenem Wunsch zu gestalten. Zu einem krassen Umbruch wird es dadurch nicht kommen. Zu sehr genießen die Bayern-Riesen ihre Macht. Auch sie müssen lernen loszulassen, bevor es zu spät ist.