​Es hatte sich ein Trend abgezeichnet in den letzten Jahren: Erfolg wurde denjenigen Mannschaften zuteil, die Sicherheit zur obersten Prämisse erklärten. Das heißt defensiv kompakt stehen, destruktiv für das gegnerische Spiel agieren - die eigenen Ideen werden ja vielleicht von alleine kommen. Was noch bei der Weltmeisterschaft zu funktionieren schien, ist nun anscheinend überholt - und das macht einigen Teams aktuell zu schaffen. 


Wer wenige Tore kassiert, muss selbst auch weniger schießen, um zu gewinnen - das wurde in den vergangenen Spielzeiten und Wettbewerben mehr und mehr zum Merksatz für Mannschaften, die mittelfristig erfolgreich sein wollten. Auf diese Weise gelang es ​Schalke in der letzten Saison, Vizemeister zu werden. Der Pott-Rivale aus Dortmund agierte unter Stöger wenig anders und sicherte sich so nach mehr oder minder verkorkstem Jahr noch einen Platz in der Champions League. Auch der VfB Stuttgart schnitt mit dem siebten Tabellenplatz besser ab als viele einem Aufsteiger zugetraut hätten - häufig allerdings ebenfalls nach dem Motto "unattraktiv spielen, knapp gewinnen".

FC Schalke 04 v Eintracht Frankfurt - Bundesliga

In der vergangenen Saison feierte der FC Schalke noch die Vizemeisterschaft



Bei der Weltmeisterschaft im Sommer dann ein ähnliches Bild. Wer dort konzentriert das gegnerische Angriffsspiel zu unterbinden wusste und sich selbst dabei auf punktuelle Nadelstiche - oft dank individueller Klasse - verließ, trumpfte groß auf. Vorbei die Zeit der Spaniens und Deutschlands, die gerne aus langen Ballbesitzphasen ein kreatives Spiel im Halbfeld aufziehen wollten, so schien es. Das neue Mittel zum Erfolg: Mauern, Spielfluss verhindern - Vive la destruction!


Der Trend zum schönen Spiel


Bis jetzt. Denn die Entwicklungen der neuen Saison, gerade auch in der Bundesliga, deuten einen erneuten Trendwechsel an. Vorreiter und deutsches Paradebeispiel ist gleich wieder ​Borussia Dortmund. Denn während defensive Disziplin bei Schwarz-Gelb nicht vollends über Bord geworfen wird, gilt ein wichtiges Augenmerk nun wieder attraktivem, schnellem Umschaltspiel und offensivem Druck auf das gegnerische Tor. Für den Zuschauer ist das kurzweilig, schön anzusehen. Viel wichtiger aber: Es ist erfolgreich. Das neue Leben im Dortmunder Spiel unter Lucien Favre macht die Borussen zur besten Offensive der Liga, zum Tabellenführer und zu einem der spannendsten Teams im europäischen Spitzenfußball. 

Borussia Dortmund v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

Mit mutigem Offensivfußball überzeugen Marco Reus und sein BVB in dieser Saison



Auch andere Bundesligisten setzen sich mit schnellerem, attraktiverem und offensiverem Fußball in der Liga durch. Während beispielsweise RB Leipzig sich schon früher häufig auf seine schnellen Angreifer verließ, ziehen nun auch andere ambitionierte Mannschaften wie Werder Bremen und ​Borussia Mönchengladbach nach. Und auch bei den beiden Vereinen mit den Rauten-Logos zahlt sich der aktivere Fußball mit erhöhtem Tempo aus. In Gladbach schafft er Räume für ​Shooting-Star Alassane Pléa und sorgt dafür, dass Thorgan Hazard auf dem Weg ist, seine mit Abstand beste Saison für die Fohlen zu absolvieren. Den Werderanern auf der anderen Seite gelang es besonders in den ersten Spielen der Saison, den Gegner zu überrumpeln und sich nicht auf die Passivität des Gegenübers einzulassen. Trotz der Niederlagen in den letzten Spielen (zuletzt allerdings gegen Gladbach) ist die Bremen-Elf von Florian Kohfeldt damit eine der Überraschungen der bisherigen Saison. 


Den Absprung verpasst


Während der neue, erfolgreiche Stil so manchem Klub zu neuer Kraft verhilft, fordert er Opfer in Reihen derer, die den Absprung verpasst haben - die Mauer-Mannschaft geblieben sind. Zu sehr hat sich beispielsweise der FC Schalke 04 bisher nach dem Motto "Never change a winning system" auf eine Spielweise festgelegt, die nicht nur gegen die Top-Teams wirkungslos, ja obsolet geworden ist. Eine Taktik, mit der man Vizemeister wird, kann offensichtlich auch zu Misserfolg führen, wenn eine Ignoranz gegenüber Veränderung herrscht. Königsblau spielt einen Fußball, der inhaltlich nicht weit von dem der vergangenen Spielzeit entfernt ist, jedoch heute nur für den 14. Tabellenplatz reicht.

1. FC Nuernberg v VfB Stuttgart - Bundesliga

VfB-Trainer Markus Weinzierl soll einen erneuten Stuttgarter Abstieg verhindern



Noch schlimmer steht es um den VfB Stuttgart. Nachdem die Schwaben mit altem System unter Tayfun Korkut scheiterten, sah dort auch die Vereinsleitung Handlungsbedarf. Es folgten Markus Weinzierl und drei Zu-Null-Niederlagen in Folge. Am vergangenen Wochenende dann ein Sieg gegen Nürnberg und mit ihm die Hoffnung auf Besserung, doch wissen auch die Stuttgarter, dass Partien gegen Aufsteiger als Pflichtaufgaben gelten. Im grünen Bereich ist ohnehin längst nichts - daran erinnert die rote Laterne, die der VfB trotz des Erfolgs nicht abgeben konnte. 


Es ist jetzt, nach einem Drittel der Saison, Zeit für Vereine wie Stuttgart und Schalke, Veränderung herbeizuführen, die andauernde Stagnation zu überwinden und vor allem ein Gespür für den Zeitgeist im deutschen Fußball zurückzuerlangen. Das heißt: Weg von der Passivität, weg vom Angsthasen-Fußball - besser spät als nie! Denn von allen Errungenschaften des vergangenen Jahres kann man sich wenig kaufen, wenn man mitten im Abstiegskampf steckt. Und der hat längst begonnen. 


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