​Borussia Dortmund spielt eine herausragende Saison. Daran ändert auch das denkbar knappe 3:2 über den ​1. FC Union Berlin am Mittwochabend nichts. In der laufenden Saison noch ungeschlagen, steht Schwarz-Gelb an der Spitze der Bundesliga und führt die ​Champions-League-Gruppe an. Das Duell mit dem ​VfL Wolfsburg ist der Auftakt einer Highlight-Woche: In acht Tagen empfängt der BVB den ​FC Bayern München zum Top-Duell, vorher steigt das Rückspiel bei ​Atlético Madrid.


Trainer Lucien Favre schickte eine B-Elf gegen Union auf den Rasen und gönnte einigen Leistungsträgern eine Pause. Sieben Änderungen nahm er vor. Da der Favoritensieg aber auf der Kippe stand, musste Favre doch noch seine Dauerbrenner Marco Reus (1204 Minuten in der laufenden Saison) und Axel Witsel (1063) einwechseln. Andere, wie Jacob Bruun Larsen oder Torhüter Roman Bürki, konnten komplett ausruhen. Wie sehr wirft der Schweizer in der kommenden Englischen Woche die Rotationsmaschine an?


Die Sache mit dem Glück


Im Pokal konnte sich der BVB nur durch ein spätes Elfmetertor zum Ende der Verlängerung in die dritte Pokalrunde schießen. Die Mechanismen griffen nicht gegen den Zweitligisten, dazu kamen individuelle Unsicherheiten.


Die Gäste von Union Berlin haben allerdings ein starkes Auswärtsspiel abgeliefert: Sie zeigten sich furchtlos und ließen sich von den Gegentreffern nicht abschrecken. Nur wegen eines späten Strafstoßes schaften sie es nicht ins Elfmeterschießen gegen den Favoriten. „Unglücklich“, attestierte Union-Trainer Urs Fischer nach dem Spiel. Glücklich also für Dortmund. Wenn man sich nicht auf das Glück verlassen will, sollte die erste Elf spielen.


Der VfL Wolfsburg ist keinesfalls zu unterschätzen. Die Wölfe haben die letzten zwei Spiele gewonnen und in der laufenden Spielzeit nur zwei Mal verloren. VfL-Trainer Bruno Labbadia erwartet ein Spiel, gegen den „Maßstab der Liga“, wie er auf der Pressekonferenz vor der Partie sagte. „Gestern hat man gesehen, dass sie gut rotieren können“, lobte er die sogenannte B-Elf der Borussen.

„Das ist ein Kader, der 18, 20 Stammspieler hat und ich gehe davon aus, dass sie am Samstag wieder etwas verändern werden“, glaubt Labbadia. Er wird sich schon einige Szenarien vorgestellt haben, auf die Favre wiederum reagieren muss. Ein taktisches Spiel noch lange vor Anpfiff.


Rotation Widerwillen


Favre wird nicht viele wacklige Erfolge feiern wollen, sondern Kantersiege wie gegen Nürnberg, ​RB Leipzig oder ​VfB Stuttgart. Dazu gehört auch, dass er die bestmögliche Mannschaft auf den Platz stellt. Kapitän Marco Reus ist das beste Beispiel, denn er ist essentiell für das Dortmunder Angriffsspiel und macht zu häufig den Unterschied. Trotzdem versucht Favre so gut es geht, dem verletzungsanfälligen Reus Ruhephasen einzuräumen. Mit Paco Alcácer hat der BVB einen Stürmer, der pro Spiel 1,75 Tore macht, also eigentlich immer trifft, wenn er spielt. Wenn der BVB weiter hoch und spektakulär gewinnen will, ist also nur das Beste gut genug.


Wenn man Sportdirektor Michael Zorc auf der Pressekonferenz hört, bekommt man den Eindruck, dass man lieber nicht so stark rotiert hätte. Klar, denn im Liga-Alltag zeigte sich Dortmund bislang in Bestbesetzung überzeugend: Die Borussen führen die Tabelle mit 21 Punkten an und sind wettbewerbsübergreifend ungeschlagen. In der Champions League haben sie nach drei Spielen ein Torverhältnis von 8:0.


Zorc machte klar, dass die vielen Englischen Wochen auch für eine Top-Mannschaft wie den BVB nicht so einfach wegzustecken sind: „Du kannst nicht jeden dritten Tag auf dem Niveau mit den gleichen Elf oder Dreizehn durchspielen.“ Daher hat man das siegreiche Team der letzten Wochen eben doch verändert. Oder verändern müssen: „Wir müssen unbedingt rotieren“, sagt Favre, „sonst ist es unmöglich.“ Die geschonten Stars sollten gegen Wolfsburg dafür sorgen, dass man weiterhin Spiele gewinnt.


Allerdings gibt es viele Argumente dafür, die Dortmunder Spieler weiterhin zu schonen und ausgeruht gegen Atlético und Bayern aufzulaufen.


Trotz aller Kritik: Dortmund hat mit einer B-Elf gewonnen und steht in der nächsten Pokalrunde. Also wurde alles richtig gemacht. Da im Pokal von Spiel zu Spiel gedacht werden muss, ist die unzureichende Leistung nicht zu hoch zu bewerten. Es hat schon größere Überraschungen im Pokal gegeben, an denen Karrieren nicht zugrunde gegangen sind. ​Die Bayern spielten nur 1:2 gegen Regionalligisten SV Rödinghausen, ​Borussia Mönchengladbach verlor 0:5 gegen ​Bayer Leverkusen. Daher heißt es nach dem Sieg am Mittwoch: Mund abputzen und weitermachen. Solange man gewinnt, ist es egal, wer spielt.



Wenn nicht jetzt, wann dann?


Wenn Favre in Partien wie gegen Union keine Experimente wagen kann – wann dann? Dazu gehören auch Partien wie gegen den VfL Wolfsburg, in denen der Trainer ob der Englischen Wochen die Chance hat, den einen oder anderen Spieler auszuprobieren. Natürlich ist das Spiel gegen Wolfsburg eine wichtige Partie. Wenn man verliert, könnte man erstmals die Tabellenführung an den FC Bayern abgeben. Dennoch warten mit Atlético und dem FC Bayern Aufgaben, die Dortmund vermutlich noch mehr abverlangen werden und bei denen die Leistung des Einzelnen noch entscheidender ist.


Lucien Favre kann mit geringem Risiko Spieler aus der zweiten Reihe einsetzen, wenn er wieder so treffend auf Unsicherheiten reagiert, wie gegen Union. Mit Marco Reus wechselte der Schweizer den Siegtorschützen ein, den er eigentlich schonen wollte. Außerdem ist im Zweifel noch Joker Alcácer im Kader: Sechs seiner sieben Ligatore schoss er nach seiner Einwechslung. Auch Jadon Sancho war nach Einwechslungen schon an sechs Treffern beteiligt.


Problemzone Abwehr


Der Trainerstab wird sich eventuell schon vor dem Pokalspiel überlegt haben, wen er aufstellt. Dabei stellt die Abwehr nach wie vor eine Problemzone dar, denn mit Lukasz Piszcek, Manuel Akanji, Jeremy Toljan, Marcel Schmelzer und ​jetzt auch noch Abdu Diallo fallen gleich fünf Defensivstützen aus. „Wir müssen erst mal schauen, wer am Samstag für uns fit und einsatzbereit ist“, machte auch Zorc klar. Daher werden die Borussen bei Wackelkandidaten wohl kein Risiko eingehen und im Zweifel Abstriche in der Aufstellung machen. Thomas Delaney ist hingegen wieder fit, wie Favre bestätigt. Also wird der Däne einer sein, der gleich wieder spielen muss, statt für die kommende Woche geschont zu werden.


​Die voraussichtliche Aufstellung gibt es hier.