FC Bayern: Die 6 wichtigsten Fragen zur aktuellen Krise und Zukunft des Rekordmeisters

Der FC Bayern München startete mit einer Serie von sieben Siegen in die Saison, doch nach vier sieglosen Partien in Folge steht der Rekordmeister vor einem Rätsel. Der Trainer und die Mannschaft scheinen gleichermaßen nicht zu wissen, was der ausschlaggebende Faktor für den aktuellen Negativ-Lauf ist. Während Kovac daher liefern muss, steht der ein oder andere Verantwortliche zunehmend in der Kritik.


Jedoch stellt sich auch die Frage, wie der Verein in Zukunft agieren wird. Sind die handelnden Personen die richtigen für ihren Posten? Wie sollte der Kader in Zukunft aufgefrischt werden? Welche Spielphilosophie soll die Mannschaft verfolgen? So könnten die Antworten auf die sechs wichtigsten Fragen aussehen, die man sich an der Säbener Straße stellen muss:

1. Ist Salihamidzic der richtige Mann für den FC Bayern?

Im August vergangenen Jahres wurde Hasan Salihamidzic als neuer Sportdirektor des FC Bayern vorgestellt. Der Ex-Spieler soll sich nicht nur um die Mannschaft kümmern, sondern auch intern einige Dinge umstellen. Innerhalb des Vereins gilt der Bosnier als akribisch, krempelte die medizinische Abteilung sowie das Scouting um und führt regelmäßig Gespräche mit den Spielern.


In der Mannschaft soll er laut Bild allerdings nicht allzu viel Autorität genießen, kommt stattdessen eher als "Kumpel-Typ" rüber. Das viel größere Manko: Trotz seiner intensiven Arbeit hinter den Kulissen lässt die Darstellung von 'Brazzo' in der Öffentlichkeit oft zu Wünschen übrig.


Immer wieder hagelt es Kritik an seinen Aussagen in Interviews oder Pressekonferenzen, ihm wird fehlende Souveränität nachgesagt. Noch schlimmer: In der derzeitigen Krise hält sich der 41-Jährige in der Öffentlichkeit gänzlich zurück. 


Speziell Trainer Niko Kovac, der am vergangenen Sonntag von Salihamidzic zu einem Krisen-Gespräch geladen wurde, leidet darunter. Rückendeckung erhält der 46-Jährige einzig von Präsident Uli Hoeneß, Salihamidzic hingegen schweigt. "Was mich wundert: Von 'Brazzo' kommt gar nichts. Er ist doch der Sportdirektor. In so einer Phase hätte ich von ihm erwartet, dass er seinen Mann steht. Ich hätte gesagt, ich muss hier meinen Trainer schützen", kritisierte ihn Stefan Effenberg zuletzt deutlich.


Wenn Salihamidzic beweisen will, dass er der richtige Mann für diesen Posten ist, dann wird er in Zukunft auch öffentlich härter durchgreifen müssen. In Zeiten wie diesen, muss er den Trainer verteidigen und deutlichere Aussagen treffen müssen.

2. Ist Niko Kovac der richtige Trainer?

Wenn die Resultate mal nicht stimmen, schießen sich die Medien schnell auf eine Personalie ein: Den Trainer. Niko Kovac wechselte mit der Erfahrung von je zwei Jahren als Trainer der kroatischen Nationalmannschaft und Eintracht Frankfurt im Sommer zum FC Bayern München, brachte als einzigen Titel den Frankfurter Pokal-Erfolg im Mai mit.


Die aktuelle Situation scheint an ihm zu nagen. Kovac wirke gehemmt, spreche vor der Mannschaft nicht mehr so deutlich wie zu Beginn. In den Medien wurde ihm zudem Ratlosigkeit vorgeworfen, weshalb er nach dem vierten sieglosen Spiel vermehrt ins Kreuzfeuer geriet.


Was man allerdings nicht vergessen darf: Die Bayern starteten perfekt in die Saison. Die ersten sieben Pflichtspiele wurden allesamt gewonnen, bis zum 1:1 gegen den FC Augsburg verkörperte der Rekordmeister dabei die gewohnte Gier und Souveränität. 


Die Gründe für den raschen Absturz müssen also deutlich tiefer liegen. Für Sky-Experte Didi Hamann ist Kovac nur der Leidtragende: "Ich habe die Befürchtung, dass die Mannschaft charakterlich nicht zusammenpasst. Einige ziehen das eigene Wohl dem Gesamtwohl vor." (via Sport Bild).


Seiner Meinung nach suchen die Spieler derzeit nach Ausreden, um sich selbst aus der Kritik zu nehmen: "Alles, was ich von der fehlenden Spielidee jetzt höre, sind Alibis. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass einige Spieler in den letzten Wochen bei der Vereinsführung waren und gesagt haben: Wir machen zu wenig Taktik, zu viel Rotation, wir trainieren zu hart oder zu wenig."


Solch ein Vorgehen der Spieler sei jedoch meist "der Anfang vom Ende" - und gewiss kein Einzelfall: "Das war bei Ancelotti dasselbe, vor zwanzig Jahren bei Rehhagel oder Trapattoni dasselbe, und das ist heute dasselbe. Solange die Vereinsführung den Spielern Gehör schenkt und sie nicht zum Trainer schickt, wirst du eine Situation kreieren, die den FC Bayern untrainierbar macht." 

3. Sollte Hoeneß sich künftig mehr zurückziehen?

Seit vielen Jahren verteidigt Präsident Uli Hoeneß "seinen" FC Bayern bis ins Mark, leistet sich immer wieder Spitzen gegen die Konkurrenz und schießt gegen die Kritiker. Allerdings brachte der 66-Jährige mit seiner jüngsten Aussage, Niko Kovac müsse letztlich für seine Entscheidungen "den Kopf hinhalten", den Trainer kurzzeitig in eine Bredouille - auch wenn er später revidierte und gegenüber dem kicker erklärte: "Ich werde Niko Kovac verteidigen bis aufs Blut.“


Doch Hoeneß äußerte sich zuletzt auch immer wieder kritisch über die Nationalmannschaft, speziell zum Drama um den Rücktritt von Mesut Özil. Das Problem: Seit seiner Rückkehr nach der Entlassung aus dem Gefängnis wirken seine Aussagen nicht mehr förderlich, bieten nur noch mehr Konfliktpotenzial. 


Zudem entscheidet er manche Dinge im Alleingang, sein Wort ist Gesetz. Beispielsweise werden die Münchener vorerst nicht im eSport-Bereich aktiv, da Hoeneß sich stets dagegen wehrt. "Es wäre totaler Schwachsinn, wenn der Staat nur einen Euro dazugeben würde. Junge Leute sollen Sport auf dem Trainingsplatz treiben. Es gibt beim FC Bayern auch Bestrebungen. Ich bin dagegen. Stehe aber relativ allein da", sagte er laut kicker.


Auch in der Transferpolitik gibt er den Ton an. Während Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge durchaus dazu bereit gewesen ist, schon in diesem Sommer hohe Millionensummen in Neuzugänge zu investieren, gab Hoeneß die konservative Marschroute vor. Daher wurde lediglich Leon Goretzka verpflichtet, wohingegen drei Spieler den Verein verließen. Zwar soll im nächsten Jahr die Transfer-Offensive erfolgen, doch um auch künftig an der europäischen Spitze zu stehen, sollte der FC Bayern nicht immer einzig und allein das Wort des Präsidenten befolgen.

4. Ist die Zeit von 'Robbery' langsam vorbei?

Franck Ribéry und Arjen Robben bilden seit nun mehr neun Jahren die Flügelzange des FC Bayern. Mit 35 (Ribéry) und 34 (Robben) Jahren sind die beiden Ausnahmekünstler allerdings im hohen Fußballalter.


Davon will sich innerhalb des Vereins allerdings keiner blenden lassen. Möglicherweise steckt dahinter jedoch ein großer Fehler, denn: Beide können zweifelsfrei noch immer auf hohem Niveau agieren - doch können sie ihr Niveau über eine komplette Saison halten?


Das eigentliche Problem steckt in der Transferpolitik: Mit Kingsley Coman und Serge Gnabry stehen zwei junge und talentierte Spieler, die darauf brennen, das Duo zu beerben, in den Startlöchern. Allerdings ist Coman hochgradig verletzungsanfällig, fehlt seit dem ersten Spieltag aufgrund eines Syndesmosebandrisses noch bis zum Ende des Jahres. Gnabry hingegen ist nach einem Jahr bei Werder Bremen und einer weiteren Saison bei 1899 Hoffenheim trotz guter Ansätze noch nicht auf dem Niveau, um sich dauerhaft in München durchsetzen zu können.


Seit Jahren fordern die Fans weiteres Personal auf den Außen, um mittelfristig gut aufgestellt zu sein. Speziell im weiteren Verlauf der Saison dürften die Kräfte bei Ribéry und Robben allmählich nachlassen, weshalb die aktuelle Besetzung Gefahr birgt. Im Hinblick auf die anstehende Saison scheint eine Trennung von beiden wahrscheinlich, wobei man vermutlich mit Robben verlängern würde, wenn man sich zwischen einem der beiden entscheiden müsste. Doch trotz aller Fußballromantik sollte man realistisch bleiben und sich eingestehen, dass die Zeit von 'Robbery' in diesem Jahr abläuft.

5. Was ist die Spielidee?

Schneller Kombinationsfußball, hohes Pressing, ständiger Druck auf den Gegner. Diese Spielidee pflegen die Münchner seit vielen Jahren. Initiiert von Louis van Gaal, unter dessen Leitung sich gegen Ende viele, langwierige Ballstafetten ergaben, perfektioniert von Jupp Heynckes und Pep Guardiola.


Das derzeitige Problem der Münchner: Wenn von den Außenbahnen kein Druck kommt, besteht kein Plan B. Das Resultat - ähnlich wie bei der deutschen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft: Viel Ballbesitz, wenig Kreativität und nahezu keine Chancen. 


Mats Hummels kritisierte jüngst die Raumaufteilung. Zu wenige Akteure seien dort, "wo es dem Gegner wehtut." Genau an diesem Punkt wird Niko Kovac anpacken müssen. Der Trainer muss eben jenen 'Plan B' entwickeln, um die Durchschlagskraft in der Offensive zu gewährleisten.


Aktuell tut sich die Mannschaft gegen jene Gegner schwer, die kompakt stehen, aggressiv rausschieben und in Manndeckung agieren. Doch der Rekordmeister wird seine grundsätzliche Spielidee nicht plötzlich umändern, stattdessen dürfte der offensive, dominante Kombinationsfußball weiterhin in der DNA bleiben. Dafür wird man jedoch den Umbruch vorantreiben müssen, um frische und schnelle Spieler mit dem nötigen Spielwitz aufstellen zu können.

6. Wie stellen sich die Bayern künftig in der Defensive auf?

Der Kern der Defensive wird sich kaum verändern. Auch in Zukunft heißen die beiden Außenverteidiger David Alaba und Joshua Kimmich, in der Zentrale dürfte sich Niklas Süle zum neuen Abwehrchef entwickeln. Offen bleibt hingegen, wer den freien Posten neben dem 23-Jährigen besetzen wird.


Noch immer scheint ein Abgang von Jerome Boateng realistisch, wenngleich erst im kommenden Sommer. Sollte sich der Transfer von Benjamin Pavard realisieren, hätte man einen jungen, ehrgeizigen und vor allem sehr guten Ersatz für den 30-Jährigen parat. Zudem hätte man mit Mats Hummels noch immer einen erfahrenen Innenverteidiger, der dem jungen Duo zur Seite steht.


Doch Hummels wird weiterhin um einen Stammplatz kämpfen, weshalb der Konkurrenzdruck weiterhin hoch sein wird. Als weitere Alternative stünde Javi Martinez parat, der zur Not in der Innenverteidigung agieren kann.


Somit bleibt die Breite auf den Außenposten das Problem. Mit Rafinha steht nur ein Ersatzspieler für Alaba und Kimmich zur Verfügung, nachdem Juan Bernat für eine wohl irrwitzige Summe an Paris St. Germain abgegeben wurde. Daher müssen die Verantwortlichen nachlegen, denn die Verletzungen von Rafinha und Alaba zeigen: Ein dünner Kader ist ein Spiel mit dem Feuer.


Der neue Außenverteidiger müsste allerdings mit dem Manko leben, lediglich auf der Bank gesetzt zu sein. Der 20-jährige Marco Friedl ist noch bis Saisonende an Werder Bremen verliehen, hat dort jedoch keinen Stammplatz inne und verbringt die meiste Zeit auf der Bank. Ob er bei seiner Rückkehr die richtige Lösung ist, gilt daher als fraglich.