Es ist das Thema der vergangenen Tage: die sogenannte "Freiwild"-Debatte rund um den FC Bayern München und die vermeintlich zu harte Herangehensweise der Gegner in den direkten Duellen mit dem Bundesliga-Rekordmeister. Nach dem 3:1-Erfolg über Bayer 04 Leverkusen, bei dem die Münchner mit Außenverteidiger Rafinha und Weltmeister Corentin Tolisso gleich zwei schwer verletzte Spieler zu beklagen hatten, beschwerte sich Trainer Niko Kovac über die aggressive Gangart der Gegner. Jüngst legte nun auch noch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge nach und forderte Schutz von Seiten des DFB. Doch ist die Kritik überhaupt gerechtfertigt? Ein Kommentar.


Der ​FC Bayern München ist seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnte, der unangefochtene Branchenprimus in Deutschlands Fußball. Die Roten sammeln auf nationaler Ebene einen Meistertitel nach dem anderen und gehören auch im DFB-Pokal mit wenigen Ausnahmen stets mindestens zu den letzten vier Mannschaften. 


Die finanziellen Mittel suchen ligaweit ihresgleichen, sodass natürlich auch die Qualität der Spieler im Kader der Münchner landesweit unerreicht ist. Um dennoch eine Chance in den direkten Duellen gegen den Rekordmeister zu haben, versuchen viele Mannschaften ihr Glück mit einer defensiven Grundordnung und einem aggressiven, harten Zweikampfverhalten. 


FC Bayern Muenchen v Bayer 04 Leverkusen - Bundesliga

Ist nicht einverstanden mit der Zweikampfführung der Bayern-Gegner: Trainer Niko Kovac



Nach Meinung der Bayern-Führung wurde diese Gangart spätestens am vergangenen Wochenende nun aber auf die Spitze getrieben. Vor allem das Foul von Leverkusens Karim Bellarabi an Rafinha, für das er im Übrigen für vier Spiele gesperrt und mit einer Geldstrafe belegt wurde, brachte das Fass zum Überlaufen und ließ den neuen FCB-Coach Niko Kovac im Anschluss an die Partie von "Freiwild" sprechen. 


Der Kroate beklagte sich über die vermeintlich zu harte Spielweise der Gegner und ​wünschte sich wie Vorstandsboss Rummenigge mehr Schutz für seine Stars. Dass gerade er aber dabei in eine solche Richtung argumentiert, erscheint mit Blick auf die Spielweise seiner Ex-Mannschaft Eintracht Frankfurt aus der Vorsaison mindestens ein wenig paradox, wenn nicht schon fast ironisch. 


Mit den Hessen gewann Kovac am Saisonende zwar den DFB-Pokal gegen den FC Bayern, machte sich zuvor aber ligaweit einen Namen als unangenehme "Tretertruppe". Auch die Zahlen belegen dies durchaus. Während der ehemalige Bundesligaprofi bei der SGE an der Seitenlinie stand, foulte kein Team häufiger als die Eintracht. Ganze 15,4 Mal pro Spiel musste der Schiedsrichter laut kicker pro Spiel unterbrechen.


Natürlich sind auch taktische Fouls in der Statistik inbegriffen, dennoch beendeten die Frankfurter die drei betroffenen Spielzeiten jeweils als Schlusslicht der Fairplay-Tabelle. Dazu kommen die meisten Gelben Karten - und das gleich drei Mal in Folge. 


Betrachtet man die Partien zu Beginn der neuen Saison genauer, bleibt festzuhalten, dass die Gegner der Bayern mitunter zwar hart, aber meist im Rahmen des Erlaubten und, wie im Falle von Karim Bellarabi am Samstag, nur in Ausnahmefällen unfair zu Werke gehen.


Auch der ehemalige Nationaltorhüter und Werder-Keeper Tim Wiese erklärte in seiner neuen Funktion als Experte bei Sport1, dass die Kritik der Bayern-Führung unangebracht und überzogen sei. "Was Niko Kovac und Uli Hoeneß nach dem Spiel gegen Leverkusen von sich gegeben haben, ist totaler Quatsch. Papperlapapp Freiwild. Man muss so gegen die Bayern agieren. Das Foul vom Karim Bellarabi war nicht gewollt", so der 36-Jährige, der die Art und Weise versteht, mit der die kleineren Teams gegen die Münchner antreten. 


"Spielerisch sind sie klar stärker als die Gegner, deswegen musst du körperlich aggressiver zu Werke gehen. Nicht unfair, aber du musst dich bemerkbar machen, keinen Respekt zeigen." Zudem kennen sich auch die Bayern mit unfairen Attacken aus, man erinnere sich nur an die Beißattacken oder Kung-Fu-Tritte á la Oliver Kahn.. 


Insgesamt bleibt festzuhalten, dass der FC Bayern jüngst zwar ordentlich Pech hatte und unter dem einen oder anderen überharten Foul leiden musste - dennoch ist der Vorwurf der Münchner Klubführung an die anderen Bundesligisten (zumindest) zum aktuellen Zeitpunkt (noch) Fehl am Platz.


Eine Mannschaft mit der Qualität des Rekordmeisters muss die Spielweise seiner Gegner auf nationaler Ebene verstehen und vor allem auch verkraften können, wenn man seinen Status als klare Nummer eins im deutschen Fußball mit Würde vertreten und aufrechterhalten möchte.