​Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hat im Rahmen des Trainingslagers über die neue Mentalität der Mannschaft gesprochen, die eine erneute Entfremdung zwischen Team und Fans verhindern soll, sowie einen Einblick in den Stand der Kaderplanungen gegeben und Probleme in der deutschen Nachwuchsförderung angesprochen. 


Neben mehr sportlicher Qualität hätten die aktuellen Transfers von ​Borussia Dortmund laut Sportdirektor Zorc auch zum Ziel, eine neue Mentalität in der Mannschaft zu verankern: "Durch einige neue Spieler, aber viel wichtiger: durch einen inhaltlichen Neustart. Wir wollen die Einhaltung von Werten und Regeln, die wichtig für den Erfolg sind, wieder in den Vordergrund rücken und strenger kontrollieren. Vor allem geht es um Disziplin, Pünktlichkeit, Zusammenhalt und Kommunikation. Mehr Wir, weniger Ich. Die Balance war in den vergangenen beiden Jahren leider nicht optimal." 


"Es kam zu einer Entfremdung zwischen Profis und Anhängern."


Damit spielt Zorc im Interview mit ​t-online auch auf die geräuschvollen Abgänge von Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang an: "Wir haben meiner Meinung nach zwar beide Fälle im Sinne des Klubs wirtschaftlich bestmöglich gelöst. Aber das Verhalten von Aubameyang und Dembélé hat sich natürlich auf die Mannschaft ausgewirkt – und auch nach außen. Viele Fans haben zu Recht mit Unverständnis für die Spieler reagiert, es kam zumindest ein Stück weit zu einer Entfremdung zwischen Profis und Anhängern. Das wollen wir nicht noch einmal zulassen."

Helfen sollen dabei auch die Neuverpflichtungen Thomas Delaney und Axel Witsel: "Unsere letzte Saison war schlecht in allen Bereichen – das muss man so deutlich sagen. In der Analyse haben wir festgestellt, dass wir im zentralen Bereich echte Typen brauchen. Es war manchmal zu einfach uns zu schlagen, weil die Gegenwehr gefehlt hat und einer, der die Richtung vorgibt. Deshalb haben wir mit Witsel und Delaney zwei gestandene Spieler dazu geholt, von denen wir uns erwarten, dass sie in schwierigen Situationen Orientierung geben."


Durch die Umstrukturierung des Kaders und das Aufstellen neuer, verbindlicher Regeln habe sich diese Mentalität laut Zorc bereits "eindeutig" verbessert. Dennoch möchte der Sportdirektor nicht den Fehler machen, die neue Mannschaft mit zu großen Erwartungshaltungen und Druck zu belasten: "Wir sind ambitioniert, wir sehen uns als Teilnehmer der Champions League, aber alleine schon ein wirtschaftlicher Vergleich mit dem FC Bayern wäre wie das Rennen eines 800-PS-Rennwagen gegen einen mit 500 PS. Und die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind leider maßgeblich im Fußball." 


Zur Arbeit mit Neu-Trainer Favre: "Diskussionen bringen uns voran."


Neben den neuen Spielern ist dabei vor allem der neue BVB-Trainer Lucien Favre ein Hoffnungsträger, von dem sich die Verantwortlichen in Dortmund viel versprechen: "Lucien Favre sehe ich als einen Trainer, der die Balance zwischen Angriff und Verteidigung sucht. Seine Teams zeichnen sich durch technisch hochwertigen Ballbesitzfußball aus, ohne zu großes Risiko zu gehen", beschreibt Zorc den Spielstil des Schweizers. Spekulationen um eine schwierige Persönlichkeit von Favre möchte Zorc nicht gelten lassen: "Ich verlasse mich auf meinen eigenen Eindruck - und der ist bislang hervorragend. Wir haben einen sehr guten Dialog, sind natürlich nicht immer einer Meinung, aber das wäre auch fatal. Diskussionen bringen uns voran."


"Große Stars zu entwickeln ist eine unserer Kernkompetenzen."


Neben seiner fachlichen Kompetenz ist Favre auch dafür bekannt, intensiv mit jungen Spielern zu arbeiten und diese zu entwickeln. Auch deshalb passe der Trainer gut zum BVB: "Wir als Borussia Dortmund sind gut damit gefahren, die großen Stars selbst zu entwickeln. Das ist eine unserer Kernkompetenzen! Aber mir gefällt dieses dogmatische Denken nicht. Wir können eigene Talente ausbilden, aber eben auch einen gestanden Spieler wie Axel Witsel holen, wenn wir das Gefühl haben, einen solchen Profi zu brauchen. Es sollte immer die Verstärkung der Mannschaft zählen, sonst setzt man sich unnötig Limits", meint Zorc. 


Doch nachdem der BVB zuletzt Talente wie Christian Pulisic oder Jadon Sancho aus dem Ausland holte, sieht auch Zorc, dass die Qualität der Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball aktuell nicht auf dem besten Niveau ist: "Man kann an den aktuellsten Ergebnissen der deutschen Junioren-Teams ablesen, dass international andere Nationen gerade deutlich die Nase vorn haben. Die Förderung der Talente ist im Ausland gegenwärtig zumindest erfolgreicher – und es ist zumindest momentan einfacher, ein absolutes Top-Talent in Frankreich oder England zu finden als in Deutschland."