Der eine darf gehen, der andere soll bleiben: Jerome Boateng und Mats Hummels sollten eigentlich nicht nur in der Nationalmannschaft das Duo in der Innenverteidigung bilden, sondern auch beim ​FC Bayern München. Beide zählen seit Jahren zu den besten Abwehrspielern Deutschlands und Europas, doch letzten Endes verwundert es ein wenig, dass die Verantwortlichen der Münchner Boateng bei einem Wechsel keine Steine in den Weg legen wollen. Daher stellt sich die Frage: Was unterscheidet beide Akteure?


Der Abgang von Jerome Boateng rückt näher. Den 29-Jährigen zieht es zu Paris St. Germain, ​offenbar haben die Gespräche zwischen beiden Klubs mittlerweile an Fahrt aufgenommen. Nach sieben Jahren scheint er einen Strich unter die Zeit beim deutschen Rekordmeister zu ziehen, Hummels hingegen wird dem Verein weiterhin erhalten bleiben.

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  Darf bei einem passenden Angebot gehen: Jerome Boateng


Der größte Unterschied zwischen beiden Personalien liegt dabei in der Verletzungsanfälligkeit. Allen voran Boateng hatte in der Vergangenheit vermehrt mit muskulären Problemen zu kämpfen, verpasste dadurch zahlreiche Partien und kam seitdem nicht mehr so recht zu seiner einstigen Topform. Zum Vergleich: Seit Hummels vor zwei Jahren zum FC Bayern zurückkehrte, stand er insgesamt 83 Mal auf dem Platz - Boateng nur 52 Mal.


Zu Beginn und zum Ende der abgelaufenen Saison kämpfte der gebürtige Berliner mit Oberschenkelproblemen, hatte auch in der Zwischenzeit vereinzelt Schwierigkeiten und absolvierte nur 19 Partien in der Bundesliga. In der Vorsaison fehlte er von Dezember bis März aufgrund einer Verletzung an der Schulter, im Januar 2016 erlitt er einen Sehnenriss, der ihn ebenfalls zu einer dreimonatigen Pause zwang.


Hummels auf höherem Niveau


Mats Hummels hingegen ist seit Jahren regelmäßig fit und bleibt meist nur auf der Bank, wenn er geschont werden soll. Die letzte längere Auszeit gab es von November 2013 bis Januar 2014, als er mit einer Bänderverletzung zu kämpfen hatte. Seither verpasste er in den letzten drei Jahren nur 26 Pflichtspiele - Boateng hingegen 73.

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  Fitter, konstanter, deutlicher: Mats Hummels


Aufgrund dessen ist es Hummels möglich, konstant auf hohem Niveau zu spielen, während sich Boateng immer wieder rankämpfen und von Verletzungen erholen muss. Daher wirkt der Mann mit der Rückennummer fünf sicherer in den Zweikämpfen, zuverlässiger und oftmals in besserer Verfassung. 


In den Zweikampfwerten der vergangenen drei Saisons spiegelt sich diese Wahrnehmung auch wider: Hummels gewann statistisch betrachtet stets mehr Duelle für sich, Boateng hingegen blieb meist unterlegen. Am deutlichsten fiel der direkte Vergleich in der Spielzeit 2016/17 aus: In dieser Zeit gewann Boateng lediglich 56 Prozent seiner Duelle, Hummels hingegen 71. Für das Aufbauspiel tragen sie ihren Teil jedoch gleichermaßen bei, auch in den Passquoten ähneln sie sich. 


Wiederholte Kritik an Boatengs Auftreten in der Öffentlichkeit


Allerdings spricht auch das Verhalten neben dem Platz für Hummels. Im Kopf bleibt besonders die ​Kritik von Karl-Heinz Rummenigge an Boateng, nachdem die Bayern im November 2016 in der Champions League mit 2:3 gegen FK Rostow verloren: "Jerome muss mal wieder etwas zur Ruhe kommen. Das ist mir schon seit dem Sommer etwas zu viel. Es wäre in seinem Sinne und in dem des Klubs, wenn er mal wieder back to earth kommen würde", sagte der 62-Jährige damals.

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  Teilte mehrfach in den Medien gegen Boateng aus: Karl-Heinz Rummenigge


Eine Antwort von Boateng ließ nicht lange auf sich warten: "Darüber kann ich nur lachen. Das nächste Mal kann er mir das auch ins Gesicht sagen", wurde er bei Goal zitiert. Doch nicht nur der Vorstands-Boss stört sich an dem Verhalten des Innenverteidigers. Auch Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus prangerte ihn nach dem Ausscheiden bei der WM deutlich an. "Bei Boateng denke ich mir: Ist der Fußball das Wichtigste oder doch die Sonnenbrille und der Brilli im Ohr? Vor solchen Dingen muss erst mal die Leistung auf dem Platz stimmen. Das sind Zeichen nach außen, die will der Fan nicht sehen. Wir gönnen das jedem Spieler - wenn die Leistung auf dem Platz stimmt. Aber das hat sie bei Boateng nicht", so der 57-Jährige gegenüber ​Sport1.


Bei Hummels hingegen steht das Sportliche im Vordergrund. Dieser beweist innerhalb der Mannschaft Führungsqualitäten, legt den Finger in die Wunde und spricht viele Dinge - auch vor den Medien - deutlich an. Die ​Süddeutsche Zeitung betitelte ihn im Juni als "Chefkritiker", der ​besonders während der Weltmeisterschaft immer wieder deutliche Worte fand. Von Boateng hingegen hört man so etwas eher selten, er gibt sich zurückhaltender.


Auch Süle trägt seinen Teil zu einem Transfer bei


Zudem hat die vergangene Saison bewiesen: Boateng ist ersetzbar. Der Grund hierfür heißt Niklas Süle. Der 22-Jährige wechselte vor einem Jahr von der TSG Hoffenheim nach München, stand 42 Mal auf dem Platz und schaffte den Sprung in den WM-Kader. Zwar leistete sich der 1,95 Meter große Hüne drei Eigentore und zeigte den einen oder anderen Wackler, doch auf Dauer kann er sich zu einer festen Säule innerhalb der Mannschaft entwickeln. Süle ist vermutlich der Hauptgrund dafür, dass Boateng gehen darf.

Dass dieser noch immer ein sehr guter Abwehrspieler ist, steht außer Frage. Doch wenn es darum geht, wer der eigentliche Abwehrchef beim FC Bayern München ist, ist klar: Es kann nur Mats Hummels sein. Jerome Boateng hingegen hat intern offenbar an Bedeutung verloren - und darf daher gehen.