Arturo Vidal verlässt nach drei Jahren den FC Bayern München. Mit dem Chilenen verliert der Rekordmeister einen Kämpfer, der die Mannschaft mit seiner extrovertierten Art oft mitgerissen hat und zudem noch torgefährlich war. Doch angesichts der Alternativen im Bayern-Kader ist Vidals Abgang zu verschmerzen. 


Für den zum FC Barcelona abgewanderten Vidal kassieren die Münchner 19 Millionen Euro. Ein realistischer Preis für einen 31-Jährigen, dessen Vertrag in München 2019 ohnehin ausgelaufen wäre. "Wenn man als Südamerikaner ein Angebot eines spanischen Klubs bekommt, ist es normal, dass er über einen Wechsel nachdenkt", erklärte Bayern-Coach Niko Kovac gegenüber der Bild und ergänzte: "Wir haben uns entschieden, dass wir ihm das ermöglichen." Kovac hält den Kader weiterhin für bestens aufgestellt. "Wir haben beim FC Bayern 22, nach dem Abgang von Arturo noch 21 Weltklasse-Spieler", sagte der 46-Jährige. 

2016-17 UEFA Champions League - Real Madrid vs FC Bayern Munich

Arturo Vidal (u.): Der entbehrliche "Sensenmann" in Bayerns Mittelfeld


In der Heimat nennen sie Vidal den "Krieger" wegen seiner forschen, manchmal knallharten Spielweise am Rande der Legalität. In manchen Spielen entfachte er allein durch seine Ausstrahlung das Feuer bei seinen Mitspielern. Unvergessen: Vidals Ballgewinn vor dem 2:2 im Champions-League-Achtelfinal-Rückspiel 2016 gegen Juventus Turin, der die Verlängerung überhaupt möglich machte. Bayern gewann gegen den Ex-Klub des Chilenen am Ende mit 4:2 und zog in die nächste Runde ein.


Fouls von Vidal schwächten sein Team


Aber es waren auch Vidals Aussetzer, die das Team schwächten. Allen voran die Gelb-Rote-Karte im Champions-League-Viertelfinale 2017 gegen Real Madrid, als Bayern München beim Stand von 2:1 nach 84 Minuten ohne Vidal weiterspielen musste und sich in der Verlängerung noch drei Gegentore fing. Es war häufig ein schmaler Grat, auf dem Vidal wandelte: Zwischen jener Überhärte und dem Biss, den einen Schritt mehr zu machen, als der Gegner. Und der Entschlossenheit, keinem Zweikampf aus dem Weg zu gehen. 


Der FC Bayern steht jetzt vor der Frage, welcher Spieler in die Fußstapfen des 100-fachen Nationalspielers tritt. Für Bayern war Vidal deswegen entbehrlich, weil im zentralen Mittelfeld ein Überangebot herrscht, das der Verein mit dem Verkauf des Chilenen nun etwas gedrosselt hat. Javi Martinez, Sebastian Rudy, Thiago, Corentin Tolisso, Rückkehrer Renato Sanches und Neuzugang Leon Goretzka balgen sich um zwei, bei einer kompakteren Formation maximal um drei Plätze. 

Bayern Muenchen v Manchester United - Friendly Match

Ein Kandidat für die Vidal-Nachfolge und als "Gesicht" der neuen Bayern-Generation: Leon Goretzka


Mit dem Wechsel des 31-jährigen Vidal und der Rückholaktion von Sanches (20) und der Verpflichtung Goretzkas (23) sind die Bayern jünger geworden. Längst haben die Verantwortlichen erkannt, dass man sich für die Zukunft aufstellen muss. Immer noch stellt der FC Bayern eine der ältesten Mannschaften in der Bundesliga, doch so abhängig von den beiden Routiniers Franck Ribery und Arjen Robben, wie noch vor wenigen Jahren, wird der FC Bayern nicht mehr sein. 


Nur der Beginn eines Generationswechsels


Mit Serge Gnabry (23) und Kingsley Coman (22) plant man langfristig, auch Niklas Süle (22), Joshua Kimmich (23) und Corentin Tolisso (24) stehen für den jungen FCB. Im Hier und Jetzt bahnt sich ein Generationswechsel an, der Vidal-Weggang ist nur die Spitze einer Frischzellenkur, die die Bayern bewusst forcieren.


Für Vidal dürfte Tolisso oder Goretzka ins Team rücken - neben Javi Martinez, der im defensiven Mittelfeld vermutlich einen Stammplatz sicher hat. Tolissos Selbstvertrauen dürfte im Moment groß sein, nach dem WM-Titel mit Frankreich, obwohl Nationaltrainer Didier Deschamps nur teilweise auf ihn setzte. Goretzka hat zwar das WM-Debakel mit Deutschland miterlebt, von Vorteil für den ehemaligen Schalker ist allerdings, dass er deutlich früher in die Saisonvorbereitung eingestiegen ist als Tolisso, der erst am 13. August aus dem Urlaub zurückkehrt. 

Renato Sanches hatte in den letzten Tests zwar lichte Momente, muss sich aber nach zwei verlorenen Jahren hinten anstellen. Zudem setzt den Portugiesen aktuell eine Lendenwirbel-Blockade außer Gefecht. Thiago könnte die etwas offensivere Rolle neben Martinez einnehmen, aber auch als Spielmacher fungieren. Auch wenn der FC Bayern mit Vidal einen Führungsspieler verliert, haben jetzt die Jüngeren die Chance, einen neuen FC Bayern mitzuprägen.